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Argentinien

Bis zum Hals in der Kreide stehen

Argentinien: Mileis Klassenkampf von oben treibt immer mehr Arbeiter in einen Teufelskreis der Überschuldung

Von Santiago Stavale, Buenos Aires
Foto: Antonio Becerra Pegoraro/REUTERS
Kreativer Protest gegen die Not (Buenos Aires, 20.8.2026)

Die Situation der argentinischen Arbeiterklasse wird immer prekärer. Abertausende Familien sind überschuldet und können ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Angesichts der verzweifelten Lage haben die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen am Donnerstag eine Massenkundgebung vor dem Wirtschaftsministerium in der Hauptstadt Buenos Aires organisiert. Die Forderungen: Schuldenerlass für die am stärksten verarmten Bevölkerungsgruppen, Refinanzierungsmöglichkeiten oder Zahlungsaufschübe für die Mehrheit der Betroffenen sowie die Regulierung der Zinssätze.

Der Aufruf erfolgte Wochen, nachdem Präsident Javier Milei klargestellt hatte, dass die Regierung angesichts der Schuldenkrise keine Maßnahmen ergreifen werde, da es sich um eine Angelegenheit »zwischen Privatpersonen« handele und »niemand ihnen eine Pistole an den Kopf gehalten hat, um einen Kredit aufzunehmen«. Der Zynismus des Präsidenten trifft auf eine alarmierende Situation und eine Rekordzahl: In dem 46-Millionen-Einwohner-Land gibt es 20,9 Millionen Schuldner, von denen sich 5,8 Millionen bereits in schwerwiegendem Zahlungsverzug befinden. In nur zwei Jahren hat sich die Ausfallquote bei Krediten mehr als verfünffacht und ist von 2,5 auf 12,7 Prozent gestiegen.

Diese extrem hohe Verschuldung ist eine direkte Folge der Sparmaßnahmen, der verspäteten Lohnzahlungen, der Entlassungen, der Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse und des allgemeinen Preisanstiegs bei Dienstleistungen und Lebensmitteln. Die Mehrheit der arbeitenden Familien ist dazu gezwungen, Kredite aufzunehmen, um über die Runden zu kommen. Es ist ein sich verschärfender Schuldenkreislauf entstanden – die Schlinge um den Hals der Arbeiter zieht sich immer weiter zu.

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Die Situation spitzte sich zu, als Milei Ende 2023 beschloss, jegliche Regulierung der Zinssätze aufzuheben. Am stärksten betroffen sind die Menschen, die im informellen Sektor arbeiten: Da sie keinen Zugang zu Bankkrediten haben, sind sie gezwungen, sich bei den Fintech-Unternehmen zu Wucherzinsen zwischen 700 Prozent und 1.300 Prozent zu verschulden, je nach »Kreditprofil« des Kreditnehmers. So verschulden sich beispielsweise viele Plattformarbeiter bei der App, für die sie arbeiten, und sie müssen ihre Arbeitszeiten auf zwölf oder 14 Stunden ausdehnen, nur um ihre Kredite zurückzuzahlen.

Charly Kostiuk, Sprecher einer der Organisationen, die zu der Kundgebung vor dem Wirtschaftsministerium aufgerufen hatten – der »Frente de Organizaciones en Lucha« (Front der kämpfenden Organisationen) –, hat im Gespräch mit junge Welt geschildert, wie die Umstände in den Arbeitervierteln sind: »Die Verschuldung richtet in den Familien großen Schaden an. Das Hauptproblem sind die virtuellen Geldbörsen, da die meisten keinen Zugang zu Bankkrediten haben. Die Schulden dienen in der Regel dazu, Lebensmittel und Mieten zu bezahlen, aber auch dazu, Schulden in Onlinecasinos zu begleichen – eine weitere Plage, die die Jugend heimsucht«, so Kostiuk. Die meisten arbeiten demnach nur noch, um Zinsen zu zahlen. Oder sie wenden sich an Geldverleiher, die mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen. »Sie geraten in einen dunklen Kreislauf der Wucherzinsen und müssen schließlich ihre Habseligkeiten verkaufen, um die Schulden zu begleichen.« Die Folgen: »Angst, Stress und Frustration«, konstatiert Kostiuk. Es sei kein Zufall, dass die Selbstmordrate in den vergangenen Jahren so stark gestiegen sei. Das stehe in direktem Zusammenhang mit der weit verbreiteten Verschuldungssituation.

Die verzweifelte Lage der Menschen ist das Ergebnis des anarchokapitalistischen Experiments, das die argentinische Regierung durchführt. Verschuldung fungiert im Kapitalismus als strukturelles Steuerungsinstrument, das Arbeiter zur Selbstausbeutung zwingt; als Druckmittel, damit die Beschäftigten die miserablen Arbeitsbedingungen akzeptieren.

Gleichzeitig wirkt sie auf die Psyche der Schuldner ein: Die Verschuldung demoralisiert sie und suggeriert, sie trügen wegen vermeintlich falscher Entscheidungen selbst die Schuld für ihre prekäre Lage. Fakt ist: Verschuldung ist kein individuelles Problem, sondern eines, das die Arbeiterklasse insgesamt betrifft. Es braucht kollektive Strategien, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Die Mobilisierung am Donnerstag war ein erster Fingerzeig.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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