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Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Gegebene analysieren

Lenin 1916: Die These, im Imperialismus gebe es keine nationalen Kriege mehr, ist nicht dialektisch, sondern sophistisch
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Sinnbild des imperialistischen Krieges: Französischer Schützengraben bei Verdun, Juni 1916

Von den irrigen Auffassungen Junius’ ist die erste in der 5. These der Gruppe lnternationale festgelegt: »… In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Täuschungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen …« (…) Es ist möglich, dass die Verneinung nationaler Kriege schlechthin entweder ein Versehen oder aber eine zufällige Übertreibung bei der Betonung des völlig richtigen Gedankens ist, dass der jetzige Krieg ein imperialistischer und kein nationaler Krieg ist. (…)

Junius hat vollkommen recht, wenn er den entscheidenden Einfluss des »imperialistischen Milieus« im jetzigen Krieg hervorhebt, wenn er sagt, dass hinter Serbien Russland, »hinter dem serbischen Nationalismus der russische Imperialismus steht« und dass die Teilnahme beispielsweise Hollands am Krieg ebenfalls imperialistischen Charakter trüge, da es erstens seine Kolonien verteidigen würde und zweitens der Verbündete einer der imperialistischen Koalitionen wäre. Das ist unbestreitbar – in bezug auf den jetzigen Krieg. (…)

Ein Fehler wäre es nur, wollte man diese Wahrheit übertreiben, von der marxistischen Forderung, konkret zu bleiben, abweichen, die Einschätzung des jetzigen Krieges auf alle im Imperialismus möglichen Kriege übertragen und die nationalen Bewegungen gegen den Imperialismus vergessen. Das einzige Argument zur Verteidigung der These »nationale Kriege kann es nicht mehr geben« ist, dass die Welt unter ein kleines Häuflein imperialistischer »Großmächte« aufgeteilt ist und dass darum ein jeder Krieg, sei er auch ursprünglich ein nationaler Krieg, in einen imperialistischen Krieg umschlägt, da er die Interessen einer der imperialistischen Mächte oder Koalitionen berührt.

Die Unrichtigkeit dieses Arguments ist augenfällig. Selbstverständlich ist es ein Grundsatz der marxistischen Dialektik, dass alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, dass es keine einzige Erscheinung gibt, die nicht unter gewissen Bedingungen in ihr Gegenteil umschlagen könnte. Ein nationaler Krieg kann in einen imperialistischen umschlagen und umgekehrt. (…) Nur ein Sophist könnte den Unterschied zwischen einem imperialistischen und einem nationalen Krieg mit der Begründung verwischen, dass der eine in den anderen umschlagen kann. Die Dialektik hat mehr als einmal – auch in der Geschichte der griechischen Philosophie – als Brücke zur Sophistik gedient. Wir aber bleiben Dialektiker, wir bekämpfen die Sophismen nicht dadurch, dass wir die Möglichkeit jedweden Umschlagens überhaupt leugnen, sondern indem wir das ­Gegebene in seinem Milieu und seiner Entwicklung konkret analysieren.

Dass der gegenwärtige imperialistische Krieg, der Krieg von 1914 bis 1916, in einen nationalen Krieg umschlägt, ist deshalb in hohem Grade unwahrscheinlich, weil die Klasse, in der sich die Vorwärtsentwicklung verkörpert, das Proletariat ist, das objektiv danach strebt, diesen Krieg in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie umzuwandeln, ferner aber auch deshalb, weil die Kräfte beider Koalitionen sich nur unerheblich voneinander unterscheiden und das internationale Finanzkapital überall eine reaktionäre Bourgeoisie geschaffen hat. Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete; (…) dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich. Das wäre eine Rückentwicklung Europas um einige Jahrzehnte. Das ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht unmöglich, denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.

Weiter. Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich. In den Kolonien und Halbkolonien (China, Türkei, Persien) leben annähernd 1.000 Millionen Menschen, d. h. über die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Erde. Nationale Befreiungsbewegungen sind hier entweder schon sehr stark, oder sie wachsen und reifen heran. Jeder Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Die Fortsetzung der Politik der nationalen Befreiung in den Kolonien werden zwangsläufig nationale Kriege der Kolonien gegen den Imperialismus sein. Solche Kriege können zu einem imperialistischen Krieg der jetzigen imperialistischen »Groß«mächte führen, können aber auch nicht dazu führen – das hängt von vielen Umständen ab.

N. Lenin: Über die ­Junius-Broschüre. ­Sbornik Sozial-­Demokrata Nr. 1. Hier zitiert nach: Wladimir ­Iljitsch Lenin: Werke, Band 22. Dietz-­Verlag, Berlin 1960, Seiten 313–316

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