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Mediengeschichte

Unkraut jäten

Gegen jede Heuchelei: Georg Fülberth beleuchtet die Zusammenarbeit von Karl Kraus und Wilhelm Liebknecht 1899/1900

Foto: Montage:jW/Fotos: opale.photo,Photo12/imago
Wilhelm Liebknecht (l.) und Karl Kraus sahen sich für kurze Zeit als gemeinsame Vorkämpfer gegen gezielte Publikumsmanipulation

Die Behauptung, der Kapitalismus schaffe Wohlstand für alle, kollidiert ständig mit der Tatsache, dass er in Wahrheit Reichtum für ganz wenige und dafür Armut für viele erzeugt. Mit dieser dauerhaften Schizophrenie der kapitalistischen Konstitution ist die vom Kapital beherrschte öffentliche Meinung seit jeher infiziert, sie beweist es in Permanenz bis heute und liefert dafür auch historische Beispiele in Serie.

Eines dieser Beispiele ist die Dreyfus-Affäre, die Europa zum Jahrhundertwechsel vor dem Ersten Weltkrieg über mindestens ein Jahrzehnt beschäftigte. Die Öffentlichkeiten vieler europäischer Länder teilten sich dabei in Dreyfusards und Antidreyfusards, entlang an der Frage, ob der Hauptmann im französischen Generalstab Alfred Dreyfus Landesverrat begangen hätte oder nicht. Liberale bis Sozialisten beteuerten seine Unschuld, Monarchisten und Klerikale hingegen seine Schuld, dabei mit nicht geringen antisemitischen Untertönen.

Dabei wurde kaum erkannt, dass die bürgerliche Öffentlichkeit als solche gerade in diesem Fall von heuchlerischen und höchst zweifelhaften Motiven durchzogen war. Waren diese bei Dreyfus’ Anklägern klar reaktionär, so waren dessen Verteidiger in ihrer Mehrheit ebenso wenig frei von Heuchelei. Unter anderem wider dieses publizistische Unkraut hatte Karl Kraus (1874–1936) im April 1899 seine Zeitschrift Die Fackel gegründet. Auf der gleichen Seite der Barrikade stand der betagte Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie und Chefredakteur des Vorwärts, Wilhelm Liebknecht (1826–1900). Kraus konnte Liebknecht zur Mitarbeit an der Fackel gewinnen.

Hintergründe und Verlauf der Zusammenarbeit rekonstruiert der Nestor der marxistischen Politikwissenschaft der BRD, Georg Fülberth, in einem schmalen Buch, mit dem er sich auf das für ihn eher ungewohnte Terrain der Mediengeschichte begibt. Seine Hypothese lautet: Kraus und Liebknecht ging es nicht um Dreyfus, sondern um den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft und der veröffentlichten Meinung in ihr. Auch liberale und sozialistische Blätter, die sich für Dreyfus einsetzten, unterschlugen systematisch die Ergebnisse der Klassenjustiz, besonders hinsichtlich der Aburteilung ärmerer Menschen, auch bei offenkundigem Justizirrtum, sowie bei Sittlichkeitsprozessen. Die These wird im folgenden überzeugend anhand der jeweiligen Texte in der Fackel, des (allerdings nur lückenhaft vorliegenden) Briefwechsels sowie anderem Quellenmaterial bewiesen.

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Kraus und Liebknecht sahen sich für kurze Zeit (Liebknecht starb im August 1900) als gemeinsame Vorkämpfer gegen die gezielte Manipulation des Publikums. Auch die vermeintlich gute Sache nahm für sie Schaden, wenn sich die Organe der Öffentlichkeit für einen Sensationsprozess dem Progressiven andienten, die Missstände um die Ecke, in den Hinterhöfen der Produktionsstätten und den feuchten Kellerwohnungen der Proletarier aber ignorierten. Hinzu kamen die Professionalisierung der Phrase und die Korrumpierbarkeit von Zeitungen, die im Annoncenteil Werbung für Firmen plazierten, deren gemeingefährliche wirtschaftliche Praktiken sie im redaktionellen Teil kritisierten. Kraus bekämpfte diese Umstände Zeit seines Lebens, später erkannte er in ihnen die Ursache für die Katastrophe des Ersten Weltkrieges. Fahrlässigkeit, Gleichgültigkeit, ökonomischer Hasard.

Nachdem Liebknecht für die Fackel zwei größere Aufsätze über die Dreyfus-Affäre geschrieben hatte, ebbte zu Jahresbeginn 1900 das Interesse an dem Thema beiderseits ab, zumal aus ihrer Sicht das Wesentliche gesagt schien. Kraus bemühte sich nun darum, Liebknecht zu Texten über die deutsche und österreichische Sozialdemokratie zu animieren. Dieser lehnte ab, weil er der Meinung war, dass Parteiauseinandersetzungen ausschließlich in der Parteipresse zu führen seien. Divergierende Interessen machten weitere gemeinsame Projekte zunichte. Kraus veröffentlichte 1926 zum 100. Geburtstag von Wilhelm Liebknecht in der Fackel dessen 46 Briefe an ihn als Ehrenbezeigung.

Fülberths Buch über Kraus und Liebknecht ist weit mehr als ein Kleinod am Rande der publizistischen Verheerungen des heutigen Medienzeitalters. Er zeigt, wie drastisch bereits an dessen modernen Ursprüngen der Widerspruch zwischen »guter« Meinung und »böser« Realität klaffte. Hier helfen einzig kritische Bewusstseinsbildung und scharfe Ideologiekritik. Der »liberale Schwindel« ist sogar schlimmer als der tyrannische Klerikalismus, weil er sich humanistisch drapiert.

Einziger Makel des Buches ist Fülberths abschließende Einschätzung der Gesamtleistung von Karl Kraus, dem er wenig mehr zugesteht als »streitbar«, sprachanalytisch und gar ein »talentierterer Lyriker« gewesen zu sein. Kraus’ Größe als Gesellschaftskritiker und Moralist muss stark gemacht werden: Aus seinem Großprojekt Die Fackel kann jeder lernen, wie und durch wessen Vermittlung Meinungsmanipulation, Krieg und Faschismus entstehen.

Georg Fülberth: »… dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen«. Karl Kraus und Wilhelm Liebknecht 1899/1900. Papyrossa-Verlag, Köln 2026, 136 Seiten, 14,90 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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