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Ökologie

Work-Life-Balance für alle

Mehr Arbeit macht im Kapitalismus mehr Dreck und vernichtet Ressourcen. Was Marx vorhersah – und warum Ökosozialismus keine Verzichtsideologie ist

Foto: Roberto Pfeil/AFP-Pool/dpa
Sagt Sachen wie »Klimaschutz darf nicht die industrielle Basis unserer Länder gefährden« und wundert sich dann über Umweltschäden: Merz beim Besuch eines Waldbrandgebiets (Hürtgenwald, 22.8.2026)

Der alte Slogan »Unsere Kinder werden es einmal besser haben« gilt in der Bundesrepublik schon länger nicht mehr. Steigende Lebenshaltungskosten und Immobilienpreise, drohende Altersarmut und eine ungewisse Zukunft im Zeichen von »Kriegstüchtigkeit«, künstlicher Intelligenz (KI) und Klimakatastrophe – voilà, mehr hat das aktuelle Wirtschaftssystem für die breite Masse nicht zu bieten.

Die »Generation Z«, zu der meist die Jahrgänge 1995 bis 2010 gezählt werden, scheint das zu spüren – und steht deshalb in Verruf, sie wolle nicht nur leben, um zu arbeiten. Darauf haben in den vergangenen Jahren nicht nur millionenfach angeklickte Videostatements von Berufsanfängern auf Social-Media-Kanälen hingedeutet, sondern auch Umfragen unter Studierenden: Nur 9,5 Prozent gaben in einer Befragung der Internationalen Hochschule (IU) zum Thema »Erwartungen an den ersten Job« 2023 an, dass ihnen die berufliche Karriere wichtiger sei als das Privatleben. 82,1 Prozent der Befragten legten dagegen viel Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance.

Der Wunsch nach mehr selbstbestimmter Lebenszeit im Hier und Jetzt – nicht erst im fernen Rentenalter – hat zum Teil mit der ökologischen Frage zu tun: Bürgerliche Leistungsideale, Wachstumszwang und Profitstreben werden die Welt in den nächsten Jahrzehnten nicht schöner und komfortabler für die breite Masse machen, sondern rauher und hässlicher.

David Gutensohn, Jahrgang 1994 und damit streng genommen noch »Millennial«, hat dies 2024 in seinem Buch »Generation Anspruch: Arbeit ist nicht alles – und das ist auch gut so« auch damit begründet, dass junge Menschen »mitten in der Klimakrise« anders in die Zukunft blickten: »Wir wollen nicht, dass die Arbeit bestimmt, wer wir sind. Wir wollen eine gesetzliche Viertagewoche, Sabbaticals, Elternzeiten und echte Feierabende. Und Arbeit, die Sinn ergibt.«

Noch gehen Anspruch und Wirklichkeit aber bei Jüngeren weit auseinander. Dies zeigt eine Auswertung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach sind 20- bis 24-jährige in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt so aktiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ihre Erwerbsquote sei zwischen 2015 und 2025 um 7,1 Prozentpunkte auf 76,8 Prozent gestiegen, teilte das IAB im August 2026 mit. Zurückgeführt wurde dies vor allem auf Studierende, die wegen steigender Lebenshaltungskosten auf Nebenjobs angewiesen sind.

Arbeit in der Multikrise

Wie die Zukunft der Arbeit in Zeiten von KI und Klimakatastrophe aussehen soll, ist der »Elefant im Raum«, den bürgerliche Politiker konsequent ignorieren, wenn sie über Arbeitszeit und Arbeitsmoral reden. Nach Lesart von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Co. müssen »wir« einfach alle mehr arbeiten, damit »die Wirtschaft« wächst und »der Wohlstand unseres Landes« bewahrt werden kann.

Abgesehen von der Burnoutgefahr für Menschen, die heute mehr arbeiten sollen, weil Robotik und KI sie noch nicht ersetzen können, aber mit der unterschwelligen Angst leben, dass dies bald der Fall sein könnte, stellt sich die Frage, welcher und wessen Wohlstand gemeint ist. Denn das Geschäftsmodell, das hier krampfhaft am Leben erhalten wird, beruht auf der Ausbeutung endlicher Ressourcen, auf klimaschädlichen Emissionen und teilweise mutwilliger Ineffizienz. Das beste Beispiel ist der motorisierte Individualverkehr: Rund 1,4 Tonnen wiegt ein Pkw, in dem oft nur eine Person zur Arbeit und wieder nach Hause fährt, im deutschen Durchschnitt – bei neu zugelassenen Fahrzeugen waren es zuletzt sogar fast 1,7 Tonnen.

