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Politische Ökonomie

Geschäft und Gewalt

US-Hegemonie, Weltenergieversorgung und der »Petrodollar«. Die Rolle des Dollars als Weltgeld (Teil 1 von 2)

Foto: piemags/IMAGO
Die Golddeckung stimmte von Anfang an nicht, weil die emittierten Dollarsummen größer waren als der Wert der Barren im berühmtesten Golddepot der Welt: Fort Knox im US-Bundesstaat Kentucky

Die Schulden der USA werden 40 Billionen Dollar am Ende dieses Jahres betragen. Schon jetzt geben die USA mehr für den Zinsdienst aus als für ihre Aufrüstung – und diese Ausgaben sind bekanntlich nicht von schlechten Eltern, sondern die mit weitem Abstand größten der Welt. Und sie sollen noch einmal um ein Drittel größer werden und auf 1,5 Billionen US-Dollar anwachsen, damit die USA all die Gewaltakte, die sie für nötig halten, um ihre Hegemonie auf der Welt zu sichern oder wiederherzustellen, finanzieren können.

Schon seit einigen Jahren rätseln Ökonomen und Kritiker der USA darüber, wieso der durchaus robuste Umgang, den die US-Präsidenten mit ihrer Währung pflegen, dieser nicht grundlegend schadet – Stichworte: Dollarschwemme und Doppeldefizit. Momentan steigt jedenfalls der Preis der amerikanischen Staatsanleihen, die US-Verschuldung wird damit stetig teurer. Die »Analysten« und mit ihnen die Dolmetscher für das breite Publikum fragen sich besorgt, ob und wie lange die Sache noch haltbar ist (etwa die Tagesschau am 16.9.2026: »Der Dollar hat ein Vertrauensproblem«). Im Folgenden einige Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Dollar, militärischer Macht und US-Hegemonie.

Der Dollar wird Weltgeld

Die USA waren der einzige der beteiligten Staaten im Zweiten Weltkrieg, dessen Territorium unzerstört blieb. Und sie erwiesen sich als die stärkste kapitalistische Macht. England und Frankreich, die auf Basis ihrer ausgedehnten Kolonialreiche die Konkurrenz kapitalistischer Staaten zuvor dominierten, konnten sich militärisch nicht selbständig gegen Nazideutschland behaupten. Großbritannien wies enorme Kriegsschäden auf. Beide Staaten hatten sich für die Lieferung von Waffen, Treibstoff und Lebensmitteln während des Kriegs im großen Maße bei den Vereinigten Staaten verschuldet, im Falle Frankreichs kamen noch nicht getilgte Schulden aus dem Ersten Weltkrieg dazu. Das Zentralbankgold beider Länder war längst in die USA abgeflossen, wo sich etwa 70 Prozent der weltweiten Goldvorräte befanden. Und beide standen – nachdem US-Präsident Harry S. Truman weitere Lieferungen dringend benötigter Hilfsgüter auf Basis der sogenannten Lend-lease-Kredite abrupt gestoppt hatte – vor der finanziellen Pleite und dem wirtschaftlichen Kollaps.

Bereits 1944, also noch vor Kriegsende, hatten sich die Alliierten inklusive der Sowjetunion und Vertreter weiterer Staaten im US-amerikanischen Bretton Woods in New Hampshire getroffen, um ein internationales Finanzsystem für die Zukunft zu vereinbaren. Auf Druck des weltgrößten Gläubigers USA einigte man sich auf ein System fester Wechselkurse, bei dem alle nationalen Währungen ein Verhältnis zum Dollar eingingen, der wiederum einen fixen Kurs zum Gold definierte: 1 Feinunze Gold = 35 Dollar, womit eine Art Golddeckung des Dollar behauptet wurde, auch wenn das de facto von Anfang an nicht stimmte, weil die emittierten Dollarsummen größer waren als der Wert der Goldbarren in Fort Knox. Die Sowjetunion, die in der Antihitlerkoalition mit den Westmächten kooperierte, unterzeichnete das Abkommen allerdings nicht, sondern kündigte für ihren Machtbereich ein eigenes System an – hier zeichnete sich bereits ab, dass es nach Kriegsende nicht lange dauern würde mit der öffentlich demonstrierten Harmonie unter den Alliierten.

