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1 Leserbrief
- → Kapital & Arbeit
Wann wurde Ihnen klar, dass es Lohnklau war?
Vietnamesischen Azubis wurde im Pflegebetrieb Steffi Hose monatelang kein Gehalt gezahlt, sagen Thiện und Hoàng Anh
Sie sind vor anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten. Wie haben Sie sich das vorgestellt?
Thiện: Ich hatte die Vorstellung, dass ich mir ein besseres Leben aufbauen kann. Dafür habe ich in Vietnam bereits Deutsch gelernt. Über eine Firma in Hanoi bin ich dann nach Deutschland vermittelt worden.
Wie war die Ankunft?
Hoàng Anh: Als ich in der bereitgestellten Unterkunft ankam, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Zunächst hatte ich kein richtiges Bett, ich musste für mehr als zwei Monate auf dem Sofa schlafen. Außerdem haben mir andere Azubis direkt erzählt, dass sie seit bis zu drei Monaten keinen Lohn ausgezahlt bekommen haben.
T.: Ja. Wir haben acht Stunden am Tag gearbeitet, es gab aber keine Einweisung. Wir mussten selbst zurechtkommen. Anfangs habe ich in der Küche gearbeitet. Als zwei neue vietnamesische Azubis kamen, mussten sie als Reinigungskräfte arbeiten.
Ihnen stehen noch knapp 16.000 Euro Lohn von Ihrem damaligen Chef zu. Wann wurde Ihnen klar, dass es sich nicht nur um eine verspätete Zahlung handelt, sondern um Lohnklau?
H. A.: Am Anfang haben wir immer wieder gefragt, wann unser Geld kommt. Uns wurde dann gesagt, der Chef werde das bald überweisen. Aber die Monate verstrichen ohne Lohn. Ich musste von meinen Ersparnissen leben. Meinen ersten Lohn bekam ich erst Monate später.
Sie sind vor Gericht gezogen. Wie kam es dazu?
T: Das geht auf ein Treffen zurück, bei dem wir unter Druck gesetzt wurden, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Ich habe nicht unterschrieben, andere Auszubildende schon. Danach war für uns klar, dass wir etwas unternehmen müssen. Zunächst hatten viele von uns Angst. Sie wussten nicht, was passieren würde, wenn sie sich gegen ihren Chef stellen.
Die Gewerkschaft Verdi hat uns beraten und bei rechtlichen Fragen unterstützt. Auch andere Menschen aus der vietnamesischen Community haben geholfen, zum Beispiel bei Übersetzungen. Die Leute vom Berliner Solidaritätskreis kannte ich gar nicht, aber sie haben Kontakt zu uns aufgenommen. Nach und nach haben sich immer mehr Auszubildende beteiligt.
Hatten Sie Angst vor Ihrem alten Chef?
H. A.: Wir hatten Angst, dass er sich rächen könnte. Aber gleichzeitig wussten wir: Es geht um unsere Rechte. Wenn wir nichts tun, bekommen wir unser Geld nicht.
Sie haben alle Prozesse gewonnen, zuletzt im August. Wie ging es da jetzt weiter?
T.: Wir haben unseren Chef nie im Gericht gesehen, nur seinen Anwalt. Nur vier Personen haben bisher den ausstehenden Lohn erhalten. Trotzdem hat der Großteil der Azubis noch gar kein Geld gesehen, und wir wissen nicht, wie es weitergeht (es sind bereits mehrere Zahlungsfristen verstrichen, jW). Ich musste die Zeit mit der Grundsicherung überbrücken. Ich fange im September meine Ausbildung in einem anderen Pflegebetrieb in Altenburg an und hoffe, dass ich meinen Lohn bekomme.
Hat der Konflikt auch Ihren Aufenthaltsstatus gefährdet?
H. A.: Ja. Unser Aufenthalt war an Arbeit beziehungsweise Ausbildung gebunden. Wenn wir keine neue Beschäftigung gefunden hätten, hätten wir Deutschland verlassen müssen. Uns wurde gesagt, dass wir ohne neue Arbeit möglicherweise schon im Frühjahr hätten zurückgehen müssen. Weil wir an Deutschkursen teilgenommen haben, wurden wir geduldet.
Welche Rolle spielt Rassismus in Ihrem Fall?
H. A.: Der Fall wäre ganz anders verlaufen, wenn wir Deutsche wären. Es gibt eine lange Geschichte vietnamesischer Arbeitsmigration in Deutschland. Dadurch haben manche Menschen bestimmte Vorstellungen von Vietnamesen. Auf der Straße wurden wir auch schon beschimpft, aber ich habe nicht alles verstanden.
T.: Es hätte sicherlich geholfen, wenn wir besser Deutsch sprechen würden, vor allem bei Dokumenten, Verträgen und vor Gericht. Aber wenn jemand uns ausbeuten will, wird er das so oder so tun. Sprache kann uns helfen, unsere Rechte zu verstehen und uns zu wehren. Sie verhindert aber nicht automatisch Diskriminierung oder Ausbeutung.
Gab es auch Probleme mit Behörden?
T.: Einmal, als unsere vom Pflegedienst bereitgestellte Unterkunft geräumt werden sollte, kam die Polizei. Wir wollten erklären, dass wir seit Monaten keinen Lohn bekommen hatten und deshalb kein Geld für eine andere Wohnung hatten. Wir fragten, ob wir auf Englisch sprechen könnten, aber das wurde uns verweigert. Die Polizei hat uns nicht geholfen, sondern uns aufgefordert zu gehen.
Trotzdem wollen Sie in Deutschland bleiben?
T.: Ja, wir wollen hierbleiben. Wir können uns sogar vorstellen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Wir haben hier unsere neue Zukunft begonnen. Jetzt wollen wir auch die Möglichkeit bekommen, sie selbst zu gestalten.
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Joachim Seider aus Lychen 5. Sept. 2026 um 11:29 UhrWie in einem Brennglas wird bei der miesen Behandlung der mit großem Tammtam ins Land geholten vietnamesischen Arbeitskräfte klar: Wohl hat der Staat sie gerufen, gibt es aber Probleme, erweist er sich als Totalausfall. Organisiert ist immer nur, wie die Rechte der Besitzenden zu schützen sind. Die Bewahrung der Rechte der Besitzlosen spielt für den Staat erkennbar keine Rolle. Das zeigt deutlich, wessen Machtinstrument er ist. Hier können wir ziemlich deutlich erkennen, wie schnuppe auch wir ihm sein werden, wenn es einmal wirklich darauf ankommt.
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