Im spätkapitalistischen »Autoland« gilt es aber als schlechte Nachricht, wenn weniger Autos produziert und verkauft werden, weil Arbeitsplätze und Existenzen daran hängen – für den längerfristigen Erhalt unserer Lebensgrundlagen wäre es jedoch eine gute Nachricht, wenn der motorisierte Individualverkehr schnellstmöglich stark reduziert würde.

Eine reine »Antriebswende« im Sinne von Elektroautos kann nicht die Lösung sein, denn der »Ökostrom« muss auch erst einmal erzeugt werden – und noch gibt es Schwierigkeiten beim Recycling von Windkraftanlagen. Ohne den marktwirtschaftlichen Druck, immer wieder etwas Neues verkaufen zu können, wäre Langlebigkeit mit das wichtigste Kriterium für alles, was hergestellt wird – aber es müssten eben in Zukunft auch weniger und kleinere Autos produziert werden.

»In der Praxis ist Erwerbsarbeit oft mit großem materiellem Verbrauch verbunden. Das können wir uns nicht mehr leisten«, sagte der französische Ökonom und Mitautor des »Global Justice Reports« Thomas Piketty im August 2026 der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Die Verkürzung der Arbeitszeit sei »ein Baustein, um die Klimakrise zu lösen«. Dazu reiche die Dekarbonisierung der Wirtschaft nicht aus: »Notwendig ist etwas, das wir ›Suffizienz‹ nennen. Wir müssen nicht nur weniger arbeiten, sondern auch den Schwerpunkt vom materiellen zum immateriellen Sektor verschieben: mehr Beschäftigung in den Bereichen Bildung und Gesundheit und mehr kulturelle Tätigkeiten.«

Bemerkenswert ist, dass Piketty, der sein Entwicklungsmodell »partizipativen Sozialismus« nennt, all dies ohne einen klaren, singulären Bruch mit dem bestehenden Wirtschaftssystem durch Enteignung und Vergesellschaftung von Großkonzernen für machbar hält – mit drastischen Vermögensteuern, also »permanenter Umverteilung«, sowie Stärkung der Rechte von Gewerkschaften, demokratischer Investitionskontrolle und einem »universellen Startkapital« für alle jungen Menschen bei Erreichen des Erwachsenenalters.

Über die Wege lässt sich streiten, aber die Notwendigkeiten sind klar: Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hat sie 2021 in einem Report mit der Forderung »Making Peace with Nature« (Frieden mit der Natur schließen) benannt. Dass hier auch Linksliberale mit Grünen-Parteibuch zustimmen, die im nächsten Moment ihre Loyalität zur NATO betonen, egal wie sehr dieses Militärbündnis als Schild und Schwert des Metropolenkapitalismus Umwelt und Klima schädigt, ist an Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten.

Aber das ändert nichts daran, dass das aktuelle Wirtschaftssystem und seine Geschäftsmodelle auch in Friedenszeiten toxisch für Mensch und Natur sind. Wohlstand kann nicht mehr lange daran gemessen werden, ob jeder Arbeiter ein eigenes Auto hat, mit dem er morgens »unabhängig« im Stau stehen darf, während am öffentlichen Nahverkehr gespart wird und Städte durch die Blechlawine zusätzlich aufgeheizt werden. Dass gerade die Abhängigkeit vom Auto als Unabhängigkeit wahrgenommen wird, ist ein Meisterstück der kapitalistischen Gehirnwäsche, das die teils plumpe Propaganda im Realsozialismus nie hätte leisten können. Besonders romantische Roadmovies im Kino und Erinnerungen an den Kleinfamilienausflug mit dem Auto »ins Grüne« wirken lange nach.

Aber die Rekordhitzewellen des vergangenen Sommers haben auch Durchschnittsfamilien vor Augen geführt, dass es schon jetzt keine Generation mehr gibt, die von der Klimakatastrophe verschont bleibt. Es gibt nur eine Klasse, die sich in klimatisierte Villen zurückziehen und hohe Mauern um ihre Viertel bauen lassen könnte, wenn es irgendwann wegen Ernteausfällen zu Hungerrevolten käme – private Sicherheitsdienste oder KI-Roboter könnten sie dann schützen, falls staatliche Strukturen dafür nicht mehr ausreichen.

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Mittel- bis langfristig bleibt nur die Wahl zwischen einem solchen Endzeitfaschismus und einer nichtkapitalistischen Alternative, die den Wachstumszwang hinter sich lässt und am treffendsten als Ökosozialismus bezeichnet werden kann. Vorausgesetzt, man assoziiert damit nicht die Behauptung der AfD, dass die deutschen Grünen ökosozialistisch seien, und stellt sich darunter keinen »grünen Stalin« vor.

