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Aus: Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 2 / Ansichten

Walverwandtschaften

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Ein großes Tier zeigt sich dort, wo solche seiner Art sich nie oder nur sehr selten blicken lassen, da jedenfalls nicht hingehören, es sei denn, etwas stimmt nicht mit ihnen. Der Buckelwal in der Lübecker Bucht machte Timmendorfer Strand zum Walfahrtsort, die ganze Nation bangte um das Schicksal des Meeressäugers, und Medien versuchten zu ergründen, wie der Hype um das Tier, den sie selbst erzeugt hatten, eigentlich massenpsychologisch zu erklären ist. Als der Wal auftauchte, sank das Niveau.

»Eskapismus«, erwägt man in der Welt, »mag angesichts der düsteren Nachrichtenlage eine Rolle spielen«. Zudem sei es nun mal so: »Süße Geschöpfe wie junge Kegelrobben erhalten in ihrer Not viel größere Aufmerksamkeit als etwa das vietnamesische Saola-Waldrind«, und »Wale gehören in die Kategorie Kegelrobben« – isso. Dann irgend etwas erzählen, »wie sie majestätisch durch die Tiefe gleiten« etc., um am Ende eine Schopenhauer-Phrase zum »Mitleid mit Tieren« zu zitieren – fertig ist der Kommentar auf Seite 1.

»Der Wal und wir« ist beinahe titelidentisch auch das Thema im Tagesspiegel, mindestens genauso dumm verhandelt, aber angereichert um schwülstige Bedeutungshuberei, deren Fluchtpunkt die Gemeinschaft ist. »Seine von den Sandbänken malträtierte Haut ist eine Projektionsfläche für unsere eigene Verletzlichkeit. Seine Irrwege sind eine Metapher für unsere eigenen. (…) Lesen wir sein Schicksal als Menetekel für das der Menschheit?« Dazu muss es nicht kommen. Denn der Wal »vereint Menschen, zwischen denen sich sonst teils tiefe Gräben auftun«. Ein Fortschritt immerhin, aber das reicht noch nicht: »Die Einigkeit der Nation vor Timmendorfer Strand (einst alte Bundesrepublik) und in der Wismarer Bucht (einst DDR), sie ist noch kein Roman Herzogscher Ruck, der durch Deutschland geht.«

Kann ja noch kommen, denn das gemeinschaftsstiftende Potential erkennt auch die Süddeutsche ­Zeitung: »(…) dieses Einzelschicksal schafft enorme Kraft. Wenn Herzen weich werden und ein gemeinsames Ziel sie vereint, entsteht mehr als nur ein Nachrichtenhype um einen jungen Buckelwal. Das Gefühl von Gemeinschaft, geteilten Werten und Tatendrang (…) trägt weiter (…).«

Hin zu neuen Ufern? Kaum. In der FAZ herrscht statt Pathos Pragmatismus. Erinnert wird an einen gestrandeten Wal vor einem Fischerdorf in Holland im Frühjahr 1598, der dort letztlich verendete: »Das Rentamt der Provinz versteigerte den Kadaver, aus dem Knochen, Tran und Zähne verwertet werden konnten, für 136 Gulden.« (brat)

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