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15.08.2016
- → Feuilleton
In den Arm fallen
Die neuen Streifzüge beschäftigen sich mit dem Schwerpunktthema »Alltag«. Traditionell gibt es in den Gesellschaftswissenschaften zwei linke Perspektiven auf den Alltag, der meist als die Zeit, die nicht gearbeitet wird, gefasst wird. In der ersten sind im Alltag politische Schätze zu heben (Emanzipation durch Hedonismus, selbstbestimmte Bildungserlebnisse und unverstellte Kommunikation). In der zweiten ist alles noch schlimmer als auf Arbeit (Verdopplung der Entfremdung in den Beschäftigsungsverhältnissen, die so tut, als wäre sie Entspannung oder gar Befreiung).
Die Redaktion der Streifzüge scheint eher der zweiten Betrachtungsweise zugeneigt. Sie veröffentlicht einen grundsätzlichen Aufsatz der früheren Pädagogikprofessorin Marianne Gronemeyer über die Durchdringung des Alltags mit allen möglichen Hilfsangeboten, die das Leben angeblich leichter, besser und schöner machen sollen, die aber eher kujonierenden denn karitativen Charakters sind.
Das berühmte, angebliche freie bürgerliche Individuum wird laut Gronemeyer zum hilflosen Deppen gemacht, das sich als defizitär empfindet und mit diversen Hilfsangeboten einer eigenen Hilfsindustrie aufzumandeln versucht. Hierbei ist es prinzipiell egal, ob man nun sein Smartphone nicht richtig versteht, sich auf das »Internet der Dinge« mit den sprechenden Kühlschränken und den das eigene Wohnzimmer überwachenden Fernseher freut oder ob man sich durch bestimmte Coachingtechniken zu einer allseits verblendeten, »bewusst lebend« genannten Persönlichkeit entwickeln möchte. Motto: »Alle müssen bedürftig werden. Warum das? Nun, nur wer bedürftig ist, ist beherrschbar. Moderne Macht, Machtgebaren, das auf der Höhe der Zeit ist, ist nicht tyrannisch oder dikatorisch. Sie fuchtelt nicht mit Gewalt herum. Moderne Macht ist elegant, von souveräner Unauffälligkeit. Sie wandert in die Bedürfnise ein, so dass die Unterworfenen wollen, was sie sie sollen, ihre Unterworfenheit beharrlich leugnend, befangen im Freiheitswahn. «
Ja, selbst die berühmte »Hilfe zur Selbsthilfe«, die Solidaritätsgruppen schon seit Jahrzehnten den Bewohnern der »Dritten Welt« anempfehlen möchten, wird von Gronemeyer als höchst fragwürdig begriffen: »Als Entwicklungshilfe muss sie zuvor zerstören, was sie zu heilen vorgibt, die Fähigkeit einer Gemeinschaft, ihr Leben aus eigenen Kräften zu erhalten und zu gestalten (…) Dabei bestünde die einzig hilfreiche Einmischung ja darin, den Machtzynikern und Profiteuren im eigenen Land in den Arm zu fallen«.
Verglichen mit diesem Text kommen die restlichen Beiträge der Nummer 67 der Streifzüge recht alltäglich daher. (jW)
Streifzüge, Nr. 67, 64 S., 7 Euro, www.streifzuege.org
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