1945 kapitulierten Deutschland und – nachdem die USA mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki abschließend noch ihre militärische Überlegenheit demonstriert hatten – auch Japan. Die Vereinigten Staaten hatten damit zwei ihrer größten Rivalen militärisch besiegt. Wesentlich ermöglicht wurde der Sieg durch die Bodentruppen der Roten Armee in Europa und den hinhaltenden Widerstand von Maos Volksbefreiungsarmee gegen die japanische Kolonialherrschaft in Asien. In der Sowjetunion waren 27 Millionen, in China 20 Millionen Kriegstote zu verzeichnen – dazu Zerstörungen in einem unfassbaren Ausmaß durch die Wehrmacht bzw. die japanischen Truppen. Das allerdings brachte weder der UdSSR noch der 1949 gegründeten Volksrepublik China Anerkennung ein, sondern sehr schnell einen Kalten Krieg: eine umfassende »Konkurrenz der Systeme« um die von den USA beanspruchte »Eine Welt« (US-Präsident Truman 1947), die mit dem Koreakrieg ab 1950 zunächst einmal sehr hitzig startete.

Weil die USA sie für diese Auseinandersetzung gut gebrauchen konnte, wurden die Kriegsverlierer Deutschland und Japan – obwohl es zuvor noch Pläne zu ihrer vollständigen Deindustrialisierung gegeben hatte – schnell wieder zum Weltgeschäft und zur Staatenkonkurrenz zugelassen. Die beiden Länder durften sich mit Hilfe US-amerikanischer Kredite (Marshallplan bzw. Special Procurement) erneut zu konkurrenzfähigen Industrienationen hocharbeiten, damit sie den US-Vorhaben gegen den kommunistischen Block politisch nützlich sein und den USA zivile wie militärische Güter abkaufen konnten. Hunderttausende Anzeigen gegen gesuchte Massenmörder in Deutschland liefen in der Folge ins Leere, weil man die Nazis mit ihren Militärkenntnissen für die anstehende Auseinandersetzung gegen »den Kommunismus« wieder brauchte; ähnliches galt für Japan.

Ironischerweise wurden die beiden zuvor verteufelten Nationen von der US-Außenpolitik finanziell teilweise besser behandelt als die Verbündeten Frankreich und Großbritannien. Letzteres hatte noch bis 2006 seine Kredite aus der Kriegs- wie Nachkriegszeit an die USA und Kanada zurückzuzahlen. Gegen die beiden westeuropäischen Staaten gab es aus US-Sicht nämlich noch etwas durchzusetzen, das im Zweiten Weltkrieg nicht »erledigt« worden war: Das exklusive Verfügungsrecht, das sich beide Kolonialmächte über große Teile der Welt herausnahmen, war sowohl nordamerikanischen Unternehmen wie dem US-Staat ein Dorn im Auge – ebenso wie die damit zusammenhängende Stellung des britischen Pfunds als Weltreservewährung.

Trotz enormer Verschuldung (27 Milliarden Pfund Sterling, 270 Prozent des BIP) konnte die britische Regierung ihre Kolonien, vor allem Ägypten und Indien, noch ein paar Jahre lang zwingen, ihr Waren abzukaufen und Geschäfte sowie Schulden (auch einen Teil der Kriegsschulden!) in Pfund abzurechnen. Damit hielt Westminster die Nachfrage nach seiner Währung statt dem US-Dollar hoch; das änderte sich erst, nachdem diese Länder unabhängig geworden waren. Ab den 1950er Jahren wurde der Dollar auch als Weltreservewährung unangefochtene Nummer eins, nachdem er diesen Platz zuvor bereits im Handel und bei den Krediten errungen hatte. Der Dollar war das neue Weltgeld.

Ungleiche Währungen

Schon aus dem bisher Gesagten wird klar, dass Währung nicht gleich Währung ist. Obwohl alle Staaten, die ein nationales Geld herausgeben, den Anspruch erheben, dass dieses als Ausdruck von Wert gilt und Geldfunktionen (als Zahlungsmittel oder zur Wertaufbewahrung) wahrnehmen kann, gilt das in der Praxis längst nicht für alle Währungen. Ganz im Gegenteil.

