junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Mittwoch, 22. April 2026, Nr. 93
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 22.04.2026, Seite 6 / Ausland
Griechenland

Gemeinschaft im Widerstand

Griechenland: Die Athener »Prosfygika« ist die größte Hausbesetzung Europas und von Räumung bedroht. Doch die Beteiligten wehren sich
Von Lorena Saraniero, Athen
6.jpg
Selbstverwaltet, autonom und widerständig: Die dritte Demonstration gegen die Räumung (Athen, 18.4.2026)

Die Parole »Unsere gemeinsame Sprache ist Widerstand« schmückt eine der Wände des selbstverwalteten besetzten Gebäudekomplexes »Prosfygika« in Athen. Die Bäckerei »Berkin Elvan«, benannt nach einem 15jährigen Aktivisten, der 2014 bei den Gezi-Park-Protesten von türkischen Polizisten getötet wurde, öffnet dort an einem sonnigen Morgen. Kinder sind auf dem Weg zum selbstorganisierten Kindergarten eine Straße weiter.

»Prosfygika« liegt in unmittelbarer Nachbarschaft eines Fußballstadions, zwischen einem Krankenhaus für Krebspatienten, einer Polizeistation und dem Obersten Gericht. Der Komplex besteht aus acht Häuserblocks auf 3,5 Hek­tar. Mehr als 400 Menschen aus über 27 Ländern haben hier ein gemeinsames Zuhause gefunden, das sie selbstverwaltet organisieren. Es ist die größte Häuserbesetzung in Europa. Im vergangenen Sommer beschloss die Hauptstadtregion Attika gemeinsam mit der griechischen Regierung ein 15 Millionen Euro teures und mit EU-Geldern finanziertes »Sanierungsprogramm«, das die Zwangsräumung seiner Bewohner ohne vorherige Konsultation vorsieht. Regionale Behörden haben klar gemacht, dass dies auch gewaltsam unter Einsatz von Polizeikräften erfolgen soll.

1933 wurden auf einem großen Feld, das sich damals noch außerhalb Athens befand, diese acht Häuserblocks als Unterkunft für Menschen erbaut, die aufgrund des Krieges zwischen Griechenland und der Türkei 1919 bis 1922 aus Kleinasien fliehen mussten. Prosfygika heißt übersetzt Geflüchtete. Die Häuser spielten zur Zeit der Besetzung durch die deutschen Faschisten eine wichtige Rolle im Widerstand der Partisanen. Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE), die von der großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wurde, hat hier gekämpft. Bis heute sind die Einschusslöcher von den Kämpfen an mehreren Häuserfassaden zu erkennen.

Heute ist die Stadt Athen gewachsen. Nicht mehr Felder umgeben Prosfygika, sondern Wohnhäuser, Straßen und Verwaltungsgebäude. Doch der Widerstand ist geblieben. In der »Sykapro«, der Gemeinschaft des besetzten Prosfygika, haben sich verschiedenste Menschen zusammengeschlossen. Eine ganze Reihe von Organisationen ist ebenfalls in den Häusern vertreten – von kurdischen und türkischen Parteien bis zu deutschen anarchistischen Gruppen. Geflüchtete Familien und vereinzelt noch alte Besitzer von Wohnungen sind hier zu Hause. Mit Hilfe von 22 autonomen Zusammenschlüssen – zuständig unter anderem für Gesundheit, Frauen, Kinder und Öffentlichkeitsarbeit – wird hier das Leben organisiert. Die Generalversammlung und der Frauenrat sind dabei die beiden zentralen Entscheidungsgremien der Gemeinschaft.

Jetzt sollen laut griechischer Regierung dort Sozialwohnungen gebaut werden. Die Bewohner sehen in der Sanierung jedoch einen brutalen Plan für Räumung und Auflösung der »Prosfygika«. Sozialwohnungen gibt es in Griechenland kaum – es ist also fraglich, ob hier wirklich welche entstehen werden. In den vergangenen Jahren wurde mehrfach versucht, das Viertel zu räumen. Im Herbst 2016 konnten die Anwohner einen solchen Räumungsversuch abwehren. Die Polizei arbeitete damals mit Neonazis der Organisation »Goldene Morgendämmerung« zusammen, um die Gemeinschaft anzugreifen.

Im Zuge des aktuellen Widerstandes ist am 5. Februar der Bewohner Aristotelis Chantzis in einen »Hungerstreik bis zum Tod« getreten. Für Chantzis, den alle liebevoll »Aristos« nennen, geht es bei seinem Hungerstreik um mehr als nur ein paar Hektar besetztes Land. Er sagt: »Wir leben in einer Ära, in der die Gesellschaften glauben, das Ende der Geschichte sei erreicht«, weshalb die Verteidigung eines Orts wie Prosfygika eine zentrale Aufgabe sei.

Die gesamte Gemeinschaft sieht die Verteidigung der Häuser als ihre Aufgabe. Es wird eine Kampagne zum Erhalt Prosfygikas organisiert. Bisher hat es drei Großdemonstrationen gegeben, an denen jeweils zwischen 1.000 und 5.000 Menschen teilnahmen. Jeden Tag finden Aktionen statt: Flyerverteilen vor dem Hungerstreikzelt, Solidaritätshungerstreiks, kleine Gruppen ziehen abends zum Plakatieren los, davor wird beim Spiel des linken Fußballklubs »Asteras Exarchion« ein Banner im Stadion aufgehängt. Die Gemeinschaft hat zuletzt entschieden, dass sie sich öffnen muss, um die gesellschaftliche Beteiligung zu stärken. Die Öffnung ist ein neuer politischer Schritt der Selbstverteidigung, in dem Kollektivität nach außen erweitert wird. Aristos sagt hierzu: »Kollektivität ist nicht nur eine Frage des Zusammenlebens, sondern eine Mentalität, die entwickelt und in die gesamte Gesellschaft getragen werden muss.«

Die Bedeutung des Ortes ist für alle Anwesenden spürbar: An den Häuserwänden stehen die Namen verschiedener Märtyrer. Kurdische Parolen schmücken die Fassaden, und Bilder von gefallenen Kämpfern der kurdischen Bewegung hängen in den Wohnungen. Etliche Internationalisten leben hier. Sie wollen Teil dieses Projekts sein und eine neue Art des Lebens schaffen.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Große Solidaritätsbewegung für die Freilassung von Öcalan, Frank...
    15.02.2024

    Im Knast seit 25 Jahren

    Nach langer Irrfahrt entführt. Am 15. Februar 1999 wurde der PKK-Anführer Abdullah Öcalan in Nairobi festgenommen. Er ist bis heute in der Türkei inhaftiert
  • Vertraglich bestätigtes »Ethic engineering«. Griechisch-orthodox...
    22.07.2023

    Geburtsurkunde der Türkei

    Vor 100 Jahren wurde der Friedensvertrag von Lausanne unterzeichnet. Leidtragende sind bis heute die Kurden. Auch Ankara fordert Revision
  • NATO-Partner: Erdogan, Biden und Johnson (v. l. n. r.) am Mittwo...
    02.07.2022

    Kurden geopfert

    Erdogan zufrieden: Schweden und Finnland tragen künftig Kriegspolitik der Türkei mit. Hintergrund ist Einigung über NATO-Beitritt

Mehr aus: Ausland