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22.07.2013
- → Feuilleton
Schalldämpfer (4)
Am anderen Fenster der dritten Bank saß Vincent. Niemand wäre auf die Idee verfallen, daß dieser Mann beim Kommando Leise Welt dabei war. Vincent, ausgesprochen mit hartem V wie in Vogel, nicht mit weichem wie in Vaseline, war eine barocke Erscheinung von 64 Jahren. Seinen Prachtranzen trug er gut, und sein gallischer Zinken, sein Genießermund und seine klugen Augen verliehen ihm eine gutmütige, sinnliche Ausstrahlung.
Wer ihn unterschätzte, machte einen Fehler, denn Vincent war ein tödlicher Schütze. Schußwaffen interessierten ihn nicht; als alter Indianerfreund hielt er sich an Pfeil und Bogen. Er brauchte stets nur einen Pfeil, um sein Wild auch auf größere Entfernungen genau so zu treffen, wie er es wollte. Auch mit dem Messer ging er vorzüglich zu Werke, und so hatten wir in ihm einen Experten für lautlose Arbeit. Er verlor niemals die Nerven, und seine Umsicht und seine Erfahrung hatten schon ein paar mal eine Aktion gerettet, die den anderen schon mißglückt schien. Wenn ein Pfeil die Sehne seines Präzisionsbogens verließ, konnte Klaus in den Bleifuß-Modus wechseln; daß Vincents Pfeil einem besonders unangenehmen Krachgewummererzeuger eine unerwartete Begegnung bescheren würde, stand fest.
Zwischen Nikolaus und Vincent saß ich. Mir gefiel die Arbeit mit dem Schalldämpfer; ich liebte es, dem bierflaschentragenden Partyjungvolk die Pullenhälse abzuschießen, ohne daß sie auch nur ahnten, wie ihnen geschah. Panisch starrten sie auf die zerballerte Flasche in ihrer Hand und bekamen das Rennen. Auch Trommelgruppen im Park hatte ich gern. Wo kommen die Löcher in den Bongos her, schienen die Wumm-wumm-wumm-Gesichter der notorischen Trommler zu fragen, die sich von dreivierteldebiler Verzückung ins Ängstlich-Dümmliche verjüngten. Zum Einstimmen auf eine größere Aktion war das jedenfalls sehr gut geeignet.
(wird fortgesetzt)
Wer ihn unterschätzte, machte einen Fehler, denn Vincent war ein tödlicher Schütze. Schußwaffen interessierten ihn nicht; als alter Indianerfreund hielt er sich an Pfeil und Bogen. Er brauchte stets nur einen Pfeil, um sein Wild auch auf größere Entfernungen genau so zu treffen, wie er es wollte. Auch mit dem Messer ging er vorzüglich zu Werke, und so hatten wir in ihm einen Experten für lautlose Arbeit. Er verlor niemals die Nerven, und seine Umsicht und seine Erfahrung hatten schon ein paar mal eine Aktion gerettet, die den anderen schon mißglückt schien. Wenn ein Pfeil die Sehne seines Präzisionsbogens verließ, konnte Klaus in den Bleifuß-Modus wechseln; daß Vincents Pfeil einem besonders unangenehmen Krachgewummererzeuger eine unerwartete Begegnung bescheren würde, stand fest.
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Zwischen Nikolaus und Vincent saß ich. Mir gefiel die Arbeit mit dem Schalldämpfer; ich liebte es, dem bierflaschentragenden Partyjungvolk die Pullenhälse abzuschießen, ohne daß sie auch nur ahnten, wie ihnen geschah. Panisch starrten sie auf die zerballerte Flasche in ihrer Hand und bekamen das Rennen. Auch Trommelgruppen im Park hatte ich gern. Wo kommen die Löcher in den Bongos her, schienen die Wumm-wumm-wumm-Gesichter der notorischen Trommler zu fragen, die sich von dreivierteldebiler Verzückung ins Ängstlich-Dümmliche verjüngten. Zum Einstimmen auf eine größere Aktion war das jedenfalls sehr gut geeignet.
(wird fortgesetzt)
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Wiglaf Droste