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Lyrik

Heitere Stoa

»Diesem Vaterland nicht meine Knochen«: Gedichte von Peter Hacks

Von Erwin Grave
Foto: Vera Stark/ADN/Zentralbild/Wikimedia Commons
Peter Hacks, Schriftsteller (Berlin, 2.12.1976)

»Wert, Schönheit und Leben eines Verses«, klärt uns Peter Hacks auf, »beruhen nicht auf der Identität von Metrum und Rhythmus, sondern auf ihrem Widerspruch.« Die ersten Zeilen eines Gedichts geben dabei den Takt vor: »Nun erleb ich schon die dritte Woche / Die finale Niedergangsepoche.« Man erwartet nunmehr, immer schön die erste Silbe betont, trochäische Verse mit fünf Füßen. Selbst ein sechssilbiges Wort kann daran nichts ändern.

Bliebe es dabei, man bekäme leiernde Verse in »grätenloser Unendlichkeit«, im Grunde schlechte Prosa oder auch tausendfüßige Trochäen. »Pfarrer reden in den Parlamenten. / Leipzig glaubt an einen Dirigenten.« Man fürchtet schon eine Flut derlei trister Zweizeiler, aber dann: »Die Fabriken alle sind zuschanden. / Das Proletariat ist einverstanden«, endlich ein Auftakt in der trochäischen Öde. Pfarrer und Dirigenten hin oder her, dass aber das Proletariat, dieses erhabene Kondukt dreier Versfüße, sich widerspruchslos die Fabriken nehmen lässt, verursacht einen jambischen Stolperer, eine kurze Störung des sogleich wieder aufgenommenen Trotts.

Wirklich ins Stocken gerät dieser erst, nachdem die Freundin sich ob der Ereignisse fast schon prüde zeigt, weshalb Hacks ernstlich aus der Fassung zu geraten droht. Es gelingt ihm aber mittels zweier Zäsuren, durchweg den Takt zu halten; er bekommt dafür Enjambements: »Und so folgen dem, was ich ihr tue, / Höhepunkte, und in großer Ruhe / Sehn wir nachher beim Glenfiddichtrinken / Hinterm Dachfirst die Epoche sinken.« Wie leicht betont sich Glenfiddichtrinken nach lyrischen Unwörtern wie Niedergangsepoche. Es handelt sich bei diesem mit 1990 betitelten Gedicht um einen Fall heiterer Stoa.

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Die Verse von Peter Hacks verleihen der Abweichung vom vorgegebenen Metrum gerade durch ihren behutsamen Gebrauch ein Gewicht. Er verteidigt zwar selbst den kühnen Vers des frühen Heiner Müller und erklärt, »jede Abweichung vom Schema ist erlaubt«, allerdings nur, solange dabei »das Schema im Ohr des Hörers nicht verlorengeht«. Doch wer ist heute in der Lage, Schemata zu erkennen? Der hier bemühte Essay enthält in der Werkausgabe einen Druckfehler; an entscheidender Stelle werden Hebungen und Senkungen vertauscht. Welcher Lektor soll so etwas finden? Diesem Artikel musste auch ein Deutschlehrer nachhelfen.

Jüngst ist »Diesem Vaterland nicht meine Knochen«, eine Sammlung von Hacks’ Gedichten, in neuer Auflage erschienen, wenn auch der Satz sehr gegenüber der ersten Variante leiden musste. Zentrierte Zeilen machen dem Laien das Metrum nicht gerade einfacher. Aber was soll’s, man kann sie kaufen und verschenken, und der Satz verhindert nicht das Lesen der Gedichte. Es handelt sich dabei um eine Auswahl unmittelbar politischer Lyrik, aber es finden sich auch Liebesgedichte und historische Stoffe verhandelnde Balladen.

→ Peter Hacks: Diesem Vaterland nicht meine Knochen. Ausgewählte Gedichte. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2026, 96 Seiten, 14 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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