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Recht des Stärkeren

Von der Leyen für neue EU-Außenpolitik

Von Jörg Kronauer
EU
Foto: IMAGO/Anadolu Agency
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (Brüssel, 9.3.2026)

Schon die Frage, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Montag zu Beginn ihrer Rede vor der diesjährigen EU-Botschafterkonferenz zitierte, war falsch gestellt. Da werde diskutiert, behauptete von der Leyen: Sei der Iran-Krieg nun ein »war of choice«, ein – von den USA und Israel – aus freien Stücken gewählter Krieg, oder sei er vielmehr ein »war of necessity«, ein Krieg, der schlicht notwendig sei? Nun, weder noch. Kriege, bei denen zwei Staaten einen dritten angreifen, ohne dass dieser sie attackiert hätte, sind illegal. Wer einen solchen Angriffskrieg führt, bricht internationales Recht. Ob er dabei behauptet, er habe dies aus freien Stücken getan, oder ob er erklärt, er habe lediglich aus dem Gefühl heraus gehandelt, der Krieg sei erforderlich gewesen, spielt keine Rolle. Das ist nicht anders als bei einem Mord. Wer einen Menschen umbringt, bricht nationales Recht. Warum der Mord begangen wurde, ist allenfalls sekundär.

Warum hat von der Leyen ihre Rede mit der falsch gestellten Frage eingeleitet? Weil die EU im Begriff steht, ihre Koordinaten zu verschieben. Bislang war das internationale Recht, so häufig es auch gebrochen wurde, immerhin noch ein Fixpunkt, der wenigstens verbal als solcher anerkannt wurde. Wer dagegen verstieß, musste sich Ausreden suchen. Die gab es natürlich stets. Wer aber die Frage in den Mittelpunkt rückt, ob ein Krieg frei gewählt oder erforderlich sei, ersetzt das Recht durch letztlich moralische Erwägungen, also durch andere Kategorien. Das entspricht dem, was von der Leyen in ihrer Rede forderte. Die EU dürfe nicht mehr »Hüterin der alten Weltordnung« sein, verlangte sie. Die gehöre der Vergangenheit an und kehre auch nicht mehr zurück. Die alte Weltordnung, das war die, in der man Iran nicht einfach so überfallen durfte. Die neue Weltordnung, das ist die, in der man nur noch fragt, ob der Überfall frei gewählt wurde oder irgendeinem Gefühl der Notwendigkeit entsprang.

Damit nähern sich von der Leyen und die EU der neuen Trump-Doktrin an, der zufolge für den US-Präsidenten – so hat er es zu Jahresbeginn formuliert – nicht mehr das internationale Recht gilt, sondern nur noch seine »eigene Moralität«. Von der Leyen hat davon abzulenken versucht; sie hat erklärt, es gehe ihr darum, dass die EU-Außenpolitik künftig »realistischer«, »von Interessen geleitet« sein müsse. Nun, das ist sie schon jetzt. Der Unterschied ist, dass die Weltordnung des Völkerrechts jetzt die »alte« sein soll, die nicht mehr gilt. Wer sich auf internationales Recht bezieht, wird in Zukunft keine Ausrede mehr zur Antwort erhalten, sondern nur den mitleidigen Hinweis, er sei von gestern. Das ist ein Unterschied. Denn mit der Pflicht zur Ausrede fallen die letzten Hemmungen. Wer die Ordnung des Rechts für veraltet erklärt, verschafft dem Recht des Stärkeren vollends freie Bahn. Es wird damit zur letztlich alleinigen Richtschnur in der neuen Welt der EU.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.03.2026, Seite 3, Ansichten

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  • Onlineabonnent*in Andreas E. aus Schönefeld 11. März 2026 um 07:28 Uhr
    So nach und nach kommt die Wahrheit zum Vorschein. Diejenigen, die schon vor Monaten diese Entwicklung prophezeiten, wurden da noch als Lumpenpazifisten oder »gefallene Engel aus der Hölle« bezeichnet. Nun sind sie diejenigen, die die Wahrheit aussprachen, die damals keiner hören wollte. Die EU im Gleichschritt hinter den USA. Wo werden diese Weltmachtphantasien eines Trump enden? Im nuklearen Armageddon – wenn die friedliebenden Menschen nicht aufpassen und sich vor allem dagegen wehren. Wie abgehoben muss eine EU-Ratspräsidentin sein, wenn sie die Zeichen nicht versteht? In Deutschland Zehntausende Schüler auf der Straße gegen die Wehrpflicht, Proteste gegen Kriege und anmaßende Handlungen des Despoten in Washington nach dem 03.01. und seiner Aktion in Venezuela. Jetzt schon das Ausscheren einzelner EU-Regierungen wie Spanien bei den Drohgebärden Trumps gegen Kuba, das Verweigern der Arbeit bei der Verladung von Kriegsgerät Richtung Israel, z.B. in Italien. Und wenn die eigenen Menschen sich auflehnen, dann holt man sich neue Verbündete gegen die vermeintlichen Feinde. Die nicht gewählte Regierung Syriens, die aus ehemaligen IS-Angehörigen besteht, marschiert gemeinsam mit Israel und den USA gegen den Libanon, und kurdische Kämpfer werden mit Geld und Waffen korrumpiert, damit sie die Drecksarbeit Trumps im Iran am Boden erledigen. Und dann wundern sich die Kriegstreiber, dass sich die Staaten wehren, in dem sie die Stützpunkte der USA angreifen und auch ihren Vasallen den einen oder anderen Schlag versetzen. Der Rechts- und vor allem der Moralkodex der internationalen Staatengemeinschaft wird nicht verschoben, er wird (oder ist schon) zerstört – von einigen Wenigen, die glauben, sie haben das Recht des Stärkeren. Vor der atomaren Zerstörung der Erde kommt die Zerstörung der Moral und der Ethik.
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