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Multipolare Welt

Ein neues historisches System

Der Soziologe und Publizist Ignacio Ramonet hat auf einer Konferenz in Mexiko eine ausführliche Analyse der gegenwärtigen Umwälzungen vorgelegt (Langfassung)

Foto: ZUMA Press Wire/IMAGO
Jedes Jahr zieht es die Mexikaner zum Gedenken an den Beginn ihres Unabhängigkeitskampfes 1814 auf den zentralen Zócalo-Platz in Mexiko-Stadt (15.9.2026)

Viele Menschen sind verunsichert und aus dem Gleichgewicht gebracht. Angesichts der Ereignisse herrschen enorme Ungewissheit, tiefe Besorgnis, sogar Angst. Einmal mehr verstehen wir nicht, was in unseren Gesellschaften und auf unserem Planeten geschieht. Und die Informationen, die wir erhalten, helfen uns nicht weiter, sondern verwirren uns noch mehr. Viele unserer begrifflichen Werkzeuge ermöglichen es uns nicht mehr, die Geschehnisse zu interpretieren und zu entschlüsseln. Das ist normal. Denn das, was wir erleben, ist nicht einfach nur eine neue internationale Krise. Es handelt sich nicht nur um eine neue Phase der Rivalität zwischen den Großmächten. Ebensowenig geht es lediglich um eine neue technologische Revolution. Was geschieht, ist etwas weitaus Tiefgreifenderes.

Wir erleben das Zusammentreffen mehrerer großer Umbrüche, die normalerweise getrennt voneinander stattfinden, in ein und demselben historischen Moment: eine Transformation des internationalen geopolitischen Systems; eine Transformation der Weltwirtschaft; eine technologische Revolution; eine Energiewende; einen demographischen Wandel; eine Klima- und Umweltkrise sowie eine tiefgreifende Veränderung der Produktionsweisen, der Kommunikation und der gesellschaftlichen Organisationsformen. Das Außergewöhnliche an diesem neuen Moment besteht darin, dass all diese Veränderungen gleichzeitig stattfinden und sich gegenseitig beeinflussen.

Heute macht die internationale Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, einer multipolaren Welt Platz, während gleichzeitig die künstliche Intelligenz voranschreitet, sich die demographischen Verhältnisse verändern und die Klimakrise verschärft. Genau dieses gleichzeitige Auftreten macht die gegenwärtige Situation zu einer Phase außergewöhnlicher Ungewissheit.

Dabei müssen wir zwei Fehler vermeiden: Der erste besteht darin, anzunehmen, dass wir es lediglich mit einer Abfolge von Krisen zu tun haben: Krieg, Inflation, Handelsspannungen, Energiekrise, Rivalität zwischen den USA und China, Aufkommen der künstlichen Intelligenz. Und der zweite Fehler besteht darin, zu glauben, dass all dies eine Art vorübergehender Betriebsunfall des Systems darstellt.

Was wir erleben, ist der Übergang von einem historischen System zu einem neuen, dessen Gestalt noch nicht vollständig feststeht. Genau deshalb befinden wir uns in einem gramscianischen Moment, in dem die Politik wieder eine außerordentliche, grundlegende Bedeutung erlangt. Denn wenn die Regeln einer Epoche allmählich ihre Gültigkeit verlieren und die neuen Paradigmen noch nicht etabliert sind, beginnt eine Phase des Ringens. Ein Ringen darum, die neuen Regeln und Paradigmen der anbrechenden historischen Epoche zu definieren und durchzusetzen.

Um diesen kopernikanischen Wandel, den wir gerade erleben, besser zu verstehen, schlage ich die folgenden 20 Denkanstöße vor, die dazu beitragen sollen, die gegenwärtige begriffliche Landkarte dieser neuen Transformation besser sichtbar zu machen.

1. Geopolitik

Von einer unipolaren Welt geht die Entwicklung zu einer Welt mit mehreren Machtzentren: Mehr als drei Jahrzehnte lang, seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991, lebten wir in einer Zeit, die wir als unipolaren Moment bezeichnen könnten. Die USA blieben als einzige globale Supermacht zurück. Das bedeutet nicht, dass sie absolut alles kontrollierten. Es gab andere Großmächte, regionale Wirtschaftsmächte, internationale Institutionen und vielfältige Formen des Widerstands. Doch die grundlegende Architektur des internationalen Systems war um eine einzige Supermacht herum organisiert, deren wirtschaftliches, finanzielles, militärisches, technologisches und kulturelles Gewicht unvergleichlich war.

