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Klimaszenarien

Fehlgeleitete Debatte

Anti-Energiewende-Lobbyisten und Fürsprecher der Nutzung fossiler Energieträger wollen die Bedrohung durch die Klimakrise pseudowissenschaftlich verschleiern

Von David Goeßmann
Foto: Charlie Riedel/AP/dpa
Der Industrie ist jede Ausrede recht, um weiter Dreck in die Luft zu schleudern. Kohlekraftwerk in Emmett, USA (3.1.2026)

Der US-Präsident Donald Trump schrieb: »Wrong! Wrong! Wrong!« Er bezog sich auf das sogenannte RCP8.5-Klimaszenario, das eine Zukunft mit sehr hohen CO₂-Emissionen bis 2100 modelliert. Dass es falsch sei, habe das »oberste Klimakomitee« jetzt zugegeben, so Trump. In Deutschland verkündete die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) in der Tageszeitung Die Welt (28.5.2026): »Deutschland schlittert immer tiefer in die Deindustrialisierung. Schuld ist ein Klimahorrorszenario, das Wissenschaftler nun als falsch enttarnt haben.« In der Berliner Zeitung (8.5.2026) wird von einem »Extremszenario« gesprochen, das »Horrorszenarien« in den Medien und »apokalyptisch anmutende Schlagzeilen« erzeugt habe, so dass über Jahre »ein verzerrtes und angstschürendes Bild« über den Klimawandel entstanden sei. Rechte Denkfabriken auf Antienergiewendekurs erklären, RCP8.5 sei »offiziell tot« und es werde nun wohl »kühler«. Bild und neoliberale Wirtschaftslobbys begrüßen die angebliche Entlarvung des Klimaalarmismus und fordern, die deutschen Klimaschutzziele zu überdenken sowie das Klimaschutzurteil des Bundesverfassungsgerichts »neu zu bewerten«.

Es gibt eine Reihe von falschen und irreführenden Behauptungen, die rund um den »Tod« von RCP8.5 in Umlauf gebracht werden. So wurde das Hochrisikoszenario keineswegs »heimlich« und »plötzlich« abgeschafft. In einem normalen wissenschaftlichen Reviewvorgang wurde es von der zuständigen Forschergruppe schlicht als nicht mehr plausibel angesehen. Das hat wiederum mit verbilligter Produktion von Energie aus erneuerbaren Quellen, einer schnelleren Energiewende und einer sich dadurch abflachenden, wenn auch weiter steigenden Emissionskurve in den vergangenen Jahren zu tun – einem Trend, der sich gegen die Macht »fossiler« Interessengruppen und ihrer Fürsprecher durchsetzen konnte. Auch hat keineswegs der Weltklimarat IPCC das Szenario beerdigt. Der IPCC sammelt nur Forschungsergebnisse, darunter auch die Emissionsszenarien, von wissenschaftlichen Gruppen aus der ganzen Welt. Er hat keinen Einfluss auf die Ergebnisse selbst. Außerdem ist es nicht richtig, dass in der Öffentlichkeit das »Extremszenario« die Schlagzeilen dominierte. Im Gegenteil, die Medien fokussierten überwiegend auf die Niedrigemissionsszenarien, bei denen die vagen, ohne Maßnahmen unterlegten Klimaschutzziele aller Staaten voll erfüllt werden müssten.

Darüber hinaus ist die Formulierung »Horrorszenario« nicht nur reißerisch, sondern sein »Tod« suggeriert, dass es nun kein solches mehr gibt. Doch auch ohne das Hochrisikoszenario des internationalen Projekts CMIP (Coupled Model Intercomparison Project) droht die Welt weiter in einen instabilen Zustand zu geraten, der das Überleben der Menschheit in Frage stellt. Denn der Erwärmungsgrad in anderen Szenarien ist ebenfalls bedrohlich. Dazu muss man wissen: RCP8.5 steht für »Representative Concentration Pathways« (repräsentative Konzentrationspfade von Treibhausgasen in der Atmosphäre), wobei 8.5 das Ausmaß des »Strahlungsantriebs« mit spezifischer Erderwärmung bis 2100 bezeichnet. Die globale Durchschnittstemperatur würde dabei im Vergleich zum vorindustriellen Niveau um 4,3 Grad Celsius (bei einer Spanne von 3,2 bis 5,4 Grad) bzw. im Nachfolgeszenario von RCP8.5, genannt SSP5-8.5, um 4,4 Grad (Spanne: 3,3 bis 5,7 Grad) bis zum Jahrhundertende ansteigen. Da dieser Hochrisikopfad nun als unwahrscheinlich angesehen wird, rückt ein anderes Modell als »Hochemissionsszenario« nach. Dieses prognostiziert eine Erderhitzung von rund 3,3 Grad Celsius (mit einer Spanne von 2,5 bis 4,4 Grad) bis 2100. Es würde nach wie vor katastrophale Auswirkungen mit sich bringen und mögliche irreversible Kippunkte im Erdsystem auslösen können.

