Relativierer des Tages: Karol Nawrocki
Karol Nawrocki
Karol Nawrocki, der polnische Staatspräsident, ist promovierter Historiker und liebt Beispiele für Polens Größe aus der Geschichte des Landes. So auch am vergangenen Sonnabend, als in Polen der »Tag der polnischen Armee« begangen wurde. Als Hochamt des Militarismus, mit viel schmissiger Blasmusik und noch mehr olivgrün lackiertem Stahl, der den Warschauer Weichselboulevard entlangrollte. Und Nawrocki fand die passenden Worte: Die Parole »Gott, Ehre, Vaterland« ziere die Standarten polnischer Truppenteile »seit Jahrhunderten«. Nun ja. Ein, zwei Klicks im Internet hätten ihn oder seinen Redenschreiber belehren können, dass dieser Spruch erst 1943 von der polnischen Exilregierung in London eingeführt wurde. Aber wo der Präsident schon mal am Schwadronieren war, ging es gleich weiter: Polnische Soldaten hätten in Italien den Monte Cassino »verteidigt«.
Getroffen, versenkt. Die Schlacht um den Klosterberg auf halbem Weg zwischen Rom und Neapel im Jahre 1944 sah polnische Soldaten der auf westalliierter Seite kämpfenden Armee nicht als Verteidiger – denn oben saß die Wehrmacht, die den Durchbruch nach Rom verhindern sollte –, sondern als Angreifer. Und, nebenbei bemerkt, als Kanonenfutter. Briten, Australier und Neuseeländer sowie in Indien rekrutierte Bergstämme hatten es über Monate nicht geschafft, die deutschen Stellungen zu stürmen. Mit Hilfe der hochmotivierten Polen gelang es nach vier Monaten doch noch.
Natürlich hätte Nawrocki das wissen können, das ist kleines Einmaleins. Jetzt lacht ihn halb Polen aus, aber das ist ungerecht. Denn im Krieg ist der Unterschied zwischen Angriff und Verteidigung relativ und dient einzig zur Verteilung von Moralsoße über das blutige Geschehen. Denn die NATO hat einst ihre Werte ja auch am Hindukusch »verteidigt«. Genau wie Putin die »russische Welt« in der Ukraine. Ist damit irgend etwas erklärt?
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