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Aus der Goldgrube

Der Schriftsteller Péter Esterházy (Foto) ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Er gehörte neben Péter Nádas und Imre Kertész zu den bedeutendsten ungarischen Gegenwartsautoren. Im Oktober hatte Esterházy lakonisch und selbstironisch mitgeteilt, er leide an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Berühmt geworden war er mit Scherzen über den Sozialistischen Realismus.

Esterházy entstammte einer der ältesten Aristokratenfamilien Ungarns, die Fürsten und einen Ministerpräsidenten in ihren Reihen hatte. Zeitweise war Joseph Haydn ihr Hauskomponist. 1948 wurde die Familie enteignet und in ein abgelegenes Dorf verbannt, in dem Péter Esterházy 1950 geboren wurde. Sieben Jahre später kehrte die Familie nach Budapest zurück.

Péter studierte Mathematik, arbeitete als EDV-Techniker. 1979 legte er seinen Debütroman vor, der erst 2010 unter dem Titel »Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)« auf deutsch erscheinen sollte. Darin wird das staatlich geförderte Literaturgenre sarkastisch abgehandelt. Dem Produktionsroman folgen Schilderungen seiner Entstehungsbedingungen. Bürokratie und Gattung werden verhöhnt.

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Obwohl Parteiorgane ihn der »neoavantgardistischen Stildiktatur« bezichtigten, veröffentlichte Esterházy fortan beinahe jährlich ein Buch. Die Absurditäten des Sozialismus waren ihm eine »soziale und sprachliche Goldgrube«, wie er rückblickend sagte. Der Standard sollte sich noch am 29. Mai 2006 wundern: »Wie diese literarische Konterbande, bei allem Sarkasmus und seiner Karikatur offiziösen Politsprechs, die Zensur des realungarischen Gulaschkommunismus passieren konnte, erscheint mirakulös.«

Kurz vor der Fertigstellung seines als »Opus magnum« bezeichneten Romans »Harmonia Caelestis« (2000) über die Geschichte seiner Familie erfuhr Esterházy, dass sein Vater jahrelang Familie und Freunde für den ungarischen Geheimdienst bespitzelt hatte. 2004 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ende 2012 wurde ein Kulturtip von ihm im staatlichen Sender Kossuth Rádió um eine Passage gekürzt, in der er aufgefordert hatte, noch einmal ins Nationaltheater in Budapest zu gehen, bevor der dortige Intendant durch einen bekennenden Fidesz-Anhänger ersetzt werde. »Wenn schon so eine kleine Sendung einen Eingriff wert ist, wo sind wir denn hingekommen?« fragte Esterházy. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.07.2016, Seite 10, Feuilleton

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