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Der Forschungsartikel, in dem RCP8.5 unter den neuen Voraussetzungen als unplausibel wurde und der die Debatte ausgelöst hat, enthält noch eine zweite wichtige Nachricht. Denn zugleich wurde auch der Niedrigemissionspfad als unvereinbar mit den Emissionstrends deklariert – was in den Medien kaum Aufmerksamkeit erhielt. Das betrifft das Szenario mit einem Höchstwert von etwa 1,7 Grad Celsius. »Man kann feststellen, dass sich das Spektrum möglicher Zukunftsszenarien verengt hat«, sagt Gavin Schmidt, Direktor des NASA Goddard Institute for Space Studies und einer der Studienautoren. Es gibt also, vor dem Hintergrund der voranschreitenden Klimakrise, eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist: Die Obergrenze von 1,5 bis zwei Grad Celsius, im Pariser Klimaschutzvertrag festgelegt, kann laut CMIP nicht mehr eingehalten werden, außer es wird schnell gegengesteuert.

Aber das ist immer noch nicht die ganze Geschichte rund um den »Tod des Horrorszenarios«. Denn es gibt durchaus berechtigte Kritik an den Szenarien und den ihnen unterliegenden »Integrated Assessment Models« (IAMs). Einige Forscher, darunter der ehemalige Direktor des Tyndall Centre for Climate Change Research, Kevin Anderson, haben darauf verwiesen, dass zentrale Annahmen darin illusorisch sind. So enthielten viele Szenarien enorme Mengen an sogenannten negativen Emissionen. Damit ist gemeint, dass zum Beispiel große Flächen zukünftig bewaldet werden, das Holz in Kraftwerken zur Energieerzeugung verbrannt und dann das CO₂ unter die Erde oder in den Meeresboden verpresst wird. Man nennt das »Bioenergy with Carbon Capture and Storage« (BECCS). Es gibt noch weitere, ebenfalls bisher nur im Entwicklungsstadium befindliche Carbon-Dioxide-Removal-Technologien (CDR), mit denen die zur Verfügung stehenden Emissionsbudgets in den IAMs aufgebläht werden. »Die Modellierer führen ihre Analysen durch und können CO₂-Budgets vorlegen, die doppelt so hoch sind wie die naturwissenschaftlich berechneten. Das bedeutet für die Länder deutlich geringere Klimaschutzmaßnahmen, also viel niedrigere Reduktionsraten«, sagt Anderson. So hat eine Nature-Studie bereits 2015 400 Klimamodelle mit einem Zwei-Grad-Ziel untersucht. Von ihnen spekulieren 344 auf großdimensionierte »Negative Emissionen«-Technologien. Das ist nicht nur sehr risikoreich, sondern in seiner Dimension utopisch, während der Eindruck vermittelt wird, dass die Verbrennung fossiler Energieträger langsamer beendet werden kann.

Unter der derzeitigen Politik werden wir laut UNO eine Erderhitzung von 3,1 Grad Celsius bis 2100 erleben. Wenn alle nationalen Klimaschutzziele voll umgesetzt werden sollten, landen wir bei 2,6 bis 2,8 Grad, wobei die »negativen Emissionen« eingerechnet sind und die Szenarien davon ausgehen, dass die Temperaturen im nächsten Jahrhundert weiter steigen werden. Dieses Ausmaß der Erwärmung wird von den Vereinten Nationen als »katastrophal« bezeichnet. Das »Horrorszenario« ist also weiter aktuell und wird eintreten, wenn die Regierungen vor allem in den entwickelten Industriestaaten nicht bald gegensteuern.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.06.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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