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Fußballrealität

Giesinggate

Insolvenz beim TSV 1860 München

Foto: Ulrich Wagner/IMAGO
Münchener Freiheit

Das von der Lokalpresse gewohnt sensationslüstern mit Vokabeln wie »Beben« oder »Paukenschlag« kommentierte Drama, das sich vorige Woche rund um die Grünwalder Straße in München-Giesing abspielte, markiert selbst für den krisengewohnten TSV 1860 eine Erschütterung. Und, ja, es ist ein echtes Endspiel in Weiß und Blau, der ruhmreiche Traditionsverein gegen den ungeliebten Investor Hasan Ismaik (in Fankreisen auch als »der Scheich« bekannt und mit einem besonderen Schmähgesang bedacht) und dessen Firmennetzwerk HAM Ltd., ein Gesellschaftermodell, das vom ersten Tag an (selbst-)zerstörerisch war. Eine 15jährige Ära des Misstrauens, der Konflikte, Erpressungsversuche, Lügen, Verdrehungen und Schuldzuweisungen endet nun mit dem klaren Vertragsbruch durch die HAM Ltd., die von einem Tag auf den anderen einen zum Liquiditätsnachweis erforderlichen Darlehensvertrag widerrechtlich gekündigt hat. Die daraus resultierende Finanzlücke von 2,7 Millionen Euro führt mit sofortiger Wirkung zum Lizenzentzug und Zwangsabstieg der Mannschaft in die viertklassige Regionalliga Bayern. Ein sportlicher, wirtschaftlicher und menschlicher Totalschaden, dessen Ausmaß sich heute noch kaum überblicken lässt. Der Verein reagierte prompt und hat den Kooperationsvertrag mit Ismaik mit sofortiger Wirkung gekündigt. Eine Insolvenz der von beiden Seiten betriebenen Kapitalgesellschaft dürfte nun nicht mehr zu vermeiden sein, so dass es auf beiden Seiten nur Verlierer gibt. Doch der Löwenfan als solcher ist Kummer gewohnt, der Blick muss nach vorne gehen, der Verein muss sich Churchills Diktum, wonach eine gute Krise niemals verschwendet werden darf, zu Herzen nehmen und die Chance für einen echten Neuanfang nutzen. Ob dies gelingen kann und wie es weitergeht am Standort Giesing, ist heute noch so ungewiss wie der Ausgang eines Elfmeterschießens. Was Fans und Beobachter wütend und fassungslos macht, sind nicht nur die Dreistigkeit, mit der Ismaik über all die Jahre agiert hat, sein Unwissen und Desinteresse gegenüber Strukturen und Seelenleben eines Vereins, seine Respektlosigkeit gegenüber demokratisch gewählten Vereinsfunktionären, seine verlogenen, sich im Selbstmitleid suhlenden Social-Media-Posts, es ist auch das Bewusstsein, als Verein mit 165jähriger Geschichte anderthalb Jahrzehnte lang Spielzeug eines gewissenlosen Finanzhasardeurs gewesen zu sein. Selbstverständlich gibt es auch in diesem Fall nicht nur eine Wahrheit, und auch die Vereinsseite hat in Gestalt diverser Funktionäre nicht immer glücklich agiert. Dieses Kapitel sollte anderen Vereinen und dem gesamten Profifußball eine deutliche Warnung sein. Dass ein Ende mit Schrecken einem endlosen Schrecken vorzuziehen ist, mag eine Plattitüde sein, aber für alle mit einem Löwenherz ist sie seit dem 3. Juni 2026 Realität.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.06.2026, Seite 16, Sport

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