Zum Inhalt der Seite

Seehofer setzt auf Gentechnik

Neues Gesetz soll Anbau manipulierter Pflanzen erleichtern. Protest von SPD und Grünen

Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) will den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen erleichtern, das berichtete die Berliner Zeitung am Wochenende unter Berufung auf ein Eckpunktepapier seines Ministeriums zur Novelle des Gentechnikgesetzes.

Seehofer will dem Bericht zufolge die Forschung nicht nur im Labor, sondern auch im Freiland beschleunigen und Haftungsvorschriften ändern. So sollen Wissenschafter demnach im Falle von Vermischungen von genetisch manipulierten mit konventionellen Pflanzen nur noch eingeschränkt haften. Ferner soll das Genehmigungsverfahren vereinfacht werden. Beim kommerziellen Anbau sollen bisher vorgeschriebene Informationen im öffentlichen Standortregister eingeschränkt werden. Bislang wurden dort die Äcker mit genveränderten Pflanzen flurstückgenau verzeichnet. Nun soll die Angabe auf die Gemarkung beschränkt werden.

Die SPD warf Seehofer vor, er habe den Anliegen der Industrie sehr weitgehend nachgegeben. »In dieser Form können wir die Eckpunkte nicht akzeptieren«, sagte Fraktionsvize Ulrich Kelber der Passauer Neuen Presse vom Samstag. Als Knackpunkte bezeichnete Kelber die Regelungen für Haftung und Koexistenz. Wer auf Gentechnik verzichte, dürfe nicht mit zusätzlichen Risiken und Kosten belastet werden. Zudem sei der von Seehofer vorgesehene Haftungsschwellenwert von 0,9 Prozent zu hoch. Vielen Landwirten würden Einbußen auch bei geringerer Verunreinigung durch transgene Organismen entstehen.


Die Grünen stoßen sich besonders an den geplanten Abstandsregelungen zwischen Feldern mit genmanipulierte Pflanzen und konventionellem Anbau. Der in dem Eckpunktepapier vorgeschlagene Abstand von 150 Metern sei nach allen vorliegenden Untersuchungsergebnissen viel zu gering, um Kontaminationen zu verhindern, sagte die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen, Bärbel Höhn, dem Tagesspiegel am Sonntag. Bei nachwachsenden Rohstoffen, etwa für die Biospriterzeugung, sei zudem überhaupt kein Mindestabstand vorgesehen, kritisierte die grüne Umweltexpertin

Die FDP wittert dagegen eine Verschwörung. Seehofer, der als Gentechnikskeptiker bekannt sei, habe bewußt ein für die SPD nicht akzeptables Eckpunktepapier lanciert, um eine Gesetzesnovelle zu verhindern, mutmaßt die Gentechnikexpertin der FDP-Bundestagsfraktion, Christel Happach-Kasan, in einer Erklärung vom Wochenende.

(AFP/ddp/jW)
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 27.11.2006, Seite 9, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!