Zwar erkennen die Staaten durch Vereinbarung das Geld anderer Staaten an, nämlich als eines, das »irgendwie« dem von ihnen selbst herausgegebenen qualitativ gleich ist: Auch der Kip der Laoten, der Peso der Mexikaner und der Som der Kirgisen ist Geld, das heißt, sie drücken Wert in abstrakter, verselbständigter Form aus und bieten damit innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen Zugriffsmacht auf Gebrauchsgüter aller Art, ebenso wie der US-Dollar oder früher die gute alte D-Mark. Dass man von vielen Geldern allerdings noch nicht einmal den Namen gehört hat (außer man hat diese Länder als Tourist besucht), zeigt freilich, dass sich die Währungen dieser Welt einigermaßen unterscheiden.

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Die meisten Gelder, obwohl aufwendig mit nationalen Symbolen bedruckt und frei handelbar, werden der Behauptung, »Geld zu sein«, nur sehr relativ und teilweise gar nicht gerecht. Sie werden zwar innerhalb des Staats, der sie herausgibt, als Kaufmittel benutzt. Ansonsten gibt es allerdings keine nennenswerte Nachfrage nach ihnen, sie sind an den Devisenbörsen kaum präsent. Ihr Kurs kennt meist nur eine Richtung: nach unten. Oft werden sie alle paar Jahre per Währungsreform durch eine neue ersetzt oder verlieren einige Nullen.

Das läuft vor allem deswegen so, weil die Geschäftsleute dieser Nationen aus ihrer Einbindung in den internationalen Wettbewerb der Standorte, die seit Einführung des Bretton-Woods-Systems für alle gilt, die zur »freien Welt« gehören, zuwenig machen können. Sie veräußern wenig Produkte am Weltmarkt und müssen mehr importieren als sie verkaufen – die nationale Handelsbilanz ist negativ. Der Standort bietet auswärtigen Geschäftsleuten wenig attraktive Geschäftsgelegenheiten; es kommt wenig Kapital ins Land, um zu investieren. Insgesamt also verdient die Nation schlicht vergleichsweise zu wenig Geld am Weltmarkt. In der Bilanz häuft das Land, das mit dieser Währung wirtschaftet, Schulden an – denen es durch vermehrte Geldemission begegnet, mit der Folge, dass sich das Geld weiter entwertet: es gilt alsbald als »Weichwährung«.

Als Hüter ihrer jeweiligen nationalen Währung müssen viele Staaten mit einem solchen Resultat umgehen. Dafür haben sie einige Varianten entwickelt, die hier nur angedeutet werden können. Sie reichen von regelmäßiger Abwertung (in Systemen fixer oder verbundener Wechselkurse) über Währungsreformen (Ersatz einer Währung durch eine neue), »currency boards« (wobei die eigene Währung an eine Hartwährung gebunden wird, was bedeutet, dass die Fähigkeit zur Emission von Geld gedeckelt, das heißt an die Existenz der gewählten Hartwährungsdevise gebunden ist) bis hin zum Ersatz der eigenen Währung durch Einführung einer ausländischen »Hartwährung« als inneres Zahlungsmittel.

Die Staaten, die über eine der wenigen Hartwährungen auf der Welt verfügen, sind dagegen per Saldo zu einer erfolgreichen Teilnahme an der Weltmarktkonkurrenz in der Lage. Sie verfügen über kapitalistische Standorte, an denen erstens produktive Ausbeutung stattfindet, deren Ergebnisse in alle Welt verkauft werden können und die ihrerseits ausländisches Kapital anziehen; deren Unternehmen zweitens bereits so erfolgreich akkumuliert haben, dass sie auf der ganzen Welt investieren, und/oder bei denen sich drittens ein erfolgreicher Finanzsektor entwickelt hat, bei dem sich Geld aus aller Welt einfindet, um auf Aktien zu spekulieren oder an der Verschuldung des Staates zu verdienen. Die Unternehmen dieser Staaten verdienen am Rest der Welt. Umgekehrt investieren ausländische Firmen in den wachstumsträchtigen Standort und tragen zur Expansion der nationalen Geschäftstätigkeit bei. Als Resultat landet in allen Fällen auswärtiges Geld bei der Zentralbank, das als wachsender Devisenschatz die Solidität der betreffenden Währung bezeugt und heimischen Unternehmern jederzeit Zugriff auf wichtige Rohstoffe und billige ausländische Waren gewährleistet.

