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25.04.2026
- → Wochenendbeilage
Die heißeste Statue der Welt
Saufen und Vergessen in Genua
Jenen Winter verbrachten wir in Rapallo, einer kleinen Stadt bei Genua. Morgens kauften wir bittere Wildkräuter auf dem Markt, die wir abends in selbstgemachte Ravioli stopften. Dazwischen schliefen wir und tranken Aperitivo. So den Winter seines Lebens in Italien zu verbringen, ist das Schönste, was man mit sich und seiner Liebe überhaupt machen kann. Man muss sonst nichts tun, nicht mal krank werden oder dolce far niente, und kann arbeiten, was eigentlich auch das Schönste ist, was man hier machen kann. Künstler suchen eine Atmosphäre von Trägheit mit Leuten, die in der Sonne vor den Cafés sitzen und Mittagspause mit Wein machen, so als ob es gar keine Geschichte gäbe, die man noch fertigschreiben muss, so wie die hier. Man arbeitet bis zum Lunch und versucht dann noch mal zu arbeiten, wenn einen die Liebe lässt. Manchmal geht der Tag so dahin. Die eigentliche Arbeit ist, dann zum Arbeiten zu kommen. Man zieht sich was an und geht eingehakt unter den Arkaden, um in die Auslagen der Geschäfte zu sehen und sich später wieder auszuziehen. Ich schreibe das, weil das Einhaken ohne das Anziehen nicht geht und alles sich Ausziehen ohne Liebe nichts ist. Früher kamen die Leute immer im Winter, jetzt kam keiner mehr, obwohl die Leute im Winter netter sind, die Wege leerer, die Parkplätze freier. Die Leute freuten sich, dass wir im Winter kamen und auch blieben, so wie früher. Früher wären die Leute immer im Winter gekommen und geblieben, sagten die dann auf dem Markt, und nur die, die nicht im Winter kamen, fragten, warum wir nach Rapallo kommen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Man konnte hier gut leben und gut arbeiten, was das gleiche ist, und darauf kommt es wohl an. Begrenzt wurde das Glück also nur von Leuten, die fragten, und wir trafen kaum Leute in diesem Winter, und die, die wir trafen, fragten nur, ob es sonst noch was sein kann, und waren so gut wie die Wintertage selbst.
An den Wochenenden fuhren wir nach Genua, um, in unsere Mäntel gehüllt, in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. So kurz vor Weihnachten wird es dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind. Dann geht die Weihnachtsbeleuchtung an, und es ist angenehm, eingehakt unter den Arkaden zu gehen und ohne Geld in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. In Genua gibt es die besten Geschäfte und die besten Bars, und am besten nimmt man den Zug bis Brignole und geht dann die Via Settembre zur Piazza Ferrari, wo sich die jungen Genovesen abends treffen, um in die Altstadt zu gehen, die größte Europas. Die alten Genovesen gehen vorher ins Zefferino, weil sie sich das Zefferino leisten können, bevor sie dann saufen gehen. Das Zefferino ist ein altes, ehrwürdiges Lokal, berühmt für sein Pesto. Es beliefert schon drei Päpste lang den Vatikan. Sinatra ließ sich das Zeug nach Amerika schiffen, und Pavarotti nahm es mit auf Tournee. Die, die weder jung noch alt sind oder alt und arm, gehen vorher ins Gran Ristoro oder trinken Café mit Sahne bei Cavo und essen die berühmtesten Süßwaren der Welt. Unten am Alten Hafen, im Genua-Basiscamp. In die Bar Rouge geht um diese Zeit noch keiner, weil man da erst nach Mitternacht günstig unter Fresken saufen kann, nachdem man die Stadt abgerissen hat und nichts mehr steht, nur noch die Paninibude mit dem großen, grauen Dicken, den van Gogh blau gemalt hätte. Der verkauft die besten Brötchen der Stadt, mit Wurst und Zeug, roter Bete und weißen Früchten, die er mit Grappa eingesprüht hat. Die sind so gut, dass man die ohne Hunger essen kann, und am besten, morgens, wenn man die Nacht durchgemacht hat und Müllmänner an die Bar kommen und Leute aus Libyen, die dreitausend für ein Schlauchbootticket bezahlt haben, während ein Kreuzfahrtschiff im Mittelmeerraum für sechs Tage fünfhundert Euro kostet. Man kann diesen Laden um diese Zeit nicht beschreiben und beschreibt ihn besser, wenn man es nicht kann. Man kann nur beschreiben, wie die Mutter von dem grauen Dicken reinkommt, weil die eigentlich nicht reinkommt, die wird reingetragen, nachdem man ihr den Stuhl reingetragen hat, der gerade so durch den Gang vor der Theke passt und dann am Ende neben den Klos steht, wie ein Thron, auf dem man nichts machen kann, außer den Schinken zusammenlegen.