Diese Epoche geht zu Ende. Nicht, weil die Vereinigten Staaten aufgehört hätten, eine Großmacht zu sein. Sie sind nach wie vor eine außerordentlich mächtige Macht. Sondern weil andere Zentren der Machtkonzentration entstanden sind. China ist heute eine Wirtschaftsmacht ersten Ranges. Russland, Indien, Brasilien und Mexiko verfügen über enorme Ressourcen und Kapazitäten und gewinnen zunehmend an Gewicht. Länder wie Indonesien, die Türkei, Iran, Saudi-Arabien, Äthiopien, Nigeria oder Südafrika beanspruchen zunehmend größere Spielräume für eine eigenständige Politik.

Die BRICS-Staaten sind eine der Ausdrucksformen dieses Wandels. Sie bilden keinen homogenen Block, bringen jedoch eine geopolitische Realität zum Ausdruck: Ein wachsender Teil der Welt möchte innerhalb der internationalen Institutionen über größere Verhandlungsspielräume verfügen und seine Abhängigkeit von einem einzigen Machtzentrum verringern.

Doch Multipolarität bedeutet nicht automatisch Zusammenarbeit und auch nicht, dass Rivalitäten verschwinden. Vielmehr kann sie genau das Gegenteil bedeuten: Es wird mehr Akteure geben, die in der Lage sind, miteinander zu konkurrieren, zu verhandeln, Entscheidungen zu blockieren, Kriege zu führen, Druck auszuüben und wechselnde Bündnisse einzugehen. Und darin liegt eines der großen Paradoxe dieser neuen Zeit: Noch nie waren wir so sehr auf internationale Zusammenarbeit angewiesen, und dennoch war es noch nie so schwierig, sie zustande zu bringen.

2. Die Rückkehr der Geopolitik in die Wirtschaft

Während der Jahre der großen neoliberalen Globalisierung (1979–2008) entwickelte sich die Vorstellung, dass die Wirtschaft letztlich die Politik relativieren werde. Unternehmen würden dort produzieren, wo es am billigsten wäre. Kapital würde frei zirkulieren. Produktionsketten würden Grenzen überschreiten. Die Staaten würden nach und nach ihre Eingriffsmöglichkeiten verlieren. Und die wirtschaftliche Interdependenz würde Konflikte zwischen Großmächten letztlich so kostspielig machen, dass sie kaum noch in Frage kämen.

Heute wissen wir, dass diese Vorstellung unvollständig, wenn nicht gar falsch war. Die Wirtschaft hat die Geopolitik nicht ersetzt, sondern die Geopolitik ist in das Zentrum der Wirtschaft zurückgekehrt. Staaten subventionieren strategische Sektoren. Sie kontrollieren bestimmte Exporte. Sie schützen bestimmte Technologien. Sie versuchen, Lieferketten abzusichern. Sie legen Reserven an. Sie ordnen ihre Handelsbeziehungen neu. Sie bemühen sich, strategische Rohstoffe unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie nutzen das Finanzwesen als Machtinstrument. Und sie betrachten bestimmte technologische Infrastrukturen als Fragen der nationalen Sicherheit.

Für Großinvestoren lautet die Frage nicht mehr nur, wo sich am billigsten produzieren lässt, sondern zunehmend: Wo können wir produzieren, ohne uns strategisch verwundbar zu machen? Dieser Wandel bedeutet, dass wir von einer Logik, die von Effizienz bestimmt wurde, zu einer anderen übergegangen sind, in der Effizienz und Sicherheit in einem permanenten Spannungsverhältnis zueinander stehen.

3. Die Globalisierung verschwindet nicht, sondern fragmentiert sich

Ich glaube nicht, dass wir das Ende der Globalisierung erleben. Wir erleben ihre Transformation. Die globalen Produktionsketten sind nicht verschwunden. Sie werden neu organisiert. Begriffe wie Nearshoring, Friendshoring, Regionalisierung, strategische Autonomie und Resilienz der Lieferketten gewinnen an Bedeutung. Ein Unternehmen, das früher ausschließlich nach den geringstmöglichen Kosten suchte, beginnt sich nun auch zu fragen, ob sich sein Lieferant in einem Land befindet, das politisch als sicher gilt. Dies verändert die geographische Verteilung der Produktion grundlegend.

Eine wichtige Zahl: Der Anteil der strategischen Sektoren – künstliche Intelligenz, Mikroprozessoren, kritische Rohstoffe und Energiewende – stieg von 16 Prozent bei neuen internationalen Investitionsprojekten im Jahr 2020 auf 44 Prozent 2025. Dies ist ein sehr konkreter Beleg dafür, dass wir nicht einfach nur über einen geopolitischen Eindruck sprechen: Die Landkarte des Kapitals verändert sich bereits.

