Lernt was, Friedensfreunde!
Von Erwin Grave
Schon Ende 2025 sind der dritte und vierte Band der »Gesammelten Schriften« von Hermann L. Gremliza erschienen, seinerzeit Herausgeber der linken Zeitschrift Konkret. Sie enthalten insbesondere sämtliche seiner monatlichen Kolumnen von 1979 bis 1984 in dem Magazin und bieten einen so umfangreichen wie lesenswerten Kommentar zum politischen Zeitgeschehen jener Jahre.
Das damalige SPD-Mitglied Gremliza konnte zu jener Zeit wegen Helmut Schmidt »nur noch unter Aufbietung aller Selbstverachtung zur Wahl gehen«, um »die Arbeiterbewegung mit der Dachlatte vorm Kopf« zu wählen, diese »soziale Hauptstütze der Bourgeoisie«. Aber zum Glück war er nur strategischer Sozialdemokrat und wollte ansonsten »dem Kapitalismus den Kampf ansagen«. Im Prinzip müsste die Arbeiterbewegung »die Umwälzung der Eigentumsverhältnisse erstreiten« und die Sozialisten daran gehen, »langfristig und planvoll das Bewusstsein der Massen zu bilden«, hielt er fest.
Allerdings befand sich der Kapitalismus schon damals in seinem letzten, sich ziehenden Stadium, dem Imperialismus. Ursprünglich lebten dessen Zentren »von der Ausbeutung ihrer Arbeiterklasse«, aber »als diese sich zu wehren begann«, ging man dazu über, »ganze Völker und Länder quasi zum Nulltarif auszupressen« und aus den so erwirtschafteten Extraprofiten das heimische Proletariat abzufinden und ruhigzustellen. Was noch an oppositionellen Regungen übrig bliebe, hätten »ihre Institutionen, ihre ›demokratischen‹ Rituale, ihre Gewaltapparate, ihre Bewusstseinsindustrien fest im Griff«.
Diese weitgehend gelungene soziale Integration des eigenen Proletariats war Teil einer Internationalisierung des Klassenkampfs. Gefahr drohte den imperialistischen Zentren nämlich eher von den Befreiungsbewegungen der Peripherie, die mit sowjetischen Waffen versuchten, dem Imperialismus die Rohstoffbasen abzuklemmen. Und da die Sowjetunion »zur Welt- und gar zur Atommacht aufgestiegen war«, bestand sogar Hoffnung, sie »würde die USA und ihre Marines in Schach halten«. Umgekehrt war die Niederlage der Sowjetunion für die Vereinigten Staaten daher überlebenswichtig und dass sie »den staatlich verfassten Sozialismus für die Wurzel alles ihnen zugefügten Übels halten« keine Wahnvorstellung. »Die Gesellschaftsordnung der USA kann sich aus eigenen Mitteln nicht finanzieren.«
Folgerichtig wurde 1980 der »Westernheld Reagan« zum Präsidenten der USA und zwei Jahre später in dessen »westdeutscher Dependance« Helmut Kohl zum Kanzler: Der in Vietnam geschlagene Imperialismus musste wieder in die Offensive kommen. Dagegen erhob sich in der BRD die Friedensbewegung; Gremliza witterte Morgenluft. Die Mitgliedschaft der SPD sowie die Gewerkschaftsbasis rebellieren erstmalig gegen ihre Führung, die Gegner der zivilen Kernkraft entdecken deren militärische Nutzung, und hausbesetzende Jugendliche »mischen sich in Weltpolitik ein«. Und das, obwohl die Friedensbewegung wesentlich von den »Kommunisten und ihrer Partei« angestoßen worden war – für einen Augenblick versagte die antikommunistische Ideologie.
Dem Konkret-Herausgeber waren die Grenzen dieser Bewegung bewusst: »Sie verfügt über keine kohärente gesellschaftliche Basis, und als alternative Strickstube lässt sich die Ökonomie nicht organisieren«. Es handelte sich selbstredend um keine klassenkämpferische Bewegung, allenfalls um die fünfte Kolonne eben des internationalen Klassenkampfes. Entsprechend war der politische Gradmesser Gremlizas, ob sie sich gegen den Imperialismus der USA und ihrer europäischen Verbündeten richtete, anstatt nebulös von der irrationalen Rivalität zweier Großmächte zu reden. Alles hinge davon ab, ob die 300.000 aktiven Friedensfreunde entwicklungsfähig wären und etwa lernten, »dass schon heute tagtäglich Krieg ist, in dem hunderttausend Menschen sterben, verhungern«. Auf eine Bewegung, die »Brokdorf vor Fallout bewahrte auf Kosten der Ermordung anderer Völker, ist gepfiffen«.
In diesen Jahren verschob sich der ideologische Charakter der Konflikte. Die schwerste Niederlage wurde dem US-Imperialismus von der »religiösen Befreiungsbewegung des Antikommunisten Khomeini« zugefügt. Es zeichnet Gremliza dabei aus, dass er sich dennoch niemals vom antiimperialistischen Lager distanzierte: »Pflicht des Revolutionärs ist es, hat mal einer gesagt, die Revolution zu machen.« Zugucken und stürmisches Kommentieren der Revolutionen, die andere machen, helfe nicht, sondern nur der »Kampf gegen das Alte, das das Neue nicht oder nur verkrüppelt zur Welt kommen lassen will«. Entsprechend gab der Herausgeber mitunter den Agitator und versuchte kontrafaktisch, die Friedensbewegung anzutreiben: »Mobilisierung und Kampf an allen Orten, in Sälen und auf der Straße.« Und statt Latschdemos: »Blockaden, ziviler Ungehorsam, Regelverletzung.« Denn wenn die USA sich anschickten, ihr in Vietnam zugefügtes Trauma zu überwinden und das Rad der Geschichte zurückzudrehen, käme alles darauf an, »ihnen ein neues beizubringen.«
Hermann L. Gremliza: Gesammelte Schriften. Band drei (1979–1981). KKV konkret, Hamburg 2025, 586 Seiten, 30 Euro
Ders.: Gesammelte Schriften. Band vier (1982–1984), 618 Seiten, 30 Euro
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Yuri Kochetkov/epa/dpa06.02.2026Größte Gefahr
Reinhard Kaufhold/picture alliance/ZB06.02.2026»Unsere Juden«
Courtesy Everett Collection/IMAGO05.02.2026Ende jeder Kontrolle
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Nachschlag: Sterbende Welt
vom 26.02.2026 -
Vorschlag
vom 26.02.2026 -
Auf der Bahre
vom 26.02.2026 -
Haie der Pingponghalle
vom 26.02.2026 -
Alte Liebe rostet nicht
vom 26.02.2026
