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Geschichtspolitik

Instrumentalisieren und isolieren

»Kufijas in Buchenwald«: Behörden untersagen Kampagne eigenes Gedenken in KZ-Gedenkstätte

KZ
Foto: IMAGO/IPON
Buchenwald-Mahnmal von Fritz Cremer

Ende Februar wurde die Initiative »Kufijas in Buchenwald« (KiB) Ziel einer Kampagne. Inzwischen haben proisraelische Organisationen öffentlich das Verbot von KiB gefordert. Auch die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora und Teile der VVN-BdA distanzierten sich von der Kampagne. Die Vorwürfe, die im Raum stehen, beruhen vielfach auf Unwahrheiten und Gerüchten. So wurde von verschiedenen Medien kolportiert, KiB plane am Jahrestag der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers im April einen »Aufmarsch« mit Kufijas. Wie die Kampagne auf Nachfrage nun erneut klarstellte, geht es ihr nicht um eine lautstarke Protestaktion, sondern um ein »würdiges Gedenken fernab des staatsoffiziellen Aktes, bei dem auch Nachkommen von Opfern des deutschen Faschismus zu Wort kommen sollen«. Geplant seien etwa Reden, angemessene Musik und jüdische Gebete.

Beharrlich weiterverbreitet wird auch die von der Gedenkstättenleitung und ihrem Umfeld lancierte Behauptung, der Fall Anna M., der beim letztjährigen Buchenwald-Gedenken der Eintritt mit Kufija verboten worden war, sei ein Einzelfall gewesen. KiB hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der die Initiative auf diese und ähnliche Behauptungen eingeht. Darin wird klargestellt, dass der genannte Fall keineswegs ein einzelnes Vorkommnis gewesen sei: »Wir waren dabei, als anderen Personen das Tragen der Kufija verboten wurde und haben zahlreiche Erfahrungsberichte über weitere solcher Fälle bekommen.« Auch gegenüber jW haben Betroffene von solchen Erfahrungen berichtet.

Die Gedenkstätte versucht diese offenkundig geläufige Praxis durch den Hinweis zu relativieren, dass es gar kein formelles Verbot gebe: Sie hat unterdessen einen Text auf ihre Webseite gestellt, in dem betont wird, dass es »in der Gedenkstätte Buchenwald kein pauschales Verbot für das Tragen einer Kufija« gebe. Auf Nachfrage erklärte der Sprecher der Gedenkstätte, Ricola-Gunnar Lüttgenau, gegenüber dieser Zeitung: »Es gibt sehr unterschiedliche situative Kontexte, in denen die Kufija getragen wird. Als ›normale‹ Kleidung, als modisches Accessoire oder eben auch von Unterstützern der Hamas oder deutschen Rechtsextremen, die damit ihren Antisemitismus zum Ausdruck bringen wollen. Das ist für jede Situation im einzelnen zu entscheiden.« Wie eine solche Einzelfallentscheidung konkret aussieht, erklärte er nicht. Auf die Frage, ob es bei den Gedenkveranstaltungen im April ein generelles Kufija-Verbot geben werde, hieß es, man werde »die weitere Entwicklung beobachten, um präzise darauf reagieren zu können«.

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Als Resultat der Kampagne gegen KiB muss auch angesehen werden, dass die von »Kufijas in Buchenwald« angemeldete Mahnwache am Glockenturm in der Gedenkstätte vergangene Woche von den Behörden verboten wurde. Bei einem Kooperationsgespräch waren neben den Versammlungsbehörden auch Weimars Bürgermeister Ralf Kirsten und ein Vertreter der Gedenkstätte anwesend. Den KiB-Vertretern sei dort vorgeworfen worden, den Ort zu »instrumentalisieren« und das Andenken der Opfer zu »missbrauchen«. »Diese Argumente sind haarsträubend, wurden aber natürlich durch die mediale Hetze systematisch vorbereitet und dienen auch dazu, uns zu isolieren. Um so wichtiger ist jetzt, dass wir gegen diese Repression zusammenstehen«, erklärte ein Sprecher von KiB.

KiB gehe es darum, sich der tatsächlichen Instrumentalisierung des Gedenkens durch den deutschen Staat zu widersetzen: »Das ist jetzt das zweite Jahr, in dem jüdische Perspektiven in Buchenwald gezielt ausgelöscht werden sollen, weil sie den Bezug zu gegenwärtigen Verbrechen herstellen.« Die »Aushöhlung des Holocaustgedenkens« stütze »die brutale Bombardierung in Palästina, Iran, Libanon und weiteren Ländern«, und der Staat habe nichts Besseres zu tun, »als uns eine Mahnwache zu verbieten«. Die Anmelder wollen noch auf die schriftliche Begründung für das Verbot warten und dann juristische Schritte prüfen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 4, Inland

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