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Aus: Ausgabe vom 09.03.2026, Seite 5 / Inland
Erwerbsmigration

Jung, gepflegt und ausgebeutet

Mehr als 40 vietnamesische Pflegeazubis arbeiteten monatelang ohne Lohn. Nun kämpfen sie vor Gericht um ihr Geld und um ihre Zukunft in Deutschland
Von Kim Chi Luu
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Harte Arbeit, wenig Lohn: Für viele Migranten in der BRD der Regelfall

Altenburg, etwa 30 Kilometer von Gera entfernt: Hier warten mehr als 40 vietnamesische Pflege-Auszubildende seit bis zu acht Monaten auf ihren Lohn. Die Firma Steffi-Hose-GmbH hatte im Rahmen des neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes (FEG) seit 2021 mittels Vermittlungsagenturen Vietnamesen mit der Aussicht auf einen besseren Lohn nach Deutschland gelockt. Die Realität sieht anders aus: Nach harten Arbeitstagen, an denen sie Senioren unterstützen, kehren die Azubis in enge, teilweise verschimmeltes Zimmer zurück, wo sie kaum Privatsphäre haben. Dafür zahlt die Firma 275 Euro im Monat; die Ausbildungsvergütung enthält sie allerdings vor. Statt Geld nach Hause schicken zu können, mussten die Betroffenen ihre Familien und Bekannten in Vietnam um Unterstützung bitten. Dort beträgt das durchschnittliche Monatsgehalt umgerechnet etwa 280 Euro.

Einige von ihnen ließen sich das nicht gefallen und reagierten, indem sie streikten oder nur noch unregelmäßig zu ihren Schichten erschienen. Viele konnten nicht mehr am Unterricht ihrer Berufsschulen in Rochlitz, Chemnitz oder Leipzig teilnehmen, weil ihnen das Geld für Zugtickets fehlte. Ende August 2025 hieß es dann, der Pflegefirma sei die Ausbildungslizenz entzogen worden: Lohn bekämen die Azubis keinen mehr. Das setzt die Betroffenen enorm unter Druck. Wer sich bereits verschuldet hat, um nach Deutschland zu kommen, kann es sich kaum leisten, eine Ausbildung abzubrechen oder in die Heimat zurückzukehren. Obendrein knüpft die BRD ihr Aufenthaltsrecht an ihren Ausbildungsplatz.

Ferner sollten einige Azubis ihre Betriebswohnungen verlassen. Manche wurden obdachlos und mussten bei Bekannten Zuflucht suchen oder auf Notlösungen der lokalen Behörden zurückgreifen. Viele bemühen sich, ihre Ausbildung in Deutschland fortzusetzen: Manche wurden in neuen Pflegeeinrichtungen fündig, andere müssen um ihre Zukunft noch bangen. Parallel bereiten mehrere Betroffene rechtliche Schritte gegen die Steffi-Hose-GmbH vor. Vor Gericht geht es zunächst um die Kündigungen. Später sollen die ausstehenden Ausbildungsvergütungen verhandelt werden. Die Firma hatte in einem mittlerweile gelöschten Facebook-Post angegeben, dass die Löhne nicht gezahlt werden könnten, weil Fördermittel des Landes Thüringen ausblieben. Der Fonds dient jedoch lediglich als staatliche Unterstützung, um die Auszahlung zu erleichtern. Er nimmt Konzerne nicht aus der Pflicht, Azubis ordnungsgemäß zu bezahlen.

Unterstützung erhalten die Betroffenen inzwischen von Initiativen und Teilen der hiesigen vietnamesischen Community. Auch in Berlin werden Spenden gesammelt, um den ehemaligen Auszubildenden bei Lebenshaltungskosten, Unterkunft und Anwaltsgebühren zu helfen. So fand am Freitag eine Veranstaltung in Kreuzberg statt, um Geld und solidarische Briefe einzusammeln. »Das ist jetzt eine Geschichte, aber das passiert laufend, und das wird so viele migrantische Azubis betreffen«, sagte einer der Veranstalter, und zwar »nicht nur in der Branche«, sondern »in allen möglichen Fachkräftebereichen«.

Die Überausbeutung von Zugewanderten hat in Deutschland System. In der BRD traf es die mehrheitlich aus dem Mittelmeerraum stammenden sogenannten Gastarbeiter, in der DDR wurden vietnamesische Arbeitskräfte als sogenannte Vertragsarbeiter angeworben, um Arbeitskräftelücken zu schließen. Heute geschieht etwas Ähnliches unter neuen politischen Vorzeichen. Mit Programmen zur Fachkräfteanwerbung wirbt die BRD gezielt junge Menschen aus Ländern des globalen Südens an, besonders für Branchen mit niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen. Die Konzerne stellen diese Arbeitskräfte liebend gern ein, da sie aufgrund von Schulden, rechtlicher Unsicherheit und fehlenden Netzwerken leichter auszupressen sind. Migration wird so zu einem Instrument, um die Kosten etwa der Pflegearbeit niedrig zu halten und strukturelle Probleme des Systems zu überdecken.

Die Betroffenen hoffen darum auf Unterstützung über die Grenzen ihrer Community hinaus. Ganz oben auf ihrer Agenda stehen Forderungen nach Transparenz, verlässlichen Schutzstrukturen und politischer Verantwortung. Am 10. März wird in Gera der nächste Fall vor Gericht verhandelt. Da werden halbseidene Facebook-Posts die Unternehmerin Steffi Hose wohl kaum retten. Die jungen Vietnamesen und ihre Unterstützer erwarten konkrete Antworten und Gerechtigkeit. Gegenüber jW schwieg sich der Pflegedienst auf Anfrage aus.

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