Zum Inhalt der Seite

TV-Junkie: Fernsehen für den Frieden

Man ist ja doch immer wieder erstaunt, was für ein Aufschrei durch die Boulevardpresse geht, wenn mal wieder ein TV-Star den Sender wechselt. Ob nun Beckmann von der ARD erst zu Premiere und dann zu Sat.1 und schließlich wieder zurück ging, oder ein Gewächs des Privatfernsehens, Oliver Pocher, Pro Sieben verließ, um im Ersten den Altersdurchschnitt zu senken – jedes Mal wurde ein Bohei darum gemacht, daß man sich fragte, ob man irgendwas verpaßt hatte.

Geradezu komisch ist ebenfalls die Debatte über Hape Kerkelings angeblichen Wechsel von der ARD zum ZDF. Schon seit Jahren war Kerkeling nicht mehr exklusiv bei der ARD unter Vertrag, sondern arbeitete abwechselnd für RTL, Sat.1 und den NDR. Während RTL also ein neues Format ankündigt, in dem Kerkeling einen Taxifahrer spielt und das – Überraschung! – »Hallo Taxi« heißt, deuten die TV-Kritiker den Wechsel zum ZDF als sicheres Anzeichen dafür, daß Hape demnächst Thomas Gottschalk bei »Wetten, daß...?« ablöst. Dabei kann von einem Wechsel kaum die Rede sein, dreht Kerkeling doch nur eine TV-Groteske um seine Figur Horst Schlämmer für das ZDF.

Völlig aus dem Häuschen waren am Wochenende auch die Leser der Bild-Zeitung, als ihnen exklusiv mitgeteilt wurde, was ohnehin schon jeder ahnte – daß die Kandidaten der Casting Show »Germany's Next Topmodel« Knebelverträge unterschreiben mußten und satte 40 Prozent ihrer Gagen an Pro Sieben und eine sendereigene Modelagentur abgeben müssen. Nach einem Herz für Kinder und einem für Tiere hat Bild nun also auch noch eins für Arme – arme Models.
Anzeige


Ans leibliche Wohl denkt dagegen Kabel 1 mit seinem »Fast Food ­Duell«, in dem Spitzenköche wie Ole Plogstedt von der Roten Gourmet Fraktion gegen einen Lieferservice antreten und mit ihm um die Wette kochen muß. Ziel der Sendung ist, dem Zuschauer zu zeigen, daß es nicht nur billiger und gesünder ist, selbst zu kochen, sondern daß es auch nicht länger dauert, als wenn man es sich kommen läßt, und vor allem: daß es besser schmeckt.

Dem Frieden in der Welt hat sich auch RTL verschrieben. Erst sorgte die »Super-Nanny« für Ruhe in deutschen Kinderzimmern und zeigte ungezogenen Gören, wo der Hammer hängt. Jetzt kümmert sich der Sender mit seiner neuen Reality-Show »Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen« um schwererziehbare Jugendliche und bringt ihnen die Flötentöne bei. Daß die dabei angewandten psychologischen Methoden bedenklich sind, wird geflissentlich übersehen. Aber was soll's? Hauptsache, die Quote stimmt.
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 07.04.2008, Seite 13, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!