Marx und die ökologische Frage

Menschliche Gesundheit, Lebensqualität und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen gehören zusammen – das wusste Karl Marx schon 1867. Damals beschrieb er Arbeit als »Stoffwechsel« zwischen Mensch und Natur – und die Natur als Quelle des stofflichen Reichtums. Dies wurde von politischen Gruppierungen und zeitweise auch Staaten, die sich auf den Marxismus beriefen, lange vernachlässigt – als gehe es beim Raubbau an der Natur bis zum drohenden Kollaps der Ökosysteme nur um das Aussterben der einen oder anderen Schmetterlingsart.

Bis ins 21. Jahrhundert hinein galten Umwelt- und Klimaschutz auch in Teilen der Linken als Spielwiese für schöngeistige Bürgerkinder mit zuviel Zeit, die von den täglichen Sorgen des »kleinen Mannes« nichts wissen wollten. Mit diesem Klischee wurden Klimagerechtigkeitsnetzwerke wie »Extinction Rebellion« und »Fridays for Future« gleichermaßen konfrontiert, als sie 2018 und 2019 auf den Plan traten.

Sowohl rechte Sozialdemokratinnen als auch ein Teil der vorgeblichen Marxisten brachten deren Anliegen mit »Identitätspolitik« und »Wokismus« in Verbindung – so auch die marxistisch gebildete Exkommunistin und BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht kurz vor ihrem Austritt aus der Partei Die Linke in ihrem Bestseller »Die Selbstgerechten« (2021). Als hätte der Verlust von fruchtbaren Böden nicht mehr Konsequenzen als der Verzicht auf das Gendern mit Sonderzeichen. Die knallharte materielle Realität der Klimakatastrophe wurde und wird auch in Kreisen mit linkem Selbstverständnis verdrängt.

Marx dagegen wusste sehr wohl, was ökologisch auf dem Spiel stehen könnte, wenn der Kapitalismus lange genug überleben würde: »Die kapitalistische Produktion entwickelt nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter«, warnte er im ersten Band seines Hauptwerks »Das Kapital« vor dem Burnout von Mensch und Natur als letzter Konsequenz.

Diese Warnung verliert ihre Gültigkeit auch nicht dadurch, dass es auch in realsozialistischen Staaten drastische Umweltverschmutzung und Repression gegen ökologische Bewegungen gab. Nach den Worten von Zeitzeugen und laut Zeitdokumenten hielt die Umweltbewegung der DDR den Kapitalismus aber nicht für das bessere Wirtschaftssystem, sondern kämpfte zunächst für den ökologischen Umbau und demokratische Reformen innerhalb der DDR. Ihre Forderungen gingen in »Wir sind ein Volk«-Rufen unter. Was folgte, war die »deutsche Einheit« unter kapitalistischen Vorzeichen; der dann gesamtdeutsche Kanzler Helmut Kohl (CDU) versprach »blühende Landschaften«.

»Business as usual«

36 Jahre und 30 Weltklimakonferenzen später heißt der gesamtdeutsche Kanzler Friedrich Merz, der für Sätze wie »Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können« und »Klimaschutz darf nicht die industrielle Basis unserer Länder gefährden« bekannt ist.

Seit die »schwarz-rote« Bundesregierung mit Merz an der Spitze im Amt ist, werden soziale Belange und Klimaschutz zumindest seltener gegeneinander gestellt als zuvor. In Wahlkämpfen der jüngeren Vergangenheit hatten Konservative und Neoliberale sowohl die Grünen als auch die linke Klimabewegung als »Verzichtsprediger« geschmäht und selbst »Wohlstand« versprochen – ohne näher darauf einzugehen, für wen. »Wohlstand braucht Ihre Stimme« stand auf Plakaten der CDU zur EU-Wahl 2024.

Seit der vorgezogenen Bundestagswahl 2025 sind es Regierungsvertreter, die Verzicht predigen – allerdings ohne damit Umwelt und Klima schützen zu wollen. Lohnabhängige sollen auf Freizeit verzichten und »auch mal ans Limit gehen«, sagte Außenminister Johann Wadephul (CDU), als er im Juni 2026 gegenüber dem Privatsender RTL seinen Senf zur Debatte um Arbeitszeit und Arbeitsmoral abgab. Erwerbslosen in Grundsicherung drohen seit dem 1. Juli härtere finanzielle Sanktionen, wenn sie die »Mitwirkungspflicht« verletzen.

