Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
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Aus: Ausgabe vom 04.07.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Frieden gebieten

1869 drohte ein Krieg zwischen den USA und England. Karl Marx entwarf für die I. Internationale ein Schreiben an die Nationale Arbeiterunion der USA
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»Ein zweiter Krieg, der nicht durch einen erhabenen Zweck und eine große soziale Notwendigkeit geheiligt, sondern nach dem Muster der Alten Welt wäre, würde Ketten für den freien Arbeiter schmieden, statt die des Sklaven zu sprengen«: Havarierte Lokomotive in den USA (etwa 1911)

Arbeiter! In dem Gründungsprogramm unserer Assoziation (Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation vom Oktober 1864, jW) erklärten wir: »Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die Verewigung und Propaganda der Sklaverei.« (1861 und 1862 hatten Aktionen englischer Arbeiter eine militärische Intervention der Londoner Regierung zugunsten der US-Südstaaten im nordamerikanischen Bürgerkrieg verhindert, jW) Die Reihe ist jetzt an Euch, einem Krieg vorzubeugen, dessen klarstes Resultat sein würde, für eine unbestimmte Zeitperiode die emporsteigende Arbeiterbewegung auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans zurückzuschleudern.

Wir brauchen Euch kaum zu sagen, dass europäische Mächte existieren, die eifrig bemüht sind, einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England zu schüren. Ein Blick auf die Handelsstatistik zeigt, dass die russische Ausfuhr von Rohprodukten – und Russland hat nichts anderes auszuführen – rapide vor der amerikanischen Konkurrenz wich, als der Bürgerkrieg (Sezessionskrieg der US-Südstaaten 1861–1865, jW) die Waagschalen plötzlich drehte. Die amerikanischen Pflüge in Schwerter verwandeln, hieße gerade jetzt jene despotische Macht, die Eure republikanischen Staatsmänner in ihrer Weisheit zu ihrem vertrauten Ratgeber erkoren haben (im Bürgerkrieg hatte das zaristische Russland die Nordstaaten unterstützt, jW), vor dem bevorstehenden Bankerott retten. Aber ganz abgesehen von den Sonderinteressen dieser oder jener Regierung, ist es nicht das allgemeine Interesse unserer Unterdrücker, unser rasch um sich greifendes internationales Zusammenwirken in einen zerstörenden Krieg zu verwandeln?

In unserer Glückwunschadresse an Herrn Lincoln bei seiner Wiederwahl als Präsident (von Marx entworfener Brief vom November 1864. Siehe jW vom 27./28. Juni) drückten wir unsere Überzeugung aus, dass sich der Amerikanische Bürgerkrieg als ebenso wichtig erweisen werde für den Fortschritt der Arbeiterklasse, wie sich der amerikanische Unabhängigkeitskrieg für den Fortschritt der Bourgeoisie erwiesen habe. Und tatsächlich hat die siegreiche Beendigung des Krieges gegen die Sklaverei eine neue Epoche in den Annalen der Arbeiterklasse eröffnet. In den Vereinigten Staaten selbst ist seitdem eine selbständige Arbeiterbewegung ins Leben getreten, die von den alten Parteien und ihren professionellen Politikern mit üblen Augen angesehen wird. Um fruchtbar zu werden, braucht sie Jahre des Friedens. Um sie zu erdrücken, will man einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England.

Die nächste handgreifliche Wirkung des Bürgerkrieges war natürlich die, dass sich die Stellung des amerikanischen Arbeiters verschlechterte. In den Vereinigten Staaten wie in Europa wurde der Riesenalp einer Nationalschuld von Hand zu Hand geschoben, um ihn auf die Schultern der Arbeiterklasse niederzulassen. Die Preise der Lebensmittel, sagt einer Eurer Staatsmänner, sind seit 1860 um 78 Prozent gestiegen, während der Lohn des ungelernten Arbeiters nur um 50 Prozent und der des gelernten Arbeiters um 60 Prozent stieg. »Der Pauperismus«, klagt er, »wächst jetzt in Amerika rascher als die Bevölkerung.«

Überdies stechen die Leiden der Arbeiterklasse ab gegen den auffallenden Luxus von Finanzaristokraten, Shoddy-Aristokraten (Schieber, die sich im Bürgerkrieg bereichert hatten, jW) und ähnlichem durch Kriege erzeugten Ungeziefer. Dennoch entschädigte der Bürgerkrieg für all dies durch die Befreiung der Sklaven und den daraus entspringenden moralischen Impuls, den sie Eurer eigenen Klassenbewegung gab. Ein zweiter Krieg, der nicht durch einen erhabenen Zweck und eine große soziale Notwendigkeit geheiligt, sondern nach dem Muster der Alten Welt wäre, würde Ketten für den freien Arbeiter schmieden, statt die des Sklaven zu sprengen. Das aufgehäufte Elend, welches in seinen Spuren zurückbliebe, gäbe Euern Kapitalisten zugleich die Motive und die Mittel, die Arbeiterklasse von ihren kühnen und gerechten Bestrebungen zu trennen durch das seelenlose Schwert eines stehenden Heeres.

Euch denn fällt die glorreiche Aufgabe anheim, der Welt zu beweisen, dass jetzt endlich die Arbeiterklasse den Schauplatz der Geschichte nicht länger als abhängiges Gefolge betritt, sondern als selbständige Macht, die sich ihrer eigenen Verantwortlichkeit bewusst und imstande ist, Frieden zu gebieten, wo diejenigen, die ihre Herren sein wollen, Krieg schreien.

Im Namen des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation.

Karl Marx: Adresse an die Nationale Arbeiterunion der Vereinigten Staaten. London, 12. Mai 1869. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 16. Dietz Verlag, Berlin 1975, Seiten 355–357

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