Die Globalisierung verschwindet also nicht, sondern wird zunehmend politisch und geopolitisch beeinflusst. Das eröffnet Chancen, birgt aber auch Gefahren. Denn eine fragmentierte Weltwirtschaft kann bestimmten Ländern ermöglichen, ihre Verhandlungsposition zu verbessern. Sie kann aber auch zu einer neuen Aufteilung der Welt in große Wirtschafts- und Technologieräume führen. Und damit stellt sich eine entscheidende Frage: Wird das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Zusammenarbeit zwischen Regionen oder ein Jahrhundert des Wettbewerbs zwischen Blöcken sein? Das wissen wir noch nicht. Doch dieser Konflikt hat bereits begonnen.

4. Das eigentliche Schlachtfeld: Die Technologie

Damit kommen wir wahrscheinlich zum wichtigsten Element von allen. Die neue internationale Konfrontation findet nicht ausschließlich im Kampf um Territorien statt. Sie wird auch im Kampf um Technologien ausgetragen. Im 20. Jahrhundert konkurrierten die Großmächte um Erdöl, Stahl, Schwerindustrie, Seewege und Atomwaffen. Heute konkurrieren sie weiterhin um diese Ressourcen. Doch es kommen neue Ressourcen von ganz anderer Tragweite hinzu: Dazu gehören unter anderem: Mikroprozessoren (Chips), künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologien, Quantencomputing, Rechenzentren, Betriebssysteme, Telekommunikationsnetze und vor allem: Daten.

Die Technologie ist nicht länger ein bloßer Wirtschaftszweig. Sie ist zu einem Instrument geopolitischer Macht geworden. Deshalb besitzt die technologische Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China eine Bedeutung, die weit über die konkret beteiligten Unternehmen hinausgeht. Auf dem Spiel steht die Frage, welche Macht in der Lage sein wird, die technologische Infrastruktur der kommenden Jahrzehnte zu gestalten.

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Und hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zu früheren Epochen. Eine Macht kann über Erdöl verfügen. Sie kann ein großes Staatsgebiet besitzen. Sie kann eine große Bevölkerung haben. Doch wenn ihr bestimmte Technologien fehlen, kann sie sich in einer Abhängigkeit von jenen wiederfinden, die diese Technologien kontrollieren.

5. Künstliche Intelligenz: Weit mehr als eine technologische Revolution

Keine dieser Veränderungen besitzt jedoch wahrscheinlich ein so großes disruptives Potential wie die künstliche Intelligenz. KI ist nicht einfach nur ein neues IT‑Werkzeug. Sie ist eine Technologie, die in praktisch allen Bereichen menschlicher Tätigkeit eingesetzt werden kann: in der Industrie, in der Medizin, im Finanzwesen, im Bildungswesen, in der Landwirtschaft, in der öffentlichen Verwaltung, in der wissenschaftlichen Forschung, im Krieg, in der Kommunikation, in der Kulturproduktion und im kreativen Schaffen – und natürlich auch in der Politik. Doch es gibt noch etwas Wichtigeres: Künstliche Intelligenz kann das Verhältnis zwischen Wissen, Arbeit und Kapital verändern. Während der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts ersetzten Maschinen nach und nach bestimmte Formen körperlicher Arbeit. Nun beginnen Maschinen, bestimmte Formen geistiger Arbeit zu übernehmen. Und wir wissen: Die Revolution der künstlichen Intelligenz wird sich nicht automatisch gleichmäßig verteilen.

Die weltweiten Investitionen in KI und digitale Infrastruktur konzentrieren sich auf eine begrenzte Zahl von Ländern und Sektoren. Auch die Investitionen in strategische Bereiche – KI, Mikroprozessoren, kritische Rohstoffe und Technologien im Zusammenhang mit der Energiewende – machen inzwischen einen außergewöhnlich viel größeren Anteil aus als noch vor gerade einmal fünf Jahren. Das bedeutet, dass die technologische Kluft zu einer neuen Form internationaler Ungleichheit werden kann. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, eine Technologie zu nutzen, die anderswo entwickelt wurde, oder selbst über die wissenschaftlichen, industriellen und bildungspolitischen Fähigkeiten zu verfügen, die notwendig sind, um sie zu entwickeln.