Genua ist immer eine Geschichte für sich und sicherlich eine von Calvinos unsichtbaren Städten. Es gibt andere Orte, die keine Geschichte sind und nur der Weg dorthin und hier vielleicht besser passen als die Caruggi. Hier kommt die Sonne nicht mal mittags hin, im August. Hier ist noch Mittelalter. Der Hochadel des 16. Jahrhunderts hat die Stadt mit Palästen zugeschissen, wobei die zufällig entstandenen Freiräume dazwischen als Gasse dienen, in denen sich Kolumbus und die Ostgoten noch zurechtfinden würden. Heute leben in den Häusern der Carrugi Genueser Familien, Penner, Amerikaner auf Grand Tour und vergessene Baronessen, die sich Milch und Honig voneinander leihen. Genua ist ein Mysterium, eines der letzten, wenn man noch niemanden kennt, der einem das erklärt, und mit der Überheblichkeit des Wissens, die Dingen entzaubert, die allen Einheimischen eigen ist. Man sieht die Dinge so, wie sie nie sind, und nicht, wie man sie immer sieht, wenn man da lebt und keinen Parkplatz findet. Man fühlt sich verloren und zu Hause im Verlorenen zugleich. In Lissabon kann man sich nicht mehr verloren fühlen, es gibt dort auch keine Menschen mehr, die seit 35 Jahren am selben Ort gefälschte Sonnenbrillen verkaufen. Es gibt dort keine Bar Paul, nur noch Weinbars mit Typen aus New York, die Meinungen haben, und Kaschemmen, in die die Typen aus New York nie gehen würden, weil heute jede Meinung ihre eigene Bar hat. Bei Paul kamen alle zusammen, die woanders ihre eigene Bar hätten, um sich gemeinsam verloren zu fühlen. Linke und Rechte mit Locken aus Pompeji, denen der Anblick des Meeres die Augen blau gefärbt hat. Schwule Matrosen und nichtschwule Matrosen und Matrosen, die nach einer einzigen Nacht nicht gleich schwul geworden sind. Da waren Typen, die aus dem tiefsten Süden in den Süden des Nordens gekommen sind. Sie haben Wüsten durchquert und Meere und beehren Genua als Tor einer Welt, durch das die Geschichten von tausend und einer Nacht einst europäisches Festland betraten. Da waren Prostituierte, die in schmalen Gassen mit poetischen Namen an den Palästen lehnen, und Männer aus Piratenfilmen, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, obwohl ich einige von ihnen bei bestimmten Gelegenheiten unten am Hafen im Vorbeifahren gesehen hab’. Sie geben ihnen für Geld, vor der Tür, im Regen, einen Handjob ohne Erklärung. Da waren teutonisch vernünftige Deutsche, die nach ihrer Ankunft deutsche Zeitung lasen und mittranken und dann nicht mehr lasen und nur noch tranken und nach dem Trinken das Angebot höflich annahmen. Da waren gutgekleidete, italienische Herren, die dafür wenigstens in ein Etablissement gingen, Köche mit schönen Schuhen, Väter mit Kindern, Pornoproduzenten, Peruaner und Frauen, die alles lieben, was umsonst ist und einen Wechsel der Szenerie bedeutet. Und natürlich wir.