Hinzu kommt demnächst die Schlechterstellung von Verheirateten ohne sozialversicherungspflichtigen Job, die bisher bei den Krankenkassen ihrer Partnerinnen oder Partner beitragsfrei mitversichert waren – laut Exgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ist es »gelebte Frauenpolitik«, dass für diese Gruppe ab dem 1. Januar 2028 Beiträge anfallen. Kurz: Mehrarbeit für fast alle wird als Wert an sich propagiert oder notfalls auch pseudofeministisch verbrämt, weil »die Wirtschaft« wachsen soll – auf Kosten erschöpfter und zunehmend ausgebrannter Menschen sowie ganzer Ökosysteme.

Daran ließ Merz auch beim internationalen Petersberger Klimadialog im April 2026 keinen Zweifel. »Klimaschutz darf nicht die industrielle Basis unserer Länder gefährden«, sagte er dort vor Ministern aus mehr als 30 Staaten. Als er nach seinem Sommerurlaub ein Waldbrandgebiet in der Eifel besuchte, vollzog er zumindest verbal eine Kehrtwende – allerdings ohne konkret zu werden: »Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen.«

Was folgte, war allerdings »Business as usual«. Merz wurde auch im ARD-Sommerinterview nicht konkreter und forderte statt dessen mehr Mitwirkung der Bevölkerung ein – beispielsweise durch Anrufe bei älteren Menschen, um sie daran zu erinnern, bei Hitze ausreichend Wasser zu trinken. Auch er selbst rate seinen hochbetagten Eltern dazu. Dass die Zahl der Hitzetoten in Deutschland im Sommer 2026 vom Robert-Koch-Institut zuletzt auf 16.300 geschätzt wurde, kann einen Kanzler, der ältere und kranke Menschen in erster Linie als Kostenfaktoren darstellt, natürlich nicht allzu sehr erschrecken.

Die weltweiten Verwerfungen, die sowohl der Weltklimarat als auch die Weltbank für die kommenden Jahrzehnte prognostizieren – etwa 143 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2050 – blendet er ebenso aus wie die ökonomischen Folgen für das eigene Land: 431 Millionen Euro kostet ein »Hitzetag« ab 30 Grad die deutsche Wirtschaft schon heute, wie das Beratungsinstitut Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums ausgerechnet hat. Menschen arbeiten an solchen Tagen langsamer und können sich schlechter konzentrieren; Krankmeldungen und Unfälle nehmen zu. Länger anhaltende Dürren lassen die Ernte schrumpfen, senken die Flusspegel und erschweren den Gütertransport. Soviel zur Aktualität von Marx und zu den »Springquellen allen Reichtums«, die der Kapitalismus untergräbt.

Statistisch gesichert ist nach Angaben des Deutschen Wetterdiensts auch, dass sich Deutschland seit 1881 deutlich schneller erwärmt hat als die Erde insgesamt – nämlich im Jahresmittel um 2,5 Grad bis 2025. Im weltweiten Durchschnitt waren es 1,4 Grad. »Ich halte die Idee für grundfalsch, dass wir ständiges Wachstum brauchen. Im Körper heißt so was Krebs«, brachte es der gelernte Arzt, Moderator und Kabarettist Eckart von Hirschhausen 2021 in einem Taz-Interview auf den Punkt, ohne zu sagen, dass der Kapitalismus weg müsste. Wer ihn als System bewahren und nicht über ihn hinaus denken will, wird aber Nullwachstum immer als schlechte Nachricht lesen. Als hochentwickeltes Land ohne Bevölkerungswachstum bräuchte Deutschland nicht zwingend Wirtschaftswachstum, um einen akzeptablen Lebensstandard für alle zu sichern. Es liegt an der Macht- und Eigentumsfrage, wie gesellschaftlicher Reichtum verteilt wird und ob sich eine Minderheit auf Kosten der Mehrheit immer weiter bereichern kann.

Im Kapitalismus ist Wachstum ein »Must-have« – und das erklärt Merz, der 2008 ein ganzes Buch mit dem Titel »Mehr Kapitalismus wagen« überschrieb, zum Naturgesetz. Beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) löste er im Mai dieses Jahres ein Pfeifkonzert und Buhrufe aus, als er seine »Reformpolitik« im Gesundheits- und Sozialbereich mit der Behauptung, das sei »Demographie und Mathematik«, als alternativlos darstellte. Nach einer China-Reise hatte Merz seine Forderung nach Mehrarbeit in Deutschland ausgerechnet damit begründet, das nominell kommunistische Land würde die Bundesrepublik sonst im internationalen Wettbewerb abhängen. An Chinas rasantem Tempo beim Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energiequellen hatten er und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sich allerdings noch nie orientiert – im Gegenteil.