6. Vom Erdöl zu Daten, Chips und Rechenleistung

Während eines großen Teils des 20. Jahrhunderts beruhte die wirtschaftliche Macht auf einer Kombination aus Territorium, Rohstoffen, Energie und Industrie. Im 21. Jahrhundert kommt eine neue Abfolge hinzu: Daten, Rechenleistung, Algorithmen und künstliche Intelligenz. Dies verändert sogar unser Verständnis von Souveränität. Früher sprachen wir von territorialer Souveränität. Später sprachen wir auch von Energiesouveränität. Heute müssen wir beginnen, von technologischer und digitaler Souveränität zu sprechen. Es entstehen neue Fragestellungen: Wem gehören die Daten? Wo werden sie gespeichert? Wer kontrolliert die Rechenzentren? Wer stellt die Mikroprozessoren her? Wer entwickelt die KI‑Modelle? Wer kontrolliert die Plattformen? Wer legt die Standards fest? Wer entscheidet darüber, was eine künstliche Intelligenz tun darf? Das sind wirtschaftliche Fragen. Im wesentlichen sind es jedoch politische Fragen. Und letztlich sind es Fragen der Souveränität.

7. Der neue Kampf um die Energieträger

Energieträger sind eine weitere zentrale Achse der gegenwärtigen großen Transformation. Jahrzehntelang wurde über die Energiewende gesprochen, als bestünde sie lediglich darin, Erdöl, Erdgas und Kohle – also kohlenstoffhaltige – durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen. Die Wirklichkeit ist weitaus komplexer. Denn die Energiewende erfordert enorme Mengen an Mineralien: Lithium, Kupfer, Nickel, Kobalt, Graphit und seltene Erden – eine Gruppe von 17 Elementen, die für die Herstellung leistungsstarker Permanentmagnete benötigt werden, wie sie in den Motoren von Elektrofahrzeugen, in Smartphones und in Windkraftanlagen zum Einsatz gelangen. Hinzu kommen zahlreiche weitere Materialien, die unverzichtbar sind, um fossile Brennstoffe durch saubere Technologien wie Elektrofahrzeuge, Windenergie und Solarenergie zu ersetzen.

Die Nachfrage nach diesen Mineralien wird sich bis 2030 verdreifachen. Also beseitigt die Energiewende die Geopolitik der Ressourcen nicht, sondern verändert sie. Daraus könnte eine neue Form des Extraktivismus entstehen: Lithium, Kupfer, Nickel oder seltene Erden abbauen, diese exportieren und anschließend Batterien, Elektrofahrzeuge, technologische Komponenten und Produkte mit hoher Wertschöpfung importieren, die anderswo hergestellt wurden. Die eigentliche Frage nach Herausforderung lautet nicht nur: Wem gehören die Mineralien? Sie lautet: Wer kontrolliert die gesamte Wertschöpfungskette?

8. Der globale Süden ist kein Block, aber eine historische Realität

Ich möchte hier bei einem Ausdruck verweilen, den wir häufig verwenden: »globaler Süden«. Es empfiehlt sich, ihn mit Vorsicht zu verwenden. Der globale Süden bildet keine homogene Einheit. Indien ist nicht Brasilien, Brasilien ist nicht Mexiko, Mexiko ist nicht Südafrika, Südafrika ist nicht Indonesien, Indonesien ist nicht Saudi-Arabien. Und jedes dieser Länder hat seine eigenen spezifischen nationalen Interessen.

Doch es gibt etwas Neues. Zahlreiche Länder des Südens versuchen, ihren Handlungsspielraum und ihre Autonomie zu erweitern. Sie wollen ihre Absatzmärkte diversifizieren. Ihre Währungen diversifizieren. Ihre Lieferanten diversifizieren. Ihre diplomatischen Bündnisse diversifizieren. Sie wollen sich aktiver an den internationalen Institutionen beteiligen. Und vor allem wollen sie, dass ihr wachsendes wirtschaftliches Gewicht auch einen entsprechenden politischen Niederschlag findet.

Die Verteilung der weltweiten Wirtschaftsmacht entspricht nicht mehr genau jener Verteilung der institutionellen Macht, die aus der Mitte des 20. Jahrhunderts überliefert ist. Und dies ist einer der grundlegenden Widersprüche des heutigen internationalen Systems. Deshalb stellt sich heute die Frage: Wie lässt sich die globale Governance an eine Machtverteilung anpassen, die nicht mehr derjenigen von 1945 entspricht?

