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Bedarf an imperialistischem Nationalismus

Dokumentiert. Reinhard Opitz über die Vorgeschichte des deutschen Faschismus beim Übergang des Großkapitals zum Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg

Foto: Atlantic Photo-Gesellschaft/SVT/TT/IMAGO
Einweihung eines Denkmals für den als »Hänge-Peters« bekannten Kolonialschlächters Karl Peters 1931 auf Helgoland

Bereits 1891 hatten die Konzerne der Schwerindustrie an der Ruhr auf Initiative des Krupp-Direktors Alfred Hugenberg gemeinsam mit gleichfalls expansionsinteressierten Kreisen des Handelskapitals und dem als Nationalheld gefeierten »Kolonialpionier« und blutbesudelten Massenschlächter von Deutsch-Ostafrika, Carl Peters, eigens einen Verband zur Förderung des Gedankens deutscher Weltausdehnung und Weltmachtpolitik »in Europa und über See« sowie zur Propagierung insbesondere ihrer eigenen Expansionszielprogramme und zur »Bekämpfung aller der nationalen Entwicklung (d. h. diesem Weltherrschafts- und Weltkriegsdrang) entgegengesetzten Richtungen« ins Leben gerufen: den »Alldeutschen Verband«; diesem war es vor allem darum zu tun, sogenannte Multiplikatoren – Professoren, Lehrer, Pfarrer (vorzugsweise protestantische) und Journalisten – in seinen Reihen zu organisieren, um über sie den zum »alldeutschen« Sendungsbewusstsein und imperialistischen Welteroberungswillen pervertierten »nationalen Gedanken« in breitere Volksschichten tragen zu lassen.

Der bisherige bürgerlich-liberale Nationalismus oder liberale Patriotismus bedurfte angesichts der monopolkapitalistischen Expansionsinteressen nun also einer Korrektur, musste imperialistischer Nationalismus werden. Worin bestand der Unterschied zwischen dem Nationalgedanken des älteren Liberalismus und dem imperialistischen Nationalismus?

Darin, dass der Nationalgedanke des vorimperialistischen Liberalismus noch, wie der frühe Liberalismus insgesamt, in Bezug zum Gleichheitsgedanken der Aufklärung stand und die deutsche Reichseinigung während der gesamten ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den meisten liberalen Patrioten noch namens eines jeder Nation zustehenden, gleichsam natürlichen Rechts (Naturrecht) auf ihren eigenen Staat gefordert wurde. Jetzt aber wurde genau das Gegenteil benötigt, ein Nationalgedanke nämlich, aus dem das »Recht« der eigenen Nation auf die Beseitigung der Eigenstaatlichkeit anderer Nationen und auf deren politische Beherrschung resultierte. Man kann den Operaitionsprozess, der hier vonnöten war, sehr schön am Beispiel eines Aufsatzes von Friedrich Naumann aus dem Jahr 1908 über das »Ideal der Freiheit« studieren (...): »Die Geschichte lehrt, dass der Gesamtfortschritt der Kultur gar nicht anders möglich ist als durch Zerbrechung der nationalen Freiheit kleinerer Völker. (...) Die Geschichte hat entschieden, dass es führende Nationen gibt und solche, die geführt werden, (...).«

Foto: World History Archive/IMAGO imago855785009.jpg
Kanonenfertigung bei Krupp in Essen während des Ersten Weltkrieges 1917
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Und wie nach außen, so auch nach innen. War der Kampf des älteren Liberalismus und liberalen Nationalismus um die Einheit der Nation noch ein Kampf gegen die Fürstenherrschaft und für bürgerliche – das bedeutete aber damals objektiv: Erweiterung der allgemeinen – Freiheitsrechte, so verlangte die politische Bedarfslage des imperialistisch gewordenen Großkapitals nun nach einem Nationalismus, der nicht erweiterte Freiheitsrechte, sondern die Forderung nach politischer Subordination, nationaler »Willensgeschlossenheit« und Hingabefreudigkeit für die eine »gemeinsame«, inhaltlich vorgegebene »nationale« Sache der Expansion rechtfertigte und Versuche sozialer Interessenwahrnehmung seitens der nicht zur Mitformulierung der »nationalen Ziele« zugelassenen Bevölkerungsklassen oder gar politische Kritik an jenen Zielen und Widerstand gegen sie ins Licht des »Antinationalen«, »Vaterlands«feindlichen, zu rücken vermöchte; damit aber gewann der Nationalismus nun eine ausgesprochen denunziatorisch-antidemokratische Stoßrichtung und Funktion und wurde zur Hauptformierungsideologie gegen Sozialisten, Altliberale, ja noch »gemäßigte« Imperialliberale sowie jedwede aus Humanitätshemmungen oder anderen Gründen sich den säbelrasselndsten »vaterländischen Kreisen« nicht zugesellende sonstige Partei oder Denkrichtung.

Wie aber ließ sich die Forderung nach solch absoluter politischer »Geschlossenheit der Nation« (...), wie ließ sich erst recht der Anspruch, zur Herrschaft über andere Völker berechtigt zu sein, denn nun aber auch massenwirksam begründen, d. h. Ideologisch plausibel machen? (...)

Tatsächlich hatte sich der zügellose Machtwille der imperialistischen Bourgeoisie längst seinen gleichsam spontanen und authentischen ideologischen Ausdruck geschaffen, und zwar in Gestalt des Sozialdarwinismus. (...) Was konnte einem tüchtigen, kapitalkräftigen, zur Umwandlung der Welt in eine Vermehrungsstätte für sein Kapital im Vollgefühl des ökonomisch und militärisch erstarkenden nationalen Imperialismus aufbrechenden Unternehmer mehr nach dem Herzen sein als diese auf eine nackte Faustkampfmoral und die Verkündung des »Rechtes des Stärkeren« als einzigen »lebensgemäßen« Rechtes hinauslaufende biologistische Philosophie, die nur vordergründig eine Anwendung der Darwinschen Naturerkenntnis auf die Gesellschaft war, in Wahrheit aber nichts anderes als die Projektion des Gewaltgesetzes des Kapitals selbst und seiner Sicht der Welt als Markt, ewige Ringkampfstätte der auf Leben und Tod ausgetragenen Kapitalkonkurrenz, in die Natur- und Sozialgeschichte.

→ Reinhard Opitz (1934–1986): Zur Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 7–10

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.07.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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