Wir gingen immer erst mal zu Mazzini, weil man da Briefpapier kaufen kann, Siegelwachs und Stempel, gegen den ganz offensichtlichen Dreck. Das war gleich in der Galeria, und man musste nur am Hotel Bristol vorbei, über den Ferrari und hinter der Oper rechts durch die Galeria, in der die Buchhändler ihre Stände hatten und die Schaufenster der Geschäfte alt aussehen ließen, bis auf das von Mazzini. Jedes einzelne Buch war liebevoll in Folie eingepackt, so als hätte es ein echter Mensch geschrieben, mit Schweiß im Sommer und Frieren im Winter und einem Gefängnis aus Zweifeln im Kopf. Wie oft und wie gerne hätte ich mir da ein Buch gekauft, eins von Franco Maria Ricci. Aber man tat es wieder nicht und ging die Galeria hoch, ohne was zu kaufen, nicht mal Briefpapier und Siegel, um am Ende der Galeria bei Maurizio im Mangini Sbagliato zu trinken. Der machte die gleichen Sachen rein wie die im Defilla und trotzdem schmeckte es anders. Das Mangini war diese Art Ort, an dem der Abend stattfindet, ohne dass man sich um ihn kümmern muss, weil Maurizio das für einen übernahm. Es lag an einem Kreisverkehr unter Magnolien und hätte nirgendwo anders liegen können. An keiner Piazza, nicht unter Ahorn. Das Mangini funktioniert ohne den Kreisverkehr und die Magnolien einfach nicht. Ich weiß nicht, was der Kreisverkehr und die Magnolien mit dem Mangini machen, und ich fragte mich jedesmal, aber es würde nicht funktionieren, wenn es nicht hier wäre und nicht in Genua, denn Genua ging ohne das Mangini nicht und das Mangini nicht ohne Magnolien und den Kreisverkehr und Maurizio, den einzigen Barmann auf der Welt, den man nicht zu romantisieren brauchte und einfach so beschreiben konnte, wie er war: mittelgroß mit Brille, kurzer Frisur, immer Krawatte, immer Gilet. Er stand da hinter der Bar, vor den Spiegeln und Flaschen (Campari, Select 1920, Camatti, Maria al Monte), die wie ein Gemälde von wie immer aussahen, vor dem er sich bewegte. Durch die Spiegel konnte man die Leute sehen, die einen sahen, und sah sich an der Bar mit Maurizio und den Flaschen, hinter all den anderen Leuten, die sich fragten, wer wir wären. Junge Frauen in schwarzem Leder, alte Männer und Maler, die erst einmal Mann und dann Maler und dann alt gewesen waren. Da waren Opernsänger, Schaumschläger, Söhne und Künstler und Söhne, die Opernsänger oder Künstler werden wollten, so wie ich. Sie standen an der Bar, wie Kühe an einer Tränke. Die Bar selbst war aus Holz, Marmor und Silber, das abgewetzt war von all dem Stützen und Trinken und Reden über das Jahrhundert, zu dem man vielleicht gar nichts mehr sagen musste und einfach dastand und stützte und durch den Spiegel zu den anderen Leuten in den Raum sah. Ich dachte, dass wir hier ganz wunderbar an die Bar passen, zu den Jagdbildern und Vesuvausbrüchen, als 1920er Version des 21. Jahrhunderts. Wir standen immer an der Bar, weil das billiger war und Maurizio schon genauso lang hinter der Bar steht, wie ich auf der Welt bin, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag, und es gehörte für uns einfach