9. Das große Paradoxon unserer Zeit: Mehr Interdependenz und mehr Fragmentierung

Es gibt ein Paradoxon, das mir besonders wichtig erscheint. Noch nie waren wir so eng miteinander vernetzt. Ein Telefon enthält Komponenten, die in zahlreichen verschiedenen Ländern hergestellt wurden. Ein Computer ist auf Mineralien angewiesen, die auf einem Kontinent abgebaut werden, auf Prozessoren, die auf einem anderen hergestellt werden, auf Software, die an einem weiteren Ort entwickelt wurde, und auf Kapital, das wiederum aus einem anderen Land stammt. Lebensmittel werden über Tausende Kilometer transportiert. Kapital bewegt sich augenblicklich um die Welt. Nachrichten durchqueren den Planeten innerhalb von Sekundenbruchteilen. Und dennoch scheint sich die Welt politisch immer weiter zu fragmentieren. Dieser Widerspruch ist von zentraler Bedeutung.

Die materielle Interdependenz nimmt zu, während das politische Vertrauen abnimmt. Das ist gefährlich, denn die großen Probleme unserer Zeit machen nicht an den Grenzen halt. Der Klimawandel kennt keine Nationalität. Eine Pandemie macht weder vor Grenzen noch Zollschranken halt. Für die künstliche Intelligenz gilt das ebenfalls. Große Finanzkrisen erfassen ganze Kontinente. Die Ozeane sind ein gemeinsamer Lebensraum. Die Atmosphäre gehört allen. Digitale Netzwerke sind global. Und dennoch neigt die politische Reaktion dazu, sich immer stärker auf die nationale Ebene zu beschränken. Wir brauchen daher eine neue Architektur der internationalen Zusammenarbeit.

10. Der Widerspruch der technologischen Revolution

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mir grundlegend erscheint: Technologie kann die Produktivität außerordentlich steigern. Doch Produktivität bedeutet nicht automatisch Wohlstand und Wohlergehen. Eine Wirtschaft kann mehr produzieren und gleichzeitig schlechter verteilen. Sie kann über außergewöhnliche Technologien verfügen und dennoch enorme Ungleichheiten zulassen. Sie kann künstliche Intelligenz einsetzen und zugleich Millionen Menschen ohne Zugang zu einer angemessenen Bildung lassen. Sie kann Roboter einsetzen und gleichzeitig prekär beschäftigte Arbeiter haben. Sie kann enorme Mengen an Reichtum erzeugen und diesen in den Händen weniger konzentrieren.

Die Frage lautet: Für wen wird die Technologie eingesetzt, und wie werden ihre Vorteile verteilt? Das ist wahrscheinlich eine der großen Fragen des 21. Jahrhunderts. Die technologische Revolution beseitigt somit die soziale Frage nicht, sondern macht sie noch komplexer.

11. Eine neue soziale Frage

Im 19. Jahrhundert wurde die soziale Frage im wesentlichen durch das Verhältnis zwischen Kapital und industrieller Arbeit bestimmt. Die Arbeiterbewegung entstand als Antwort auf diesen Wandel. Im 20. Jahrhundert kamen der Sozialstaat, die Arbeiterrechte, die Tarifverhandlungen, die Sozialversicherung und das öffentliche Bildungswesen hinzu. Heute beginnt eine neue soziale Frage Gestalt anzunehmen: Was geschieht, wenn bestimmte Tätigkeiten – körperliche wie geistige – automatisiert werden können? Was geschieht, wenn eine kleine Zahl von Unternehmen Plattformen kontrolliert, die von Milliarden Menschen genutzt werden? Was geschieht, wenn Daten zu einer Ware werden? Was geschieht, wenn ein Algorithmus darüber entscheidet, welche Informationen ein Mensch zu sehen bekommt oder welcher Arbeiter eingestellt wird?

Das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit verschwindet nicht. Aber es verändert sich. Politische Parteien und Organisationen werden diese neue Realität berücksichtigen müssen. Denn die sozialen Kategorien des 20. Jahrhunderts beschreiben die neuen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts nicht mehr genau.

12. Der Kampf um die Information

Darüber hinaus gibt es einen weiteren entscheidenden Wandel. Die digitale Revolution hat die Möglichkeiten, Informationen zu produzieren, in außergewöhnlichem Maße demokratisiert. Gleichzeitig hat sie jedoch die Möglichkeiten, diese Informationen zu verbreiten, in außergewöhnlichem Maße konzentriert. Daraus entsteht ein Paradoxon. Noch nie konnten so viele Menschen ihrer Stimme Ausdruck verleihen. Und noch nie hatten so wenige Plattformen eine derart große Macht darüber, wie diese Äußerungen verbreitet werden. Information ist zu einer Infrastruktur der Macht geworden.

Die künstliche Intelligenz fügt nun eine neue Dimension hinzu. Es geht nicht mehr nur darum, Informationen zu produzieren und zu verbreiten. Es geht darum, Texte, Bilder, Videos, Stimmen und synthetische Inhalte in einem praktisch unbegrenzten Umfang zu erzeugen. Dies verändert das politische System. Die Grenzen zwischen Information, Propaganda, Unterhaltung und Manipulation lassen sich zunehmend schwerer unterscheiden. Deshalb besteht die Herausforderung im 21. Jahrhundert auch darin, Informationssysteme zu bewahren, die ausreichend vielfältig, überprüfbar und transparent sind.

