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Pleiten, Pech und Pannen
Im Dezember wählt der DOSB einen neuen Präsidenten. Amtsinhaber Thomas Weikert tritt zur Wiederwahl nicht an
Schon im Februar dieses Jahres, unmittelbar nach dem Ende der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo, wollte Thomas Weikert über seine Zukunft als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) entschieden haben. So hatte es der 64jährige angekündigt. Nach sieben Monaten Anlauf nun zu Oktoberbeginn sein wenig überraschender Entschluss, dass er zur Wahl am 5. Dezember nicht noch einmal antreten werde. Die »enorme Belastung« in diesem Ehrenamt parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit als Rechtsanwalt möchte er sich selbst und seiner Familie »nicht weitere vier Jahre zumuten«.
Seinen vermutlich letzten großen öffentlichen Auftritt an der DOSB-Spitze hatte Weikert bei der Wahl des nationalen Bewerbers für die Ausrichtung der Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 am 26. September in Baden-Baden. Als er den Umschlag mit dem Sieger in die Hand bekam, öffnete er das Couvert so unglücklich, dass der Gewinner »München« augenblicklich herauslugte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als offiziellem Verkünder blieb Sekunden später nichts anderes übrig, als den Fauxpas auf der Bühne staatsmännisch zu überspielen: »Wer es gerade noch nicht gesehen hat, dem sage ich: Der Sieger ist München.«
Im Dezember 2021 wurde Weikert zum Präsidenten gewählt. Gut möglich, dass es dieser Patzer ist, der als die exemplarische Szene seiner Regentschaft ins kollektive Sportgedächtnis eingeht – mangels anderer denkwürdiger und bleibender Auftritte. Der Anwalt aus dem hessischen Limburg blieb als Chef einer Organisation mit über 29 Millionen Mitgliedschaften (der mit Abstand größten hierzulande) blass, profillos und ohne Vision – mit Ausnahme (nicht nur) seines Traumes, wieder einmal Olympische Spiele in Deutschland auszurichten. Fairerweise soll nicht unterschlagen werden, dass sich der scheidende Präsident abseits der Umschlagpanne auch mit einer sympathischen Geste bemerkbar machte. In einem Interview mit der Welt schlug er unlängst vor, der unterlegene der beiden Kandidaten könne 2031 gern die European Games ausrichten. Ein kleiner Trostpreis für die Region Köln-Rhein-Ruhr.
Den Sport als gesellschaftliche Kraft spürbar zu machen, wie es Willi Daume (1950–1970) als Gründungspräsident des Deutschen Sportbundes (DSB) und später Willi Weyer (1974–1986), Hans Hansen (1986–1994) und Manfred von Richthofen (1994–2006) vormachten, ist Weikert nie gelungen. Mediale Präsenz war nie die Stärke des früheren Bundesligatischtennisspielers. Folgerichtig wurde der organisierte Sport in seiner Ära nicht nur in der Coronaphase von der Politik düpiert. Als Triebkräfte etwa für einen allgemein verbindlichen »Safe Sport Code« oder ein nationales Zentrum für »Safe Sport« traten andere wie die Vereinigung »Athleten Deutschland« hervor. Bei der Ausgestaltung des neuen Sportfördergesetzes legte das politische Berlin am Dachverband vorbei eine überarbeitete Fassung im Alleingang vor. Die Höchststrafe.
Nicht zu reden vom Kinder- und Jugendsport, vom Breiten- und Freizeitsport oder der Sportstättenproblematik. Themen, bei denen der Scheinriese DOSB unter Weikerts Regie im föderativen System stets in der Defensive blieb. Nur nichts vehement einfordern, nur kein falsches Wort, immer schön servil bleiben. Bestenfalls blieb dem Dachverband so der Part eines Mahners und Ausrufers von Wünschen mit anschließendem Danke-danke-danke-Gebet, selbst wenn von bundespolitischer Seite nur Bruchstücke zugestanden werden wie bei der erhofften jährlichen »Sportmilliarde« zur Abhilfe bei den maroden Sportstätten – ungeachtet eines Investitionsrückstandes im zweistelligen Milliardenbereich.
Unter Thomas Weikert hat sich an der Rolle des organisierten Sports als Bittsteller nichts geändert. Vielleicht wird das mit dem Nachfolger anders, wenn am 5. Dezember das DOSB-Präsidium neu gewählt wird – nun mit einer Münchner Olympiabewerbung im Rücken, die nicht nur vom Dachverband nachgerade als Erlösung von allen Sorgen gepriesen wird. Immerhin ist der erneute olympische Anlauf ein Fundament, von dem aus sich offensiv operieren ließe. Zum Beispiel für Michael Mronz, als Weikert-Nachfolger immer wieder ins Gespräch gebracht. Doch wofür würde sich der 59jährige, seit 2023 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), mit seinem üppigen Netzwerk primär ins Zeug legen?
Bislang hat der Manager aus Köln mit seiner Eventfirma den Sport vornehmlich für seine Geschäfte benutzt und als Entertainmentmarkt verstanden. Von der Ausrichtung von Tennisturnieren bis zur Beratung der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM), von den German Darts Masters bis zum Weihnachtssingen in der Dortmunder Fußballarena, von der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin bis zum Pro sieben-Klamauk mit Stefan Raabs Wok-WM hat Mronz so ziemlich alles in seinem Firmenportfolio. Im Zentrum bleibt bei alldem seine Reitturnier-GmbH, mit der er als Geschäftsführer seit fast 30 Jahren das CHIO in Aachen veranstaltet. Zudem hob er vor zehn Jahren die »Initiative Rhein-Ruhr City« aus der Taufe, um Olympia 2032 nach Nordrhein-Westfalen zu holen. Ein Fiasko, nachdem Brisbane vom IOC 2021 den Zuschlag erhalten hatte. Die finanziellen Folgen, etwa herbe Verluste für den Landeshaushalt, lösten sich anschließend genauso wie die Bewerber-GmbH unauffällig in Nebel auf.
Sollte so ein »Macher« Thomas Weikert an der Spitze des DOSB beerben? Was kann ein solcher Präsident dem Dachverband und seinen 103 Mitgliedsorganisationen mitsamt den circa 86.000 Sportvereinen nützen und für sie bewirken? Geht es für ihn am Ende doch nur darum, mit seiner persönlichen IOC-Einlaufkurve das »Projekt München« voranzutreiben – oder wird er sich demnächst als echter Lobbyist auch des »kleinen Sports« bewähren? Ob Mronz die große Sportfamilie mit ihren Landessportbünden und vielfältigen Verbandsstrukturen überzeugen kann? Um für den Fall des längst erwarteten Weikert-Abgangs gerüstet zu sein, richtete der DOSB bereits Ende März eine Findungskommission ein. Interessenten fürs freiwerdende Spitzenamt beim DOSB dürfen sich noch bis zum 30. Oktober dort melden und ihren Hut in den Ring werfen.
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