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Literatur

Stadt als Falle

Verpeilte Dialoge, liebenswerte Figuren: Sven Regeners neuer Lehmann-Roman »Frankie und Freddie«

Foto: serienlicht/imago
Meine Güte, du hast dich ja gar nicht verändert! – Kotti in Kreuzberg

Auf eine irrwitzig unterhaltsame, winterliche Odyssee schickt Sven Regener seine Helden in »Frankie und Freddie«. Regeners siebter Roman schließt an »Wiener Straße« und »Glitterschnitter« an, funktioniert aber auch für sich genommen. Er schildert einen einzigen Tag im Leben zweier Bremer Brüder in Berlin-Kreuzberg.

23. Dezember 1980: Frank Lehmann möchte seinen großen Bruder Manfred aus dem »Pillenhotel« am Kurfürstendamm abholen, wo der sich als Versuchskaninchen für Psychopharmaka verdingt hat. Doch der Kadett, der ewig rumstand, springt nicht an. »Wer braucht ein Auto in Berlin?«

Freddie hat aber Angst vor Menschen, Angst vor der U-Bahn. Freund und Mitbewohner Karl Schmidt muss mit dem Schneeräumfahrzeug aushelfen. Eile ist geboten. Nicht zuletzt, weil auf den genialischen Skulpteur beziehungsweise »Quatschzusammenschweißer« Freddie ein DAAD-Stipendium in New York wartet. Als eine wichtige Tasche verlorengeht, setzt sich eine rasante, höchst unvorhersehbare Schnitzeljagd in Gang.

Als Kulisse dient das Westberlin der späten 70er, frühen 80er Jahre, reich an Zeitkolorit und Zuspitzungen. Freddie spielt sich als (analfixierter) Oberchecker auf: »Die ganze Stadt ist eine Falle. Das ist eine sterbende Stadt. Die bauen da nur Scheiße, und die sind auch alle scheiße, egal, wen du dir anschaust. Ich meine, die eine Hälfte ist da geboren, und die sind voll durch den Wind, die ganzen Alles-frisch-Berliner und Icke-dette-kiekemal-Typen, durch den ganzen Mauerbauscheiß und was weiß ich was sind die total kaputt.« Die zugezogenen »Kunstkacker« sind aber »mindestens genauso scheiße, die bilden sich Werweißwas ein, aber eigentlich sind sie bloß herzlose Arschlöcher, weil sie einen auf Mauerstadt und Abenteuerspielplatz machen, sich den ganzen Scheiß schöntrinken und Bohème spielen.«

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Nur vor dem »Weihnachtsschaufenster KaDeWe« bekommen alle Fraktionen leuchtende Augen, meint Freddie: »Legendär. Kannst du jeden fragen! … Das sind wirklich ambitionierte Freaks, die das machen. … Hat mir neulich einer aus der Schwulenszene erzählt, dass die da eine klare Reihenfolge der Bewunderung haben: Ganz oben die Lufthansa-Stewards, dann die Modedesigner und dann kommen schon die Schaufensterdekorateure vom KaDeWe!« Herzerwärmender als jede Beschreibung der Vitrinenauslage ist Regeners Kunst des Indirekten.

Wichtiger als Pointen sind Umwege dorthin. Einen passablen Witz verbessert Regener, indem er ihn kunstvoll zerfleddert. Als es vom KadeWe in den Wedding gehen soll, immer auf der Suche nach der Tasche, kommt Freddie kaum zu Wort. Er setzt an: »Das Gute an der Linie 8 ist, dass sie in den Wedding fährt, und zwar nicht außen rum … sondern unten durch«, wird mehrfach unterbrochen, kann seine »kleine rhetorische Figur« zunächst nicht vollenden. Erst später bringt er sie, nunmehr leicht beleidigt, aber nicht ohne Stolz, doch noch an: »Ich wollte eigentlich sagen: Das Gute an der Linie 8 ist, dass sie in den Wedding fährt wegen außen rum und unten durch und so, und dann wollte ich gleich darauf sagen: Und das Schlechte ist, dass sie in den Wedding fährt! Aber das kann ich mir jetzt ja wohl schenken …!«

Herz und Seele des Romans sind dringlich verpeilte Dialoge sowie schwer liebenswerte Figuren. Selbst wer Artsy Fartsy oder H. R. Ledigt heißt, wird nicht bloß zur Karikatur. Einzig die phrasendreschende sozialistische Apothekerin und der kommunistische Nachbar sind arg pappkameradenhaft geraten. Ex-K-Grüppler Regener wird seine Gründe haben. Zusammengehalten wird all das durch einen locker-trockenen, süffig-philosophischen Stil, der auch mal eine sentimentale Daumenschraube anzieht. Frank wird es immer weihnachtlicher zumute, je dichter tänzelnde Schneeflocken die Stadt in Weiß hüllen.

Der gefühlige Frank schaut zum abgeklärten Freddie auf, blickt wegen dessen Derangiertheit aber auch auf ihn herab. Er sieht sich in dessen Fußstapfen ebenso wie als seinen Begleiter. Die Dynamik zwischen den Brüdern verändert sich stetig, gerinnt nie. Manchmal haben sie einfach beide keinen Plan. Beim Organisieren sinnvoller S-Bahn-Fahrten sind sie auf die schwer erkältete Chrissie angewiesen, die das Liniennetz der BVG auswendig weiß und außerdem Frank den Kopf verdreht hat: »Er sah entzückt dabei zu, wie sie schnüffelnd die Nase hochzog und ein Niesen unterdrückte.«

Wie ein Verliebter hingerissen sein von halb absurden Nebensächlichkeiten: Diese Gabe teilt Regener mit seinen Figuren. Und am Ende auch mit uns.

→ Sven Regener: Frankie und Freddie. Galiani-Verlag, Berlin 2026, 288 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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