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Postpunk

Ein Ort für alle

Die Postpunkband der Stunde kommt aus Köln und heißt Grenzkontrolle

Von Kevin Goonewardena
Foto: Binh Minh Dao/Ichbing
Souveräner durch beschissene Zeiten gehen mit: Grenzkontrolle

Punk hat gezeigt, dass jeder alles kann. Es braucht keine Erlaubnis, aktiv zu werden, kein Können, erst recht keine Virtuosität. Statt Perfektion am Instrument rückt die Haltung der Beteiligten in den Mittelpunkt. Die Kölner Band Grenzkontrolle versteht ihre Musik nicht als Handwerk, sondern als Möglichkeit: sich auszudrücken, Veränderung anzustoßen – und steht damit in der Tradition jener Pioniere, die vor 50 Jahren Musik, Industrie und Hörgewohnheiten revolutionierten.

»Ich klopfe an deiner Tür, ich hoffe, du öffnest sie mir / Dunkelschwarz in diesem Land steht man mit dem Rücken an der Wand«, singt Don L. Gaspár Ali im Stück »Tür«, und so ziemlich alles daran erinnert an die Fehlfarben. Jene wegweisende Band der ersten Punkstunde in Deutschland, die mit ihrem Album »Monarchie und Alltag« den Soundtrack zur Punk-New-Wave-Revolution schrieb. Grenzkontrolle wissen, wovon in »Tür« gesungen wird, denn sie vereinen nicht nur musikalische Historie: Drei der vier Musiker sind schwarz, People of Colour, nicht in Deutschland geboren oder früh hier hingekommen. Der schwarze Bürgerrechtler und Black-Panther-Aktivist Fred Hampton ist eines der Idole Don L. Gaspár Alis, Gitarrist Kodia Funk bewundert Curtis Mayfield, »sowohl musikalisch als auch aktivistisch«. Der habe es geschafft, »Menschen zusammenzubringen, statt zu dividen. Und hatte eine führende Rolle im Civil-Rights-Movement.« Höre man dessen Texte heute, würden die einen »immer noch pushen und helfen, durch diese beschissene Zeit zu gehen.«

Als politische Band verstehen sich Grenzkontrolle allein wegen ihrer Abstammung aber nicht. Vielmehr sei politisch gelesene Kunst, egal ob Musik, Tanz oder Performance, die Konsequenz aus der Beobachtung der eigenen Umgebung, erläutert Sänger Don L. Gaspár Ali – und eines künstlerischen Anspruchs, den die Band in sich vereint. »Auch wenn wir keine politische Macht haben, ist es unsere Art und Weise zu sagen: ›Wir sehen das‹, und die Leute, die Macht haben, daran zu erinnern, etwas zu ändern.« Belehrend oder »teachend«, seien sie dabei nie.

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In den Texten arbeitet der Frontmann ohne Plattitüden. Statt das bekannte, abgegriffene Vokabular politischer Songs aufzuwärmen, dichtet er in subtilerer, manchmal dadaistischer Manier. An Klarheit fehlt es den Lyrics dennoch nicht. Die mal basslastige, mal durch Drums oder Gitarren getriebene Instrumentierung von Roza Rot, Klaus Bouwer und Kodia Funk zieht ihre Rhythmik aus Postpunk, NDW und Funk der 80er, verarbeitet diese Einflüsse jedoch zu einer Mischung, die genug Eigensinn besitzt, um hörenswert statt schlecht kopiert zu sein. Don L. Gaspár Alis Texte und die Musik finden sich intuitiv. Im Proberaum tauche zwar mal ein Bandmitglied mit dieser oder ein anderes mit jener Idee auf, beschreibt Roza den Songwriting-Prozess, aber »eigentlich spielen wir immer aus dem Effekt heraus und dann fügt sich alles zusammen«.

Ergebnis dieses Prozesses ist die aktuelle EP »Piraten«. Ihr Debütalbum hört auf den Namen »Edelweiß«, zusammengesetzt wird die Bedeutung klar. In Köln sind die jugendlichen Widerstandskämpfer gegen Nazideutschland von einst auch im öffentlichen Raum präsent – etwa durch ein Mural im Stadtteil Ehrenfeld. »Da läuft es einem kalt den Rücken runter, wenn man daran erinnert wird, wie jung diese Menschen waren und was sie in der Blüte ihres Lebens riskiert haben«, erzählt Roza. Für die Band ist es selbstverständlich, solche Referenzen weiterzutragen.

Gegründet wird Grenzkontrolle als Projekt des Sängers mit dem Ziel, die eigenen Gedichte zu vertonen, später um die drei heutigen Mitglieder erweitert. Die Band bildet die zitierte Gemeinschaft ab – das kommt nicht von ungefähr. »Community war immer wichtig, es gab immer irgendwelche Onkel oder Tanten, die zu Besuch waren und bei uns zu Hause übernachtet haben. Oder die Schwierigkeiten mit ihrem eigenen Leben hatten, gerade keine Wohnung oder was auch immer«, erläutert Don L. Gaspár Ali die Wurzeln des gemeinschaftlichen Gedankens, der in seinem Leben immer schon wichtig gewesen sei. Um überhaupt zu funktionieren. Aber auch, um machen zu können, worauf man Lust hat oder eben keine Lust hat, und dabei Unterstützung zu erfahren.

Der Community-Gedanke spielt auch in ihrer Heimatstadt Köln eine große Rolle. »Wir wollen ehrliche und nachhaltige Zusammenarbeiten, zum Beispiel Orte beleuchten, die sonst im Dunkeln verschwinden«, erklärt Don L. Gaspár Ali die Wahl des Ortes für die letztjährige Release-Party. Schön sei es außerdem zu sehen, fügt Roza Rot an, dass sie Leute zusammenbringen würden, die vielleicht sonst nicht zusammenkämen. Denn das Publikum der Band setzt sich keineswegs homogen oder erwartbar zusammen. »Bei unseren Veranstaltungen sind immer auch ganz spezielle Leute, Leute, die vielleicht das Gefühl haben, sie passen nirgendwo so richtig rein.« Ein Ort für alle, gerade für die, die sonst außen vor sind – auch das ist eines der großen Versprechen des Punks, das Grenz­kontrolle einlösen.

→ Grenzkontrolle: »Piraten« (Bodenlos Records)

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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