Makellos und ausgestorben
Maschinelle Reiniger bereiten Strände für den Tourismus auf, verwandeln sie aber in ökologische Wüsten
Jetzt, wo die Badesaison an Nord- und Ostsee langsam endet, sind Flora und Fauna wieder ungestört. Weniger Touristen bedeutet auch für die Strände weniger Müll und Lärm. Mehrere Millionen Besucher kommen jeden Sommer an Nord- und Ostsee. Auch wenn sich viele bemühen, die Natur nicht gezielt zu schädigen, werden Pflanzen zertreten und Tiere verschreckt.
Stranddünen und die vegetationsarmen, aber keineswegs leblosen Küstenabschnitte bilden teils hochspezialisierte Ökosysteme. Besonders unterschätzt ist der Spülsaum, die trockenliegende Zone zwischen Wasserkante und Strand. Dort werden Algen, Seegras und organisches Treibgut vom Meer angespült. Sie sind Nahrungsgrundlage für unzählige Kleinlebewesen wie Strandflöhe, Krebse und Käfer, die das angespülte Material zersetzen. Diese Tierchen sind wiederum Nahrungsquelle für Vögel wie Strandläufer, Regenpfeifer oder Austernfischer, die auf offenen Sandflächen und in Dünen brüten. Ein ebenso unterschätzter Lebensraum ist der Strand selbst. Nicht erst in der Düne, schon dort, wo sich Badegäste tummeln, siedeln salztolerante Pionierpflanzen. Die obersten Sandschichten besiedeln Bakterien, Wirbellose und andere Kleinstlebewesen, die den Nährstoffkreislauf des Strandes in Gang halten.
In vielen Gemeinden werden die Strände jedoch mit großen Geräten bearbeitet, so dass eine makellos geharkte und spurenfreie Sandfläche entsteht. »Beachcleaner« sind in der Regel schwere, meist traktorgezogene Maschinen, die die Sandoberfläche glätten. Besonders leistungsfähige Maschinen sieben den Sand, entfernen Kleinteile, Müll und organisches Material. An den touristisch stark frequentierten Abschnitten von Sylt, Norderney, Rügen oder Usedom gehört der Einsatz der Fahrzeuge längst zum Alltag. Eigentlich befahren die Fahrzeuge nur den Strandkörper, doch immer sind auch Spülsaum, Dünenfuß oder die angrenzende Ufervegetation betroffen. Der Einsatz der Strandreiniger ist ein tiefgreifender Eingriff in ein empfindliches Ökosystem und hat erhebliche Folgewirkungen.
Die schweren Maschinen verdichten den Sand und beeinträchtigen die Sauerstoffversorgung tieferer Sandschichten, was Auswirkungen auf Käfer und Würmer hat. Besonders negative Folgen hat das Sieben, weil mit dem Müll auch Kleintiere und organisches Material entfernt werden, das oftmals die Basis der Nahrungskette bildet. Wo kein Tang mehr liegt, gibt es keine Strandflöhe, und ohne sie bleiben auch die Vögel aus. Das systematische und oft tägliche Entfernen von Pflanzen und Tieren entzieht dem gesamten Ökosystem Küste wichtige Ressourcen, die es zur Selbsterhaltung braucht. Eine Alternative wäre eine differenzierte Strandpflege: selektive Müllsammlung statt Flächenreinigung sowie zeitliche und räumliche Einschränkung der »Beachcleaner« außerhalb der Brut- und Vegetationsperioden.
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