13. Auch die militärische Frage verändert sich

Die technologische Revolution verändert gleichermaßen die Natur des Krieges. Drohnen, Satelliten, Roboter, autonome Systeme, Cyberangriffe, künstliche Intelligenz, elektronische Kriegführung, Aufklärungssysteme und Präzisionswaffen: Der Krieg der Zukunft – und in mancher Hinsicht bereits der Krieg der Gegenwart – vereint Technologien, die noch vor wenigen Jahrzehnten dem Bereich der Science-Fiction zugeordnet wurden. Dies hat eine grundlegende politische Konsequenz: Die militärische Überlegenheit hängt zunehmend von der technologischen Überlegenheit ab. Das bedeutet, dass die Grenzen zwischen ziviler Wirtschaft, Technologieindustrie und nationaler Sicherheit immer mehr verschwimmen.

Ein Mikroprozessor kann Bestandteil eines Telefons sein. Er kann aber auch Teil eines militärischen Systems sein. Ein Algorithmus kann einen Film empfehlen. Er kann aber ebenso für die militärische Aufklärung eingesetzt werden. Ein Satellit kann Wetterinformationen liefern. Er kann aber auch strategische militärische Informationen bereitstellen. Zivile und militärische Technologien sind zunehmend miteinander verflochten.

14. Der ökologische und der technologische Wandel sind untrennbar miteinander verbunden

Das 21. Jahrhundert ist auch das Jahrhundert der Klimakrise. Das bedeutet, dass die wirtschaftliche Transformation gleichzeitig technologisch und ökologisch sein muss. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, Stromnetze zu optimieren, Katastrophen vorherzusagen, die Landwirtschaft zu verbessern oder die Wasserbewirtschaftung effizienter zu gestalten. Sie verbraucht jedoch auch immer größere Mengen an Energie und Wasser. Außerdem erfordert sie gewaltige physische Infrastrukturen. Deshalb gibt es keinen digitalen Wandel, der unabhängig von der Energiewende stattfindet. Beide Entwicklungen laufen zusammen. Und die Länder, die gleichzeitig Energie, Mineralien, digitale Infrastruktur und technologische Kapazitäten kontrollieren, werden über einen beträchtlichen strategischen Vorteil verfügen.

15. Die Welt tritt in eine Epoche der Ungewissheit ein

Wenn wir versuchen, all diese Elemente zusammenzuführen, können wir eine Art historische Gleichung erkennen. Wir haben es mit folgenden Entwicklungen zu tun: geopolitische Multipolarität, Fragmentierung der Globalisierung, technologischer Wettbewerb, Revolution der künstlichen Intelligenz, Energiewende, Kampf um kritische Rohstoffe, Klimakrise, demographischer Wandel, Aufrüstung und neue Formen der Kriegführung sowie einer tiefgreifenden Ungleichheit bei der Verteilung technologischer Fähigkeiten. Es handelt sich nicht um zehn voneinander unabhängige Probleme. Sie sind Teil ein und derselben großen Transformation. Deshalb müssen wir der Versuchung widerstehen, jede Krise isoliert zu analysieren. Die Welt, die gerade entsteht, ist ein System – das heißt, eine Gesamtheit geordneter und miteinander verbundener Elemente, die koordiniert zusammenwirken, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Wir müssen sie als System begreifen.

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für das Jahr 2026 ein weltweites Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent. Zugleich betont er, dass dieses Wachstum sehr ungleich verteilt sein wird und widersprüchliche Kräfte gleichzeitig wirken: die wirtschaftlichen Folgen der Konflikte und ein kräftiger, von der Technologie angetriebener Investitionszyklus. Das ist eine treffende Metapher für unsere Zeit. Wir leben im Spannungsfeld zwischen den gegensätzlichen Kräften Krieg und Technologie.

16. Was bedeutet all das für politische Parteien?

Damit gelangen wir zu einer entscheidenden Frage: Was bedeutet diese große historische Transformation für die Parteien? Ich glaube, dass dies zunächst bedeutet, dass sich Parteien nicht darauf beschränken können, bloß die Folgen dieser Veränderungen zu verwalten. Sie müssen diese Veränderungen verstehen. Eine politische Partei des 21. Jahrhunderts kann nicht ausschließlich über Löhne, Steuern, Wohnraum, Renten, Bildung oder Gesundheitsversorgung sprechen – auch wenn all diese Themen weiterhin von zentraler Bedeutung sind –, ohne zu verstehen, was mit der künstlichen Intelligenz, den globalen Produktionsketten, den kritischen Rohstoffen, der Energiewende, den digitalen Plattformen und der neuen internationalen Machtverteilung geschieht.

