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Literatur

Er rettet sogar Marienkäfer

Noch ein Glas mit Philip Marlowe: Raymond Chandlers »Lebwohl, mein Liebling« in einer Neuübersetzung

Von Daniel Dubbe
Foto: TT/imago
Ein Lächeln wie eine Mausefalle: Raymond Chandler (mit Pfeife)

Im Leben geschieht vieles aus Sentimentalität. Der Sträfling Malloy, ein Riese von zwei Metern, so breit und klobig, dass keine Konfektionsgröße ihm passt, hat acht Jahre Knast abgesessen und nichts Eiligeres im Sinn, als endlich »seine Velma« wiederzufinden. Geschrieben hat sie ihm nie. Und dass sie es war, die ihn einst verpfiffen hatte, ahnt er ebenso wenig wie der Leser am Anfang von Raymond Chandlers »Farewell, My Lovely« aus dem Jahr 1940.

Mein Rückblick auf Chandler, dessen Werke bei Diogenes derzeit in Neuübersetzungen herauskommen, ist ebenfalls von Sentimentalität geprägt. Als ich mit Anfang zwanzig Camus, Sartre oder Pavese las, entdeckte ich eines Tages auch Raymond Chandler und blieb hängen. Auf literarischem Niveau fand ich keinen Unterschied. Chandler war vielleicht etwas unterhaltsamer.

Junge Leute sind leicht zu beeindrucken. Da sind zuerst Chandlers unvergleichliche Vergleiche: »Sein Lächeln war ungefähr so einladend wie das einer kaputten Mausefalle.« Oder nachts am Hafen: »Die feuchte Luft war kalt wie die Asche einer erloschenen Liebe.« Chandlers größter Trumpf aber ist die Figur Philip Marlowe. Es gibt Leute, die ihn bis heute für den besten Kriminalermittler aller Zeiten halten. »Sie sind so wunderbar«, sagte sie. »So tapfer, so entschlossen, und Sie arbeiten für so wenig Geld. Jeder haut Ihnen eins über den Schädel, würgt Sie, knallt Ihnen was aufs Kinn und pumpt Sie voll mit Morphium, aber Sie klopfen unbeirrt weiter auf den Busch, bis allen schließlich die Puste ausgeht. Was ist es, was Sie so wundervoll macht?« Das fragt im Roman eine Bewunderin Marlowes, die gern mit ihm anbändeln würde, ihn am liebsten sogar als Partner hätte. Doch Marlowe ist ein notorischer Einzelgänger.

Chandler war Realist. Er verfügte über beachtliche schriftstellerische Mittel. Wie bei Balzac wird zunächst der Ort der Handlung genau beschrieben, danach die äußere Erscheinung jeder neuen Person. Beides nicht ganz so ausführlich wie einst bei Balzac, dafür greller. Ist das getan, kommt der Dialog. Darin ist Chandler Meister. Kein Wunder, dass Hollywood auf ihn aufmerksam wurde. Chandler mochte Hollywood nicht, aber er mochte Geld. »Farewell, My Lovely« wurde u. a. 1975 mit Robert Mitchum in der Hauptrolle verfilmt. In »The Big Sleep« (1946) war Marlowe von Humphrey Bogart verkörpert worden. Im Laufe der Zeit gab es noch einige weitere Marlowe-Darsteller.

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Dieser Privatdetektiv redet unverblümt, ist kaltschnäuzig und macht sich keine Illusionen. Er ist aber auch ein Menschenfreund, ja sogar ein Tierfreund. Einmal rettet er einen Marienkäfer aus dem 18. Stockwerk des Polizeipräsidiums und setzt ihn draußen behutsam auf einem Busch ab. Marlowe ist grundsympathisch, dazu gehört auch, dass er auf die kleinen Dinge achtet. Das passt zu seinem Beruf. Gesellschaftlich ist er eher unten angesiedelt. Er hat ein schäbiges Büro, aber im Herzen Hollywoods (wahrscheinlich im Cahuenga Building). Die besseren Kreise schätzt er nicht besonders. »Alle Damen der oberen Gesellschaft reden heutzutage wie Flittchen.«

Man kann viel zur Figur des Philip Marlowe sagen, es bleibt aber immer das Gefühl, ihn nicht ganz erfasst zu haben. Zum Glück hat Chandler selbst sich zu Marlowe geäußert, und zwar in einem scharfen Brief an einen Bekannten, der in der Zeitschrift Vogue abfällig über ihn geschrieben ­hatte. Chandler erklärte, Marlowe und seinesgleichen seien die letzten ehrlichen Männer, die es in der Gesellschaft noch gäbe. Sie erledigten ihre Aufträge und nähmen ihren Lohn. Sie seien nicht habsüchtig und kämen nicht dadurch in der Welt voran, dass sie anderen aufs Gesicht träten. Weder strebten sie nach Weltherrschaft, noch versuchten sie, ihre eigene Schwäche durch das Herumstoßen anderer zu kompensieren. Marlowe verkörpere die einzige Haltung, die ein Mann mit Selbstachtung und Anstand in der heutigen beutegierigen und brutalen Welt noch verteidigen könne.