dazu, einen Sbagliato lang, mit ihm da zu stehen. Das Mangini war ein geiles, altes Café, mit runden Tischen und Menschen, die es eigentlich nur noch in Büchern gibt, wie man sie in der Galeria kaufen kann. Diese Bücher bestanden aus denen, die hier saßen, so wie Sarah Bernhardt, die oft im Mangini saß. Da waren Familien aus Lampedusas Leoparden und die besiegten Helden Malapartes, Italo Calvinos Dimensionen, Alighieris Eitelkeit, Valérys Nächte und ein paar Leute, die noch nie geschrieben wurden. Nur die Trockenheit Montales gab es nicht. Meiner Meinung nach gibt es auf der Welt an die zehn Typen, die es dann überall gibt, und nur wenige gibt es einmal, und die meisten davon gab es hier. Maurizio gab es einmal, er war das für Bars, was Rom für die Städte ist. Meine Freundin gab es einmal, und selbst wenn es die noch mal gegeben hätte, würde ich die lieben, die nie Geld dabei hat, weswegen wir oft bei Maurizio anschreiben lassen müssen, was aber noch nie ein Problem gewesen ist. Ich habe Maurizio in unserer ganzen Zeit nie gestresst erlebt, nicht mal mit einer Strähne im Gesicht oder einem Flecken Schweiß. Keine Ahnung, wie der das schaffte, jeder Handgriff war perfekt, jedes Wort saß, selbst wenn er beim Reden mit seinen Kellnern sprach und gleich wieder zwei neue machte und weiter erzählte, scharf und klar, wie ein Psychopath. Ja, es gab Nächte auf der Welt, die waren lang und ungesund, und es gab Nächte, die lang und ungesund und schön waren, so schön, dass das Schöne besser war, als dass es ungesund sein könnte. Es gab solche und solche, aber alle Nächte, die bei Maurizio an der Bar begannen, waren so und genau so, wie Montaigne oder irgendwer das schreibt, so dass ich das nicht noch mal schreiben muss. Seit es Menschen gibt, die mehr als nur satt werden wollen, ranken sich darum dieselben Legenden. Der Rausch war nie bloß das Glas, keine Nebenwirkung, sondern eine Frage der Weltordnung: Apollon für das Maß, Dionysos für das Maßlose. Alles in Maßen, aber auch das Maß. Wer das nicht kapiert, den schickt Maurizio vor dem Trinken nach Staglieno, mit dem Bus, Linie 14, zum Monumentalfriedhof. Mark Twain, Maupassant, Nietzsche, Tschechow und Elisabeth von Österreich waren auch schon vor dem Trinken hier. Hemingway hielt das Ding für ein Weltwunder und trank dann. Über hunderttausend Grabsteine und Staub und Steine, die noch kein Staub geworden sind. Die eindrucksvollsten vom Genueser Bildhauer Giulio Monteverde. Der hat die besten Gräber gebaut, vor allem das mit Eros und Thanatos, der Erotik und dem Tod des Todes, dem Engel der Auferstehung, die heißeste Statue der Welt. Das Grabmal auf dem Friedhof von Staglieno gilt als Symbol für eine tiefe geistige Krise dieser Zeit, weg vom reinen Realismus zu einer romantischeren Interpretation. Während das Bürgertum zuvor oft stolz seinen Wohlstand zur Schau stellte, steht der melancholische und rätselhafte Engel des Grabmals der Familie Oneto für die Zweifel und die Dekadenz am Ende des 19. Jahrhunderts. Das sind Emotionen aus Stein, auf die man glatt onanieren könnte.
