Zum Inhalt der Seite
Literatur

Im dürren Land

Der Nichtbewirker: Thomas Kapielski zum 75. Geburtstag

Foto: Deutsche Fotothek/ZB/picture alliance
Ein feiner Mensch: Der Kapielski (1996)

Dass diese im vollrauschhaften, mit Lüge, Phrenesie und Narzissmus getränkten Niedergang befindliche, vermutlich bereits irreversibel in Auflösung begriffene, noetisch ausgezehrte Kulturnation einen Dichter gleich Thomas Kapielski beherbergt und seit Jahren weiträumig umfährt, ja stramm und eisern ignoriert, ist konsequent. Wo auf Geist, Stil und Wahrhaftigkeit generell so viel gegeben wird wie im Presse- und Politikwesen auf wenigstens approximative Wirklichkeitstreue und ergo auf ein erkleckliches Maß an Unvoreingenommenheit, hält man sich jeden vom Hals, der nicht an der roten Haltungslinie entlangmarschiert und den die verrotzten herrschenden Hanseln nicht einzuordnen und nicht einzunorden vermögen.

Der Stoiker

Im vergangenen Jahr erschien in der Distillery Press in Berlin das Heft »Neukölln«, eine melancholische autobiographisch-stadtsoziologische Erkundungsschrift, in der der Stoiker, der metaphysikabstinente Existentialmetaphysiker Kapielski, voller sachter Sehnsucht auf die »famose Epoche« der achtziger Jahre zurückschaut, auf ein Leben in »Bier-Ekstase« und »Wohlbehagen«, denn »der Frieden war uns noch nicht fade und schal geworden, so wie vielen heute«, und der soziale Raum schlechthin, die von Gentrifizierung und Kapitalisierung verschonte Arbeiter- und Eckkneipe, glich einem realexistierenden Reich der Freiheit, in dem »im Grunde täglich (…) Leuchtfeuer an Witz, Geist, Gedanken und Jubel verschossen« wurden – »man hörte ständig gute Witze, versaute, politische, deftige«.

Kapielskis Vater, der »selige Atheist«, war »Naturanarchist«, genauer: »Kommunist«, indes »renitent, zu unangepasst«. Er prägte Thomas wohl profund, er hat ihn, spätpubertärem Zank zum Trotze, »geerdet«. Der Staat, lehrte er ihn, ist »der giftige Wesenskern allen Übels«, das »kälteste aller Ungeheuer« (Nietzsche), eine »Räuberbande« (Augustinus).

»Noch heute fühle ich mich (…) wohler unter Handwerkern und einfachen Leuten als unter Studenten, Intellektuellen oder Universitätsmägden beziehungsweise akademischen Troßbuben und Oberexperten«, schreibt Thomas. Hier im Dorf, in dem ich seit einiger Zeit regelmäßig weile, weil mir die holistische, moralinbittere Bescheidwisserei des tonangebenden Frankfurter Publikums irgendwann zuverlässig auf Magen und Gedärm schlägt, sind meine besten Kumpel der Heizungsmann, der Metzger, der Automechaniker, der Schreiner, der Maurer und der Metallbauer – sehr feine, hilfsbereite Leute, die, ohne jemals Schopenhauer und überhaupt sehr viel mehr als Betriebsanleitungen gelesen zu haben, gemäß einer Maxime von Kapielski handeln: »Nicht die Großsprecherei des Guten, sondern das leise Mitleiden der Güte salviert die Welt.« Gepriesen seien der Lerd, der Karl-Heinz, der Gerhard, der Helmut und die anderen.

Krach und Krawall

Selbstverständlich fällt einem an dieser Stelle Kapielskis ziemlich berühmte, zu einem dreizehnminütigen Loop aufgepumpte Beschwörungsformelbrüllperformance »Werwiewas ist Kapielski?« (CD »Abstehende Röhren«, Zweitausendeins 2002) ein, die die schönen Intellektualdamen in meinem Umfeld allesamt vergöttern (»Das is’ so ein feiner Mensch, is’ das, ja? Der Kapielski. Sooo ein – feiner – Mensch! Das gibt’s überhaupt gar nich’!!!«). Allerdings existiert zu ihr ein Vorläufer oder Pendant. Mit dem Elektro-, Industrial- und Noisepionier Frieder Butzmann hat Thomas mehrere Platten zusammengeschustert, und auf der LP »War Pur War« (1987) fand die phantastisch dröhnende Meditation »Damit des Ergetzens auf Erden kein Ende seyn möge« Unterschlupf: »Die Steppe soll sich freu’n!! Das dürre Land soll glücklich sein!! Die Wüste soll jubeln und blüh’n!!«

