Zum Inhalt der Seite
Fehlzeitenreport 2026

Erschöpfung als Klassenfrage

Fehlzeitenreport 2026 der AOK: Arbeitsstress und maue Konjunktur sorgen für psychische Erkrankungen, die wiederum für Ausfälle – Sparprogramme wirken wie Brandbeschleuniger.

Foto: CHROMORANGE/imago
Jeder vierte schleppt sich krank zur Arbeit und verzichtet auf den gelben Schein

Hat man das Glück, einer Lohnarbeit nachzugehen, die nicht unmittelbar krank macht, lädt das Verhältnis von Bezahlung und Belastung zuweilen dennoch zum Krankmachen ein. Das gilt, darf aus dem am Donnerstag veröffentlichten »Fehlzeitenreport 2026« der AOK geschlossen werden, für helfende und beratende Berufe mehr als für andere: Dialogmarketing, Haus-, Familien- sowie Altenpflege und Sonderpädagogik führen die Statistik der Arbeitsunfähigkeit (AU) an. Auf deren vorletzten Platz lassen sich Geschäftsführer und Vorstände aushalten. Ein Detail der Auswertung der Daten von rund 15 Millionen Versicherten, das die BRD als Klassengesellschaft zeigt.

Der dezente Rückgang auf 23,3 AU-Tage je AOK-Mitglied nach dem Spitzenwert von 24,5 Tagen aus dem Jahr 2022 ist laut Pressemitteilung nicht als Entwarnung aufzufassen. Erstens zeigt der Report, dass sich mehr als jeder vierte krank zur Arbeit schleppt, mitunter auch gegen ärztlichen Rat – so viele Menschen wie seit 2020 nicht. Zweitens griffen mit einem Zuwachs von 42 Prozent binnen eines Jahrzehnts auf zuletzt 403 Tage AU je 100 Mitglieder psychische Erkrankungen um sich. Pro Fall fielen Betroffene im Schnitt 28,5 Tage aus: ein Rekordwert. Bei Atemwegserkrankungen, dem mit Abstand häufigsten Grund für AU, seien es nur 5,7 pro Fall gewesen. Die Burnoutdiagnosen hätten sogar um 77 Prozent zugelegt.

Die Erklärung liefert der Report mit. Hatten psychische Beschwerden seit 2022 abgenommen, schnellten sie vergangenes Jahr wieder herauf: Rund 54 Prozent litten unter »Niedergeschlagenheit«, fast 75 Prozent unter »Wut und Verärgerung«, mehr als drei Viertel der Versicherten unter »Erschöpfung«. Dasselbe Muster bei »kognitiven Irritationen«: Jeder dritte denke in seiner Freizeit an die Schwierigkeit der Lohnarbeit, 28 Prozent könnten nach der Schicht nur schwerlich abschalten. Das überrascht nicht. Jeder zweite mache sich »eher mehr Sorgen« um die »allgemeine wirtschaftliche Entwicklung«, fast jeder fünfte befürchte, dass sein Arbeitsplatz vermutlich »von anstehenden Umstrukturierungen betroffen« sein wird.

Anzeige

Angesichts der mauen Konjunktur hierzulande dürften besagte Leiden zunehmen und dies »sich perspektivisch auch negativ auf die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen auswirken«, fasste Helmut Schröder, Geschäftsführer des Instituts der AOK, die Befunde vorsichtig zusammen. Inzwischen entfallen laut Mitteilung 6,1 Prozent der Ausgaben der Kasse auf das Krankengeld – gegenüber 5,2 Prozent vor zehn Jahren. »Gute Arbeit« hingegen biete »Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit«, ergänzte Expertin Steffi Riedel-Heller und forderte, die Verantwortung dafür nicht bei den Beschäftigten abzuladen.

Genau das bezweckt indes die Bundesregierung mit ihrer Deregulierung der Arbeitswelt und ihren Angriffen auf die Sozialsysteme. Auf den Punkt brachte diesen Widersinn Evelyn Schötz, Sprecherin für psychische Gesundheit der Fraktion Die Linke im Bundestag: »Die Sparpläne werden uns ein Vielfaches dessen kosten, was eingespart werden soll.«

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 09.10.2026, Seite 5, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Besuchen Sie unseren Stand auf der Buchmesse Frankfurt/Main. Näheres zum Programm finden Sie hier.