Die Lohmeyers halten durch
»Jamel rockt den Förster« auf dem tiefbraunen Land in Mecklenburg-Vorpommern. Ein paar Hintergründe
Wegen eines Unwetters startete das Festival »Jamel rockt den Förster« mit einem Tag Verspätung. In der langen Geschichte der Veranstaltung, ist das das kleinste Problem.
Birgit und Horst Lohmeyer geben nicht auf. Wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus ist, zeigt sich jeden Tag, irgendwo in Deutschland, in großen Städten und kleinen Gemeinden, in Ballungszentren und abgelegenen Regionen, in der Schule, auf der Arbeit, in der Universität. Unter Freundinnen und Freunden, in der Familie, überall.
Am vergangenen Sonntag jedoch ganz besonders rund 300 Kilometer südlich des mecklenburgischen Dorfes Jamel, in Sachsen-Anhalt. Man befürchte, sagt Birgit Lohmeyer mit Blick auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, die nur zwei Wochen später stattfindet, was alle Demokraten befürchten würden: »dass wir hier eine AfD-Regierung bekommen«.
Die Lohmeyers kämpften bereits gegen Rechtsextremismus, da gab es die AfD, die am Sonntag mit weitem Abstand stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt wurde, noch nicht. Seit 2007 veranstaltet das Ehepaar das Festival »Jamel rockt den Förster« auf dem ehemaligen Forsthof im Dorf Jamel, etwa 15 Kilometer südwestlich von Wismar. Das war zuvor durch den mehrfach inhaftierten Neonazi Sven Krüger zur »national-befreiten Zone« erklärt worden, eine ab den 90ern bei extrem Rechten populäre Strategie, um aus einem Gebiet ein Gebiet zu machen, in dem sie das Sagen haben. Dafür zogen sie gezielt nach Jamel, um aus dem Dorf ein Musterdorf im Sinne der Nazis zu machen. Manche Forscherinnen und Forscher sprechen von »No-go-Areas«.
Birgit und Horst Lohmeyer, einst aus St. Pauli hergezogen, wollten das so nicht hinnehmen und luden zur ersten Ausgabe von »Jamel rockt den Förster« auf ihrem Hof eine Handvoll Bands ein, die sich mit ihnen gegen die Nazis stellten. Jahr für Jahr, jeden Sommer. Wichtig, richtig – unspektakulär. »Wir haben eine ziemlich große Festivalfangemeinde, die wir über Social Media erreichen, und auch vor Ort hat die letzte Straftat, die an uns verübt wurde – das war der Überfall in der Silvesternacht 2024/2025 – dafür gesorgt, dass wir hier einen sehr großen Unterstützerkreis aus der Region haben«, sagt Birgit Lohmeyer 20 Jahre später.
Opfer von Straftaten werden die Lohmeyers regelmäßig, die schwerste stellt den Wendepunkt dar. Am Ende habe sich die Gewalt gegen sie, »auch im Falle dieser Brandstiftung, meist zu etwas Gutem umgekehrt«. 2015 war das, als Unbekannte einen Brandanschlag auf das Forsthaus verübten. Die Polizei geht aufgrund des Engagements der Lohmeyers von extrem rechten Tätern aus. Noch im selben Jahr traten Die Toten Hosen spontan in Jamel auf, es folgten Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub und Deichkind, Antilopen Gang, Bosse und viele mehr – das Festival-Rooster liest sich in den kommenden zehn Jahren wie das Who-is-who des deutschsprachigen Alternativemainstreams, die Zuschauerzahlen steigen, irgendwann werden die Karten nur noch verlost und die Bands geheimgehalten, damit die Leute nicht wegen der Namen kommen.
Erschwert wird die Arbeit der Lohmeyers jedoch längst nicht mehr nur von den Rechten. Im Januar 2025 beschließt der Rat der Gemeinde Gägelow, zu der Jamel gehört, die Erhebung einer Pacht für die durch das Festival unter anderem für Parkplätze oder Rettungswege genutzten Gemeindeflächen, die bisher kostenlos zur Verfügung standen. Die Nutzungsgebühren sollen zunächst mehr als 10.000 Euro betragen. Auf unterster kommunaler Ebene gebe es »mehrere Wählergruppen und -gemeinschaften, von denen man nie wirklich weiß, welche politische Agenda sie verfolgen«; der Vertreterin der Linken im Gemeinderat und den Nazis der »Wählergemeinschaft Heimatliebe«, »all denen ist das Festival scheinbar schon jahrelang ein Dorn im Auge. Unterstützung erhalten wir von dort jedenfalls nicht.«
Birgit und Horst Lohmeyer geben nicht auf; sie melden das Festival als politische Versammlung an – für solche fallen weder Pachtgebühren an, noch kann die Nutzung von Flächen untersagt werden. Doch der zuständige CDU-Landrat Tino Schomann (CDU) kontert mit Alkoholverbot und Forderungen nach verschärften Sicherheitsmaßnahmen. »Forderungen nach verschärften Sicherheitsmaßnahmen und dem Zwang, der Gemeinde doch Pacht zu zahlen. Wir mussten bis kurz vor dem Festival die Verwaltungsgerichte anrufen, die zum Glück die Auflagen verhindert oder abgemildert haben.« Lohmeyer spricht von einer eindeutig politischen Agenda, die der Landrat dort gefahren habe. Der habe bis heute trotz mehrfacher Einladung das Festival noch nie besucht. Vor Gericht einigt man sich auf einen Kompromiss: 5.000 Euro zahlt der Verein hinter dem Festival jetzt für die Flächennutzung.
Am Wochenende der Wahl in Sachsen-Anhalt startet »Jamel rockt den Förster« einen Tag später als geplant – wegen eines Unwetters fällt der Festivalfreitag buchstäblich ins Wasser und damit auch ein Teil der Workshops des politischen Rahmenprogramms. Von Starkregen lassen sich Birgit und Horst Lohmeyer aber nicht unterkriegen. Die Bands natürlich auch nicht. Als erstes geht die Schumann Band an den Start – ein Projekt von Rainer Schumann, dem Schlagzeuger von Fury in the Slaughterhouse. Grenzkontrolle spielen, Soffie, Deine Cousine. Politik mit friedlichen Mitteln, mit Musik.
Und wenn in zwei Wochen die AfD in Mecklenburg-Vorpommern gewinnen sollte? »Wir haben jetzt 20 Jahre lang unser Bestes gegeben und den Gedanken der Demokratie in die Bevölkerung getragen. Mehr können wir nicht tun.«
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