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08.05.2026
- → Feminismus
Strukturen ins Wanken bringen
Plattform für Austausch und Empowerment: Das Internationale Frauenfilmfest hat zum 43. Mal die weibliche Perspektive ins Zentrum gerückt
Die Aussage lässt an Deutlichkeit nichts vermissen: »Wir brauchen Frauenfilmfestivals mehr denn je.« Zwar möge man in Deutschland »ein Gefühl der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Branche« haben, so die künstlerische Leiterin des Internationalen Frauenfilmfests (IFFF), Maxa Zoller – die Fakten aber sprächen dagegen. Der Anteil von Frauen in der Regie nehme bereits ab einem Budget von drei Millionen Euro für eine Produktion ab, ab sechs Millionen treffe man kaum noch auf eine Regisseurin. Ihnen und allen weiblich Beteiligten an Filmproduktionen bietet das IFFF, das Ende April in Köln seine 43. Auflage erlebte, eine Plattform. Und Zoller lässt den klassischen Einwand, eine Quote verzerre den Wettbewerb, nicht gelten. Umgekehrt: Die Quote könne einen »verzerrten Wettbewerb« regulieren. Auch die Filmförderungsanstalt (FFA) schlussfolgerte, dass es nicht an Qualifikation mangele, sondern an fairen Zugängen. Sie hat einen Gleichstellungsbonus ausgearbeitet.
Im Wettbewerb des IFFF liefen acht Filme, ausgewählt aus 250 Debüt- und Zweitwerken von Regisseurinnen. Den Filmpreis in Höhe von 10.000 Euro erhielt die kroatische Regisseurin Hana Jušić für ihren zweiten Spielfilm »God Will Not Help« (2025) über zwei rebellische Frauen in der kargen, steinigen Landschaft der kroatischen Berge Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Chilenin Teresa erreicht das abgelegene Dorf der Familie ihres verstorbenen Mannes und trifft auf Milena, die den patriarchalen Zwängen ihres Umfeldes Schweigen entgegensetzt – eine fragile Bindung entsteht. Im Westernstil inszeniert, versteht man einander jedoch weder sprachlich noch kulturell: Nur die Männer funktionieren im üblichen Trott. Jušić, zu Gast beim IFFF, spricht von Frauen, »die Strukturen ins Wanken bringen, die versuchen, sie zu disziplinieren«.
Weiterhin wurde unter anderem Semmalar Annams indischer Film »Mayilaa« im Kino gefeiert. Der Film bringt es auf den Punkt: Patriarchat und Klassengesellschaft gehen miteinander einher, müssen gleichermaßen bekämpft werden. Wie das geschehen kann, ist mit Humor geschildert. Die Hauptfigur Mayilaa ist ganz unten in der Gesellschaft gelandet, mieser kann es nicht kommen. Als Tagelöhnerin sortiert sie Metallreste aus giftigem Sand, zu Hause erwartet sie in ärmlicher Hütte ihr gewalttätiger Ehemann. Selbst den üblen Job verliert sie noch. Mayilaa macht sich selbstständig, klappert mit einem alten Moped durch umliegende Dörfer, ihre kleine Tochter auf dem Rücksitz, um Strohmatten zu verkaufen. Den Mann ist sie somit los. Will sie aber verschüchtert lächelnd Vorteile der Matten anpreisen, wird sie von potentiellen Kunden verjagt. Erst als sie durch die Tradition der Trance ein wirklich hässliches Gesicht zeigt, so dass selbst die eigene Tochter erschrickt, hat sie Erfolg. Sie wird von einer Frauencommunity aufgefangen, eine gegen das Patriarchat wetternde Theatergruppe fördert sie. Ihre Matten finden reißend Absatz, obwohl sie niemand braucht. Wenn das nicht echte Frauenbefreiung ist!
Der deutsche Wettbewerbsfilm »Sechswochenamt« arbeitet ebenso mit subtilem Humor. Jacqueline Jansens autofiktionale, im rheinischen Dialekt verfasste Tragikkomödie entlarvt den verlogenen gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod und die Unfähigkeit zu trauern. Die Schwester der Anfang 20jährigen Lore (Magdalena Laubisch) will lieber nichts damit zu tun haben. Der letzte Wunsch der Mutter, ihre Asche im Meer verstreuen zu lassen, stellt sich als illegal raus. Nur mit List könnte er zu erfüllen sein. Zu Begräbnis-, Wohnungsauflösungs- und sonstigen Verpflichtungen kommen Alltagsquälereien hinzu: Ihr Auto darf sie vorm Altenheim, in dem die Mutter gerade verstorben ist, nicht parken. Die Politesse will das diskutieren. Statt auf Empathie stößt sie auf einen Pfarrer, der den Klingelbeutel der Gemeindekirche mit dem Nachlass auffüllt, und auf weitere wenig Nächstenliebe übende Menschen, die sich aber ganz sicher sind, »watt sisch jehööt«.
Der Publikumspreis in Höhe von 2.000 Euro erhielt die Regisseurin Jelena Ilić für ihren leisen, melancholischen teilanimierten Dokumentarfilm »Eine Krankheit wie ein Gedicht«, der zugleich vor Situationskomik sprüht. Ilić begleitet filmisch ihren Vater, der wegen schwerer Körperverletzung verurteilt wurde. Die vergangenen fünf Jahre hat er in einer forensischen Psychiatrie verbracht und soll nun entlassen werden. Beide verbindet eine liebevolle Beziehung und die Liebe zur Kunst. Sie kommunizieren miteinander in einer Art Tagebuch über Comiczeichnungen. Der Vater fertigt expressionistische Kunst, im Stil von »Art brut« (französisch für »rohe Kunst«). Der Künstler Jean Dubuffet prägte den Begriff. Er bezeichnete solche von gesellschaftlichen Außenseitern, psychisch Erkrankten oder Gefangenen gefertigten Werke als immun gegen Vereinnahmung und Anpassung und frei von Konvention. Die Tochter hat es nicht leicht mit ihrem Erzeuger. Im Film sieht man sie die Utensilien des Messiehaushalts ihres Vaters zusammenkehren. Die Dialoge zwischen Tochter und Vater sind trotz allem geprägt von Respekt und Anerkennung füreinander.
Gleiches gilt für die aus aller Welt angereisten Regisseurinnen – Wettbewerb hin oder her. Und sie unterstützen einander, Zusammenhalt lautet das Zauberwort beim Frauenfilmfest.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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