Anzeige

Die arbeitsscheue, von der Bundesrepublik im Kalten Krieg grenzenlos alimentierte Westberliner Avantgarde, der Dunstkreis der »Genialen Dilletanten« (kein Rechtschreibfehler!) – das Trachten jener Leute galt der Demontage des bürgerlichen Werkverständnisses: Fluxus, Ad-hoc-Artikulation, Krach, Krawall, »Fun« (Adorno). Konnte man machen, man konnte alles machen, die Existenz erheischte keinerlei Mühe. Die Sorglosigkeit, die Abwesenheit von Kampf und Gewalt, ermöglicht Allotria, Elektroschrottgezuckel, die Suche nach Formen jenseits der instrumentellen und ästhetischen Rationalität. Solch hocherfreuliches Treiben ist dieser Tage, unterm Diktum der Uniformität, unvorstellbar, gesellschaftlich undenkbar. An ihrem Kulturbetrieb sollt ihr sie erkennen, an den neoreligiösen »Neoleftys, Genderguppys«, am irrsinnigen »Würdequatsch« und an der »widerlichen« »Worthülsenverfüllung«. In »Lebendmasse«, seiner Selberlebensselbstgesprächsbeschreibung (Suhrkamp 2023), notiert der einst zu Braunschweig sechs Jahre lang als Kunstprofessor angestellte Maler Kapielski: »Dieser Hehrmachungsprozess von Kunst und Künstler (…) ist eben nur Konstrukt und kontingent. Und wie man mit Hilfe von Sprache der Fettecke die Kunstseele einhaucht, wussten doch immer schon einige: Wandlung von banalem Brot und Wein in kunsttheologisches Fleisch und Blut. Amen!«

In den versickernden neunziger Jahren versiegten die pekuniären und mäandernd befruchtenden Ideenquellen, und Kapielski wandte sich der bisweilen barockisierend klangewandeten, erzweltschmerzlich legierten Erforschung der verlorenen Welt und der Zeitlichkeit »an sich« (Hegel) zu. Seither komponiert er Kunstanekdoten, Aphorismen, Kalendergeschichten und Romane. Er sei Humorist, ja, konzedierte er in einer »Begeisterungsshow« des Verlages Sukultur Ende November 2004 im Kaffee Burger, allein, »ich kann diese Spaßhaftigkeit, diese prolongierte grundlose Lustbarkeit, die auf Pfützen des Elends irrlichtert, nicht mehr ertragen«.

Eine Weile her

Den Wälzer »Sozialmanierismus« (Merve 2001) habe ich in einer Nacht gelesen. Am nächsten Tag rief ich Jörg Schröder an: »Der Thomas ist schwermütig geworden.« – »Ach was«, dröhnte Freund Schröder ins Telefon, »das gaukelt der nur vor!«

Das war falsch. Ein paar Jahre danach saßen Thomas, Barbara Kalender, Jörg und ich nachmittags im Wilhelm Hoeck, becherten wie die glücklichsten Menschen und bekamen uns in Sachen Baader, Andreas in die Haare. Der sei ein unterbelichtetes Riesenarschloch gewesen, sagten Thomas und ich wiederholt. Jörg hielt glühenden Kopfes dagegen. Er, der hochbegabte Baader, hätte einen veritablen Schriftsteller abgegeben. Wie Luisa Neubauer?

Wann und wo ich meinen – ich maße mir an, das zu behaupten – Freund Thomas Kapielski kennengelernt habe, weiß ich nicht mehr. Es könnte auf einer der dämlichen Frankfurter Buchmessen gewesen sein oder in der Leipziger Gaunergalerie Artae, in der wir über Jahre gemeinsam vortrugen, in allerfüglichster Atmosphäre und Stimmung. Thomas weiß es gleichfalls nicht. »Eine Weile wohl her«, mailt er mir.

1994 jedenfalls, nach einer Lesung im Bremer Schlachthof, war mir die Empfehlung zuteil geworden, »Aqua Botulus« (Maas 1992) zu lesen. Seither bin ich dem Welterschließungs- und -erwägungssound von Thomas Kapielski in freudiger Gelassenheit verfallen.

»Nichts«, heißt es in dem Suhrkamp-Band »Leuchten« (2016), »ist einfach oder gar eindeutig, sondern wenigstens zweideutig, meist aber viel und mehrstimmig oder gar mindestens unverstehbar, ja ohnehin völlig unvorstellbar. Und bisweilen, so steht zu vermuten, trifft überdies das schiere Gegenteil von alledem zu.«

Das Land dürstet nach Weisheit, zumal angesichts des obwaltenden »grünbedampften« Spießerschlamassels. Thomas Kapielski, der sich seit jeher einen Scheiß um die Wirkung seines Schaffens schert, wird heute fünfundsiebzig Jahre alt.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 16.09.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 16. Sept. 2026 um 10:59 Uhr
    »Thomas Kapielski, der sich seit jeher einen Scheiß um die Wirkung seines Schaffens schert, wird heute fünfundsiebzig Jahre alt.« Ein Beispiel, dass sich der Jubilar einen Scheiß um die Wirkung seines Schaffens schert, schildert Wikipedia: »Seine Tätigkeit als Kolumnist für die taz endete 1988 mit einem Eklat, nachdem Kapielski in einem Artikel die Edeldisco Dschungel als ›gaskammervoll‹ bezeichnet hatte.«
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Besuchen Sie unseren Stand auf der Buchmesse Frankfurt/Main. Näheres zum Programm finden Sie hier.