Ich muss leider gestehen, dass ich auch jetzt wieder fast den ganzen Roman in der alten deutschen Fassung von 1976 gelesen habe: Weil ich immer viel anstreiche, mit Kugelschreiber und Fineliner, und in einer so schönen, bestens als Geschenk geeigneten, weil in feinstes bordeauxrotes Leinen gebundenen Ausgabe wie der nun bei Diogenes erschienenen, ist das undenkbar. Auch gefällt mir die alte Übersetzung besser. Sie wirkt anschaulicher. Was nicht heißt, dass die neue schlecht ist, ich bin nur an die alte gewöhnt. Eine neue Übersetzung hat einen entscheidenden Vorteil. Sie ist neu. Damit lassen sich neue Leser anlocken. Aus »fraulich« (alt) wird »feminin« (neu), aus »Heiliger Strohsack« wird »Ach, du meine Güte«, aus »Neger« natürlich »Schwarzer«, und aus »Negerhotel« wird »Schwattenhotel«, was irgendwie komisch klingt.

Das Whiskeyglas gehört zu Marlowes Ausrüstung wie Hut, Zigarette und Pistole, die sein Jackett ausbeult. Zeugen macht er mit Alkohol gesprächig, mit teurem Whiskey, den sie sich nicht leisten können. Er bessert seine eigene Stimmung morgens gern mit einem Schluck aus der Pulle auf. »Nach einem Schluck Whiskey fühlte ich mich schon viel besser.« Chandler selbst war schwerer Trinker. Als er 1939 seinen ersten Roman veröffentlicht, ist er über 50 und hat keine 20 Jahre vor sich. 1959 schreibt er nach etlichen gesundheitlichen Krisen an einen Freund: »Mein Arzt meint, ich habe noch vier oder fünf Monate zu leben. Aber er irrt sich. Ich bin unsterblich und werde ewig leben.«

Raymond Chandler: Lebwohl mein Liebling. Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz. Mit einem Nachwort von Paul Ingendaay. Diogenes-Verlag, Zürich 2026, 368 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Christoph H. aus W. 1. Apr. 2026 um 23:13 Uhr
    Flüssig geschriebener und daher angenehm lesbarer Artikel. Kann man nicht über jeden jW-Text sagen. Sehr in die Tiefe geht es allerdings nicht, und es ist recht befremdlich zu erfahren, dass Daniel Dubbe »auch jetzt wieder fast den ganzen Roman in der alten deutschen Fassung von 1976 gelesen« hat. Moment mal – soll das heißen, er hat die neue Übersetzung nur zu, sagen wir, 10% gelesen und zu 90% die alte Übersetzung?? Stimmt also das Gerücht, dass Zeitungskritiker die rezensierten Bücher nur durchblättern? Das fände ich, nun ja, unredlich. Selbstverständlich ist eine parallele Lektüre beider Übersetzungen sinnvoll, wenn nicht sogar zwingend für eine seriöse Besprechung. Ich hoffe, das war gemeint. Und natürlich kann man die alte Version besser finden (und dies als guter Literaturjournalist geistreich begründen). Aber was sollte die bizarre Begründung, man streiche nun mal gerne an, und die edle Neuedition erlaube das irgendwie nicht, und *darum* musste man leider auf die alte Ausgabe zurückgreifen? Weil man darin wieder und weiter herumkritzeln kann? Obwohl doch allen literarisch interessierten Menschen klar sein müsste, dass 1) jedes Wiederlesen eines selbst annotierten Buchs nicht zum Text führt, sondern ins Spiegelkabinett und 2) Anstreichungen etc. in Romanen sowieso ein primitives Literaturverständnis offenbaren, das Texte in »Stellen« einerseits und Füllmaterial andererseits hierarchisiert. Alles längst vielfach essayistisch reflektiert. Das bibliophile Argument will ich hier gar nicht machen, obwohl Daniel Dubbe selbst offensichtlich eine Grenze zieht (wo genau?) zwischen Büchern, die unbefleckt zu bleiben haben und niederer Ware (alt? Softcover?), die antastbar ist. So bleibt diesem Leser der Rezension am Ende leider: Kopfschütteln.
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