Das Weltgeld bzw. die »Leitwährung« ist aus dieser Gruppe noch einmal deutlich herausgehoben. Dieses Label drückt aus, dass die entsprechende Währung in der gesamten (marktwirtschaftlich rechnenden) Welt als Ausdruck von Wert anerkannt ist und weltweit unmittelbar als Zugriffsmittel auf Reichtum funktioniert. Zu dieser aus der Menge der Währungen herausragenden Position unmittelbaren »Weltgeldes« bringt es ein nationales Geld, wenn die ihm zugrunde liegende Ökonomie den restlichen Weltmarktteilnehmern spürbar überlegen ist. Alle Welt braucht das Geld dieser Nation, um die dort erzeugten Waren (fortgeschrittene Technologie für eine konkurrenzfähige Produktion von Waren und Rüstungsgütern) zu kaufen. Deshalb wird es freudig begrüßt, wenn Unternehmer dieses Landes kommen und »business« machen, Dollars investieren oder mit Dollarkrediten Geschäfte anstoßen. Angesichts des üblichen relativen Wertverfalls der eigenen Währung wollen Geldbesitzer der ganzen Welt ihr verdientes Vermögen am liebsten in besagter Weltwährung aufbewahren und dabei noch Zinsen kassieren. Sie gilt als »safe haven« – als »sicherer Hafen«, auf den auch und gerade in ökonomischen und politischen Krisen im eigenen Land oder weltweit Verlass ist (dieses Bedürfnis befriedigte lange Jahre auch die Schweiz mit ihrer besonderen Stellung des Franken). Das alles bringt eine verlässliche Nachfrage nach der Währung des Landes mit sich, das sowohl in Geschäfts- wie in Gewaltfragen allen anderen überlegen ist. Das waren nach 1945 die USA, deren »greenback« deshalb das britische Pfund Sterling als Weltgeld ablöste.

Umgekehrt: Über das Weltgeld zu verfügen, brachte dem US-Staat in den folgenden Jahrzehnten enorme Vorteile ein. Denn jeder Papierzettel, den die US-Notenbank emittierte, konnte unmittelbar auf den Reichtum der gesamten Welt zugreifen – ob auf Rohstoffe oder produzierte Waren. Mit ihren Dollars konnten die US-Geschäftsleute überall in der Welt Geschäfte anstoßen und damit gutes Geld verdienen. Und zugleich erweiterten die in Dollar auf der ganzen Welt getätigten Handels- und sonstigen Geschäfte auf Basis der weltweiten Nachfrage nach der Leitwährung die Möglichkeit des US-Staats, sich zu verschulden, das heißt, weitere Mittel für die Förderung seiner Zwecke aufzubringen, ob in der Form strategischer Kreditierung auswärtiger Geschäftsbeziehungen (wie beim Marshallplan) oder direkter Gewaltmittel, die die US-Macht voranbringen sollten. Eine wahrhaft produktive Symbiose von Geschäft und Gewalt!

»Unsere Währung, euer Problem«

Für ihren Krieg gegen Vietnam – Frankreich als die von der antiimperialistischen Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (»Vietcong«) angegriffene Kolonialmacht war nicht in der Lage, zu gewinnen; die USA wollten nach China und Nordkorea kein weiteres kommunistisches Land in der »Dritten Welt« dulden und »übernahmen« den Krieg, nachdem sie sich einen Vorwand dazu verschafft hatten – machten die Vereinigten Staaten von dieser besonderen Möglichkeit, sich zu verschulden, ziemlich hemmungslos Gebrauch. Die Kosten für Truppenpräsenz und Waffen zwischen 1965 und 1973 sowie für die Veteranenrenten beliefen sich nach heutigen Maßstäben auf geschätzt zwischen 662 Milliarden und einer Billion US-Dollar. Dies führte in den USA ab 1965 zu hohen Inflationsraten, die in den 1970er Jahren sogar zweistellig wurden.

Damit entwerteten sich die von den westlichen Partnern mühsam angesammelten Dollarbestände, die ihnen Zugriff auf US-Waren ermöglichen und die Seriosität ihres eigenen Nationalkredits belegen sollten. Der französische Finanzminister Giscard d’Estaing kritisierte deshalb schon in den 1960er Jahren das »exorbitante Privileg«, das sich die USA eingeräumt hatten. Frankreichs Präsident de Gaulle stellte die behauptete Gleichung des Goldstandards (35 Dollar für eine Feinunze Gold) praktisch auf die Probe und ließ per Schiff 350 Tonnen Gold im Tausch gegen Dollar nach Frankreich holen.