Denn genau diese Veränderungen werden über die Zukunft der Löhne, der Beschäftigung, der Migration, der Renten, der Bildung, des Wohnungswesens und der öffentlichen Dienstleistungen entscheiden. Sozialpolitik und Geopolitik lassen sich nicht mehr getrennt voneinander denken. Ebensowenig Industriepolitik und Außenpolitik. Auch Technologiepolitik und Bildungspolitik können nicht mehr unabhängig voneinander betrachtet werden. Und dasselbe gilt für Energiepolitik und Klimapolitik.

17. Die Frage der Souveränität

Deshalb glaube ich, dass ein Wort in den kommenden Jahrzehnten wieder enorm an Bedeutung gewinnen wird: Souveränität. Wir müssen diesen Begriff jedoch neu definieren. Souveränität bedeutet nicht Isolation. Sie bedeutet nicht, sich abzuschotten. Sie bedeutet nicht, die internationale Zusammenarbeit abzulehnen. Im Gegenteil. In einer zutiefst voneinander abhängigen Welt kann kein Land vollständig autark sein. Souveränität im 21. Jahrhundert sollte die Fähigkeit bedeuten, selbst Entscheidungen treffen zu können. Die Fähigkeit zu entscheiden, was produziert wird. Welche Technologien entwickelt werden. Welche Ressourcen geschützt werden. Welche Daten kontrolliert werden. Welche Infrastrukturen aufgebaut werden. Welche Bündnisse eingegangen werden. Welches Energiemodell gewählt wird. Welche Bildung angeboten wird. Und wie die Vorteile der technologischen Transformation verteilt werden. Souveränität bedeutet nicht, allein zu sein. Sie bedeutet, nicht gezwungen zu sein, sämtliche Entscheidungen anderer Mächte akzeptieren zu müssen.

18. Der große Kampf wird um die Verteilung geführt werden

Damit gelangen wir vielleicht zum entscheidenden Punkt: Technologische Revolutionen bestimmen die Zukunft nicht von selbst. Sie schaffen Möglichkeiten. Doch die Gesellschaften entscheiden darüber, wie diese Möglichkeiten verteilt werden. Die Dampfmaschine brachte nicht automatisch die Arbeiterbewegung hervor. Die Elektrizität führte nicht automatisch zur Entstehung des Sozialstaates. Das Internet schuf nicht automatisch eine demokratischere Gesellschaft. Die Technologie eröffnet Möglichkeiten. Die Politik entscheidet zu einem großen Teil darüber, wer von ihnen profitiert.

Deshalb wird die große Frage der kommenden Jahrzehnte nicht allein lauten, wer die künstliche Intelligenz entwickelt. Sie wird lauten: Wer kontrolliert sie? Wer kontrolliert die Daten? Wer kontrolliert die Rechenleistung? Wer kontrolliert die Rechenzentren? Wer kontrolliert die kritischen Rohstoffe? Wer kontrolliert die Plattformen? Wer legt die Regeln fest? Und wer erhält die Vorteile? Letztlich handelt es sich um eine Machtfrage.

19. Eine neue Gesellschaft erfordert eine neue politische Kultur

Während eines großen Teils des 20. Jahrhunderts waren politische Parteien mächtige Instrumente zur Interpretation der Wirklichkeit. Sie erklärten die Welt. Sie organisierten Interessen. Sie stifteten Identität. Sie entwarfen Gesellschaftsmodelle. Heute stehen sie vor einer beispiellosen Schwierigkeit. Die Wirklichkeit verändert sich schneller, als sich viele unserer politischen Kategorien weiterentwickeln. Deshalb brauchen wir Parteien, die in der Lage sind, neu zu denken. Nicht nur zu reagieren. Die Welt von morgen durchdenken. Die Arbeitswelt von morgen durchdenken. Die Bildung von morgen durchdenken. Die Demokratie von morgen durchdenken. Die Souveränität von morgen durchdenken. Das Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen durchdenken. Das Verhältnis zwischen künstlicher Intelligenz und Macht durchdenken. Darüber nachdenken, was es bedeutet, Bürger in einer Gesellschaft zu sein, die zunehmend von Algorithmen gesteuert wird. Und ebenso darüber nachdenken, was Gleichheit bedeutet, wenn der Zugang zu den fortschrittlichsten Technologien zu einem der wichtigsten Faktoren werden kann, die Unterschiede zwischen Menschen, Unternehmen und Ländern hervorbringen.

