Die Brücke über den Landwehrkanal
Dokumentation der Berliner Geschichtswerkstatt rekonstruiert den Weg zum Rosa-Luxemburg-Steg
In der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1919 warfen die Mörder Rosa Luxemburgs den Leichnam an der damaligen Lichtensteinbrücke in den Berliner Landwehrkanal. Als Ersatz für die 1945 zerstörte Brücke wurde erst 1987 im Zuge der Erweiterung des Zoologischen Gartens ein Ersatzbau für Fußgänger eingeweiht. Einer der beiden baugleichen Brückenstege trägt seit 2012 den Namen Rosa-Luxemburg-Steg, während der andere, der nur für Besucher des Zoos nutzbar ist, weiterhin Lichtensteinbrücke heißt.
Dieser »Kompromiss« ist Resultat jahrzehntelanger Anstrengungen, dem Neubau den Namen Rosa-Luxemburg-Brücke zu geben. Der Verein Berliner Geschichtswerkstatt hat diese Aktivitäten, an denen er maßgeblich beteiligt war, nun in einer materialreichen Broschüre nachgezeichnet. In dieser werden unter anderem auch Schreiben verschiedener widerstrebender Behörden und Verwaltungsstellen dokumentiert. In einem Schreiben der Sprecherin von Senator Peter Strieder (SPD) ist im Januar 2003 zum Beispiel von »Bedenken« die Rede, »dass die Gefahr des inflationären Gebrauchs der Erinnerung an Rosa Luxemburg mit immer neuen Namensgebungen besteht«. 1994 hatte sich bereits der damalige Bausenator Wolfgang Nagel (ebenfalls SPD) den Hinweis (oder die Drohung) gestattet, dass der Name Rosa Luxemburg »nach der Wiedervereinigung« an mehreren Stellen im Stadtbild präsent sei: »Ich habe wenig Lust auf eine Diskussion, die am Ende zu dem Punkt käme: Umbenennung der Lichtensteinbrücke und dafür etwa Tilgung des Straßen- und Platznamens.«
Schon bei der Einweihung der neuen Brücke in Anwesenheit des damaligen Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU) hatten Aktive der Geschichtswerkstatt im Mai 1987 eine symbolische Benennung nach Rosa Luxemburg vorgenommen. Beschlossen hatte das bereits 1983 die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Tiergarten gegen die Stimmen der CDU. 1985 hatte sich die zuständige Senatsverwaltung aber auf die Verwendung des alten Namens der Vorgängerbrücke festgelegt – auch schon verbunden mit dem Hinweis, dass im Osten der geteilten Stadt »eine Straße und ein Platz« nach Rosa Luxemburg benannt seien und somit eine »Doppelbenennung« erfolgen würde, die »generell vermieden werden soll«.
Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt weist im Vorwort darauf hin, dass es dem Verein »nur bei der Brücke«, die seit 2012 den Namen von Rosa Luxemburg trägt, passiert sei, dass »von der ersten Forderung bis zur endgültigen Umsetzung ganze 26 Jahre vergehen«. Dazu gehört auch die unvermeidliche Berliner Behördenposse: Die neue Brücke wurde im amtlichen Sprachgebrauch seit den 80er Jahren als Lichtensteinbrücke bezeichnet, obwohl es nie einen offiziellen Namensgebungsakt gegeben hatte. Jedenfalls blieb die Verwaltung 26 Jahre lang »den Nachweis schuldig«. (jW)
→ Berliner Geschichtswerkstatt e. V. (Hrsg.): Eine Brücke für Rosa L. – Die Geschichte der Namensgebung für den Rosa-Luxemburg-Steg. Selbstverlag, Berlin 2026, 98 Seiten, 9,80 Euro, Bezug über www.berliner-geschichtswerkstatt.de
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