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28.04.2026
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Immer mehr Verweigerer
Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung im ersten Quartal 2026 stark gestiegen
Mit immensem Aufwand wirbt die Bundeswehr um Rekruten: Die Armee organisiert Ausbildungsmessen, schickt Jugendoffiziere in die Schulen und produziert Youtube-Serien, die den Militärdienst als großes Abenteuer darstellen. Dennoch wollen sich immer weniger junge Männer und Frauen als Kanonenfutter hergeben. Im ersten Quartal des Jahres ist die Zahl der Menschen, die einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung (KdV) gestellt haben, auf 2.656 angestiegen, wie die Neue Osnabrücker Zeitung am Montag berichtete. Das sind bereits fast so viele wie im gesamten Jahr 2024, da waren es 2.998. Damit bahnt sich für 2026 ein neuer Höchststand der KdV-Zahlen seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 an.
Auslöser des Anstiegs im ersten Quartal des Jahres dürfte das Gesetz über den neuen Wehrdienst sein, das zum 1. Januar in Kraft trat. Es sieht unter anderem vor, dass nach 2008 geborene junge Männer ab Juli 2027 zur Musterung müssen. Die Bundeswehr erhofft sich so mehr Freiwillige. Falls die anvisierten Zahlen nicht erreicht werden, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht beschließen. Diese Aussichten haben die Zahl der KdV-Anträge offensichtlich nach oben getrieben. Auch das ständige Gerede von Politikern und »Experten« von einem bevorstehenden Angriff Russlands auf die NATO dürfte dazu beigetragen haben.
Desiree Becker, Sprecherin der Bundestagsfraktion von Die Linke für Friedens- und Abrüstungspolitik, sieht die Entwicklung positiv. Die Bundesregierung habe mit der verpflichtenden Musterung die »Grundlagen für eine neue Wehrpflicht geschaffen«, erklärte sie am Montag gegenüber jW. Mit ihren Anträgen auf Kriegsdienstverweigerung setzten die jungen Menschen ein »klares Zeichen«, dass sie nicht bereit sind, »diese Politik der Aufrüstung und Mobilmachung mitzutragen«. Sie stellten sich zu Recht die Frage, »warum Milliarden in militärische Aufrüstung fließen sollen« und warum die Bundeswehr »zur größten konventionellen Streitkraft Europas ausgebaut werden soll«, so Becker.
Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) bezeichnete den deutlichen Anstieg der KdV-Anträge als »klares gesellschaftliches Signal gegen die fortschreitende Militarisierung«. Die Zahlen zeigten »dass sich immer mehr Menschen bewusst gegen den Dienst an der Waffe entscheiden«, erklärte Yannick Kiesel, Referent für Friedenspolitik bei der DFG-VK, am Montag gegenüber jW. »Das Vertrauen in militärische Lösungen sinkt, während der Wunsch nach zivilen Konfliktlösungen wächst«, sagte er. Auch Reservisten meldeten sich vermehrt bei der DFG-VK, um im nachhinein zu verweigern.
Kiesel wies darauf hin, dass es im Jahr 2025 erheblich mehr KdV-Anträge gegeben hat, als die in aktuellen Medienberichten gennannten 3.867. Eine Nachfrage beim Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr habe ergeben, dass bis November 2025 bereits 6.739 Anträge bei der Behörde eingegangen waren. Es seien noch nicht alle an das zuständige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben weitergeleitet worden, so dass es gegenüber den Medien eine niedrigere Zahl nenne.
Zum Anstieg der KdV-Zahlen dürfte auch die Bewegung »Schulstreik gegen Wehrpflicht« beigetragen haben. Den ersten Schulstreik organisierte sie am 5. Dezember 2025, der zweite fand am 5. März dieses Jahres statt. Am Montag rief die Bewegung zum dritten Schulstreik gegen Wehrpflicht unter dem Motto »Nie wieder Wehrpflicht! Nie wieder Krieg!« am 8. Mai auf. Anlass ist der 81. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und die »damit verbundene Befreiung von Faschismus und Krieg«, heißt es in einer Pressemitteilung der Bewegung.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) habe jetzt mit der Vorstellung seiner Militärstrategie klargemacht, worum es gehe, wird der Pressesprecher des Bündnisses Hannes Kramer in der Mitteilung zitiert. Es werde »ein Krieg vorbereitet, für den über 460.000 junge Menschen im Schützengraben ihr Leben aufs Spiel setzen sollen«. Was das bedeute, habe »der Zweite Weltkrieg, der am 8. Mai vor 81 Jahren endete, gezeigt: Elend, Leid und Millionen Tote«, während Rüstungskonzerne wie Krupp Rekordprofite verbucht hätten.
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