Die Herausforderung ist enorm. Doch ebenso groß ist die Chance. Denn wenn sich eine historische Ordnung verändert, sind die Gesellschaften nicht dazu verdammt, sich passiv anzupassen. Sie können eingreifen. Sie können wählen. Sie können um ihre Interessen ringen. Sie können Alternativen schaffen.

20. Schlussfolgerung

Ich möchte zum Schluss auf die Idee zurückkommen, mit der ich begonnen habe. Wir erleben einen Epochenwechsel und treten in ein neues historisches System ein. Die unipolare Welt wird durch eine komplexere Struktur mit mehreren Machtzentren ersetzt. Der Krieg beeinflusst die Geopolitik wieder maßgeblich. Die Globalisierung verschwindet nicht, aber sie fragmentiert sich. Die Wirtschaft wird erneut tiefgreifend von der Geopolitik geprägt. Die Technologie entwickelt sich zu einer wesentlichen Dimension der internationalen Macht. Die künstliche Intelligenz leitet eine Revolution ein, deren Tragweite wir gerade erst zu verstehen beginnen. Energie und kritische Rohstoffe gewinnen erneut strategische Bedeutung. Die Klimakrise zwingt uns, unsere Produktionssysteme umzugestalten. Und technologische Ungleichheiten drohen, neue Formen der Abhängigkeit zu schaffen. All dies geschieht gleichzeitig.

Genau deshalb befinden wir uns in einem historischen Übergang. Wir wissen noch nicht genau, welche Welt daraus hervorgehen wird. Aber wir erkennen, dass sich gerade ein großer Kampf entfaltet. Es ist der Kampf darum, wer die Ressourcen, die Technologien, die Daten, die Infrastrukturen und die Regeln der neuen Weltwirtschaft kontrollieren wird. Und letztlich geht es um etwas noch Grundlegenderes: Wer wird in der Lage sein, darüber zu entscheiden, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll? Diese Frage müssen sich die Bürger und die politischen Parteien heute stellen. Denn wenn die Politik darauf verzichtet, eine Antwort zu geben, werden andere an ihrer Stelle antworten: die großen multinationalen Konzerne, die Märkte, die Technologieplattformen, die mächtigsten Staaten, die Eigentümer der Daten und die Eigentümer der Infrastrukturen. Jene, die die Algorithmen kontrollieren, und jene, die die strategischen Technologien beherrschen.

Deshalb besteht die vielleicht wichtigste politische Aufgabe unserer Zeit darin, die Fähigkeit zurückzugewinnen, sich etwas vorzustellen. Uns eine Gesellschaft vorzustellen, in der die technologische Revolution nicht nur zu mehr Produktivität, sondern auch zu mehr Rechten führt. Eine Wirtschaft, in der die Energiewende nicht die alten Abhängigkeiten reproduziert. Eine Globalisierung, die nicht Unterordnung bedeutet. Eine multipolare Welt, die nicht in einen neuen Wettlauf zwischen Machtblöcken mündet. Eine künstliche Intelligenz, die der Menschheit nützt und nicht lediglich der Kapitalakkumulation. Und ein demokratisches System, das in der Lage ist, die radikale Transformation unseres Informationsökosystems zu überstehen.

Letztlich müssen wir eine Frage erneut stellen, die bereits in früheren Phasen großer historischer Umbrüche entscheidend war: Welche neue Gesellschaft wollen wir aufbauen? Denn vielleicht ist dies das wichtigste Merkmal unserer gegenwärtigen Situation: Die Zukunft ist noch offen. Und gerade weil sie offen ist, müssen die Bürger in großer Zahl dazu beitragen, sie zu gestalten. Denn wir erleben auch eine neue Zeit, in der die Politik wieder von entscheidender Bedeutung ist. Mehr denn je.

Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Volker Hermsdorf

Leicht gekürzte und bearbeitete Fassung der Rede, die der spanische Publizist Ignacio Ramonet am 9. Oktober auf einer von der mexikanischen Arbeiterpartei (PT) organisierten internationalen Konferenz zum Thema »Die Parteien und eine neue Gesellschaft« in Mexiko-Stadt gehalten hat. Der vollständige Wortlaut (spanisch) wurde am 11. Oktober 2026 von der mexikanischen Tageszeitung La Jornada online veröffentlicht: jornada.com.mx/noticia/2026/10/11/opinion/un-nuevo-sistema-historico

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Erschienen am 17.10.2026, Schwerpunkt

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