Als Reaktion beendete die US-Regierung 1971 den Goldstandard schlagartig (»Nixon-Schock«) und zog das Versprechen von Bretton Woods einfach aus dem Verkehr: Ein Recht auf Umtausch ihrer verdienten US-Dollars in Gold hatte die restliche Staatenwelt damit nicht mehr – sie konnte sehen, was sie mit ihren Dollarschätzen noch kaufen konnte. Umgekehrt galt für die USA: Dass der inflationierende Dollar erheblich weniger an Wert repräsentierte (man stetig weniger für ihn kaufen konnte) als andere Staaten auf Basis der nach wie vor fixen Wechselkurse für ihn zu zahlen hatten, war für sie eindeutig vorteilhaft. Der Dollar war damit – wie es der US-Finanzminister John Connally formulierte – »unsere Währung, aber euer Problem«.

1969 wertete die deutsche Regierung unter Willy Brandt die D-Mark zunächst um 8,5 Prozent auf und beschloss im Mai 1971, angesichts der »Dollarschwemme« und immer schneller steigenden Dollarbeständen bei der Bundesbank den Kurs komplett freizugeben. Das ließ den Dollarkurs erheblich sinken. Japan und andere folgten der deutschen Politik 1973. Schließlich wurde offiziell das Ende des Bretton-Woods-Abkommens verkündet. Der US-Dollar sank bis Ende der 1970er Jahre auf unter 1,80 gegenüber der D-Mark.

Die Entstehung des »Petrodollars«

1973 schlossen die USA auf Vorschlag von Henry Kissinger ein informelles Abkommen mit den Golfstaaten. Seine Bestandteile: Erstens, der wichtigste Rohstoff der kapitalistischen Welt, das Erdöl – notwendig für Energieerzeugung, den stetig wachsenden Waren- und Personenverkehr und wesentlicher Grundstoff der Petrochemie – sollte ausschließlich in Dollar gehandelt werden. Zweitens: Der größte Teil jener Dollars, die den Herrschern am Golf als Gebühr für ihre Hoheit über die Ölquellen zugestanden wurden, sollte in die USA zurückfließen und dort für Waffenkäufe oder in Aktien bzw. Staatsanleihen lukrativ angelegt werden. Drittens: Dafür boten die USA diesen »Staatsgebilden« militärischen Schutz an – mehr als ein Dutzend Militärbasen wurden in diesen Ländern errichtet – und sicherten sich auf diese Art und Weise die für sie unverzichtbare »Stabilität« in der in Sachen fossile Rohstoffe wichtigsten Region der Welt.

Der US-Außenpolitik gelang es damit, erneut eine verlässliche Nachfrage nach Dollar zu etablieren – eine Quelle, die relativ unabhängig vom Geschäft der eigenen Unternehmen funktionierte. Sie verstärkte die Rolle der amerikanischen Währung bei den täglichen Handelsgeschäften der gesamten kapitalistischen Welt, die darauf fußt, dass allein der US-Dollar in der nötigen Quantität für das Volumen der internationalen Geschäfte vorhanden ist. Nicht nur beim Rohöl, sondern bei fast allen Außenhandelsgeschäften größeren Ausmaßes findet kein direkter Tausch von Währungen statt. So werden beispielsweise nicht »britische Pfund gegen brasilianische Real getauscht«, sondern »Pfund gegen Dollar und dann Dollar gegen Real« (FAZ, 30.7.2011).