Was ich darüber weiß, weiß ich von Maurizio. Ich weiß auch ein paar andere Sachen, die ich selbst erlebt und gelesen habe, aber ich hörte sie lieber von ihm an der Bar. Maurizio war ein echter Genueser, ein Ligure vorm Herrn, der sagte, dass die Geschichte in der Tat kaum ein Volk kennt, das von Menschenverachtung, Treulosigkeit, Grausamkeit und Streitlust so durchdrungen war wie die Genueser im Mittelalter. Die Stadt ging im Handel auf, nahm jedoch am geistigen Aufschwung des Landes keinen Anschluss, was Dante sogar im 33. Gesang des Infernos beschwört. Von hier arbeitete man mit Verschwörung, Attentaten und Aufständen auf die Befreiung Italiens hin. Mazzini, Garibaldi, Gian Luigi Fieschi, dem das Schiller-Drama gewidmet ist. Die Stadt besaß Niederlassungen in Konstantinopel, Syrien, Tunis, Mallorca und Zypern. Nur dumme Menschen halten Genua für eine Stadt bei Portofino. Portofino non c’e niente, meinte Maurizio dann, und Italiener meinen das normalerweise nie so. Ein Italiener würde nie sagen, dass Genua keine schiefen Türme und Pisa kein gutes Essen hätte, obwohl Genuas Größe mit dem Ruin von Pisa aufgebaut wurde. Er würde sagen, dass Genua gutes Essen hätte und Pisa einen schiefen Turm, aber Portofino ist etwas, das das Licht der ganzen Gegend absorbiert. Portofino war einmal, weil Portofino berühmt für ein Dorf geworden ist, das es heute nicht mehr gibt. Heute ist der Ort berühmt dafür, berühmt zu sein, und zieht genau solche Menschen an. Wichser, die beim Selbstfilmen fast von den Klippen fallen, obwohl man das nicht so sagen darf, weil die Liguren abergläubische Menschen sind. Sie glauben, dass Schnecken Zahnschmerzen heilen und der Tau in der Johannisnacht heilende Kräfte besitzt. Über der Villa Altachiara schwebt der Fluch des Tutanchamun, erzählen sie dann. Das ist ein großes, teures Haus an den Klippen, von denen schon einige runtergestürzt sind. Die Villa wurde von Henry Herbert, dem 6. Earl of Carnarvon, für seinen Sohn Georg Herbert, Lord Porchester, gebaut. Sein Vater wiederum hatte 1922 Howard Carters Grabungen am Grab von Tutanchamun finanziert.
Die Villa gehört zu den schönsten im Mittelmeerraum. Seine Nichte, die spätere Gräfin Francesca Vacca Agusta, stürzte in stürmischer Nacht 2001 über die Klippen. Ihre Leiche fand man später an der französischen Riviera, bei Toulon, so wie die Meeresströmungen hier bei bestimmten Windverhältnissen, auf dem typischen Weg für über Bord gegangene Personen, sind. Seitdem will keiner die Villa, trotz Hubschrauberlandeplatz, einem Swimmingpool, Fitnessraum und einem drei Hektar großen Park. Auch das alte, zerfallene Hotel Portofino Kulm ist Gegenstand zahlloser Gespenstergeschichten, die von seinem Leerstand und seiner Vergangenheit befeuert werden. Es wird erzählt, dass eines Nachts alle Gäste des Hotels spurlos verschwunden wären. Ein kleines Mädchen soll im Keller erfroren sein und seitdem durch die Korridore wandeln. Das Hotel, ein Juwel der Belle Époque, wurde 1906 eröffnet und war ein Treffpunkt für die europäische Elite, darunter Königin Margarethe von Savoyen. Während des Zweiten Weltkriegs diente es als Hauptquartier der Wehrmacht, später als Casino für amerikanische Truppen. Es war seit 2013 geschlossen und befand sich in einem Zustand des Verfalls, bis es eine Immobiliengruppe vor kurzem erwarb, um es zu renovieren und endgültig zu zerstören.
Natürlich verpasst man so den letzten Zug, nicht nur wegen Maurizios Geschichten, sondern weil man nach dem Tod auf dem Friedhof und dem Leben im Mangini auf alles scheißt und auch in die Altstadt rennt. Man muss dann einfach saufen. Genua ist dann so, wie die Dinge eigentlich nie sind oder nur, wenn man sie vermisst. Sie sind wie Frauen im Vorbeigehen, Fresken, Kronleuchter, einsame Treppen und Briefkästen, die aussehen, als würden sie keine Rechnungen aus diesem Jahrhundert annehmen. Ein Taxi am Ende der Nacht kostet so viel wie die Nacht im Hotel Bristol. Also isst man beim grauen, dicken Mann, den van Gogh blau gemalt hätte, neben den Müllmännern und geht dann, um sich in den Morgenstunden zu lieben.
Konstantin Arnold, Jahrgang 1990, ist freier Autor und lebt in Lissabon. Er schreibt Reportagen für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können. 2020 veröffentlichte er seinen Debütroman »Libertin. Briefe aus Lissabon« (Proof-Verlag). Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 27./28.9.2025 die Wüstenreportage »Im Schatten der Schilder an Straßen«.
Zum Autor: Konstantin Arnold
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