Zwischen 1970 und 1990 wuchsen die Importe der US-Wirtschaft rasant (von 55,8 Milliarden auf 629,7 Milliarden US-Dollar, also mehr als eine Verzehnfachung). Neben bereits etablierten Lieferländern wie Kanada und Mexiko traten als neue Lieferanten vor allem Japan, Südkorea und Deutschland auf den Plan. Sie verkauften Autos, Stahl und Unterhaltungselektronik. In der Folge machten viele Unternehmen in den USA dicht – vor allem in der Auto- und Stahlindustrie. Nachdem das US-Kapital viele Jahrzehnte die Konkurrenz dominiert hatte, produzierten nun die Fabriken in Japan, Südkorea und Deutschland sowohl billiger als auch innovativer. Die USA sahen darin kein Problem – schließlich verdienten ihre Unternehmen auch am Handel mit den auswärtigen Waren, das Wachstum in den USA basierte sowieso mehr und mehr auf dem der US-Finanzwelt und die nun erstmals negative Handelsbilanz konnten sie ohne Weiteres durch ihre expansive Geldpolitik bewältigen. Dank der besonderen Stellung ihrer Währung war das für sie – im Unterschied zu anderen Ländern – kein Problem. Zugespitzt gesagt: Die USA konnten die Arbeiterklassen anderer Länder für sich schuften lassen und bezahlten die Produkte mit ihrem Kreditgeld. Das war eine geradezu traumhafte Konstellation, die die Vereinigten Staaten mehrere Jahrzehnte lang für sich nutzen konnten (ab den 1980er Jahren auch gegenüber China).

Für die Arbeiterklasse in den USA galt diese Gleichung allerdings nicht. Die musste sich ihre Dollars selbstverständlich wie gehabt mühsam durch die Vermehrung fremden Eigentums verdienen und fand dafür immer weniger Arbeitsplätze, deren Lohn reicht, um die Lebenshaltungskosten einer Familie zu decken. Der US-Ökonom Richard D. Wolff weist darauf hin, dass in die 1970er Jahre auch der Beginn der billigen Konsumentenkredite fällt, mit denen die Lohnabhängigen in »God’s own country« seitdem ganz wesentlich ihren Alltag bestreiten. Ein einträgliches Geschäft für die amerikanischen Banken, eine sozialbefriedende und zugleich disziplinierende Art, wie die vom Lohn Abhängigen ihr Leben mit immer prekäreren Arbeitsverhältnissen, diversen Kreditkarten, Hypothekendarlehen und Autokrediten irgendwie über die Runden bringen und zusammen mit den dortigen Studenten, deren Ausbildung ebenfalls meistens auf Kredit basiert, inzwischen unter einer Schuldenlast von 5,15 Billionen stehen.

Die »Reagonomics«, das heißt die Wirtschaftspolitik unter Ronald Reagan in den 1980er Jahren, zeichnete sich durch eine Verknüpfung von hohen Zinsen und enormen Steuererleichterungen für das Kapital aus. So sollte gleichzeitig ein wirtschaftlicher Boom angestoßen und eine Staatsverschuldung in bisher ungekanntem Maß für das finale »Totrüsten« der Sowjetunion ermöglicht werden. Um sich für die Finanziers aus aller Welt attraktiv zu machen, zahlten die USA auf ihre Staatsschulden Zinsen im zweistelligen Bereich. Eine stetige Erhöhung der Staatsverschuldung, die Ende der 1980er Jahre erstmals auf mehr als 60 Prozent des BIP stieg, wurde für Projekte wie die Strategic Defense Initiative (SDI, in Deutschland »Krieg der Sterne« genannt), das die nuklearen Fähigkeiten der Sowjetunion im Weltraum entwerten sollte, in Kauf genommen.

Mit Erfolg: Die sozialistische Planwirtschaft konnte dem kreditfinanzierten Rüstungswettlauf des kapitalistischen Westens nicht standhalten – Michael Gorbatschow beendete den Kalten Krieg einseitig. Der Dank des Westens bestand in der Ausweitung der NATO um 14 Staaten, wodurch das Bündnis 1.000 Kilometer nach Osten und direkt an die russischen Grenzen vorrückte.

→ Renate Dillmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 12. März 2026 über die deutsche Aufrüstung: »Nie endende Feindseligkeit«

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.09.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Neoprene aus Berlin 26. Sept. 2026 um 21:34 Uhr
    »Momentan steigt jedenfalls der Preis der amerikanischen Staatsanleihen, die US-Verschuldung wird damit stetig teurer.« Nein, die Preise sinken, weil die internationale Finanzwelt ihre Treasury Bonds verringern will. Damit steigen aber die Renditen dieser Staatspapiere, der Nominalzins der Papiere bleibt ja derselbe. Alle neu angebotenen Staatsanleihen müssen mit der gleichen höheren Startrendite angeboten werden, also mit höherem Nominalzins oder gleich einem Kursabschlag, sonst könnte ein Anleger ja auch schon begebene Anleihen kaufen.
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