Im März 2026 besuchte Reiche die »CERA-Week«, eine Branchenveranstaltung der Gaswirtschaft in den USA, und machte sich für neue US-Gaslieferungen sowie eine Rückkehr der Atomkraft in Deutschland stark, übte Kritik an der EU-Methanverordnung und befand, dass Klimaziele »kein Selbstzweck« seien. Ab 2027 soll deshalb auch die feste Einspeisevergütung für neue kleine Solaranlagen wegfallen. »Katherina Reiche agiert schon lange als Sprachrohr der deutschen Gaslobby und lässt sich von ihr Gesetze formulieren«, kritisierte die Sprecherin des Vereins Lobby Control, Christina Deckwirth, am 20. August, nachdem exklusive Treffen der Ministerin mit Vertretern des Öl- und Gaskonzerns Exxon Mobil bekannt geworden waren.

Nach einem Austausch über die Lästigkeit der europäischen Lieferkettenrichtlinie war Reiche den Wünschen des Konzerns gefolgt und hatte den Weg für den Import von klimaschädlichem Frackinggas freigemacht, indem sie Verstöße gegen Umweltauflagen nicht mehr verfolgen ließ. Kontrollen wurden ausgesetzt und entsprechende Bußgelder nicht mehr verhängt. Den Terminplan und die Gesprächsvorbereitungen für Reiches Lobbyreise in die USA legte später eine Anfrage der Deutschen Umwelthilfe e. V. und der gemeinnützigen Onlineplattform »Frag den Staat« offen.

Wachstum verspricht sich Reiche auch von der Kriegsertüchtigung: »Aufrüstung ist ein sicherheitspolitisches Gebot, sie ist aber auch eine wirtschaftliche und eine technologische Chance für Deutschland«, sagte sie auf der Handelsblatt-Tagung »Wirtschaftsfaktor Rüstung« im September 2025. Es gibt wohl kein besseres Beispiel für die Richtigkeit von Jean Jaurès’ Aussage: »Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.«

Und selbstverständlich fordert auch Reiche Mehrarbeit von Lohnabhängigen, während sie selbst offenbar gern das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. So hat sie etwa betont, im Oktober 2025 nur privat zum »Moving Mountains«-Gipfel nach Tirol gereist zu sein, wo außer ihrem Lebensgefährten, dem Unternehmer und Exminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Wirtschaftsbosse, Spitzenpolitiker und Investoren aus mehreren Ländern anwesend waren, um vertraulich über Sicherheitspolitik und den Einsatz von KI zu reden. Um dort aber trotzdem ihren Dienstwagen nutzen zu können, hatte Reiche ihren Chauffeur rund 1.300 Kilometer fahren lassen, während sie selbst mit dem Flieger anreiste.

Das System selbst ändern

In diesen Kreisen spielt eben der ökologische Fußabdruck keine Rolle – und das steigert natürlich den Widerwillen der »Normalos« gegen Appelle für mehr Nachhaltigkeit, vor allem, wenn sie damit »bei sich selbst anfangen« sollen, obwohl regionales Biogemüse viel teurer ist als Discounterware aus Spanien oder Marokko, die wegen längerer Transportwege mehr Kohlenstoffdioxid »auf dem Buckel« hat.

Aber die außerparlamentarische Klimabewegung ist in dieser Hinsicht besser als ihr Ruf und bodenständiger als besserverdienende Grüne. In ihrem Buch »Klimakollaps und soziale Kämpfe« (Oekom-Verlag, 2025) hat die von Berufsverbot betroffene Aktivistin und Lehramtsanwärterin Lisa Poettinger schon vor der letzten Rekordhitze aufgezeigt, dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammengehören. »Ein Privatjetflug von Rom nach Glasgow alleine kommt auf etwa 11,3 Tonnen CO₂‑Äquivalente, also mehr als die jährlichen CO₂‑Emissionen einer Durchschnittsperson in Deutschland«, schreibt sie zum Anteil der Superreichen an der Klimakatastrophe. Gleichgesinnten rät sie davon ab, Normal- und Geringverdienern ein schlechtes Gewissen zu machen, die aus Geldmangel das billigste und nicht das nachhaltigste Produkt wählen, die als Pendler auf einen Pkw angewiesen sind oder etwa als Automobilarbeiter ihren Job nicht einfach an den Nagel hängen können.

Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik die Massenbewegung »Fridays for Future« ins Leben gerufen hat, stellte schon als 15jährige die Systemfrage: »Wenn Lösungen innerhalb des Systems so unmöglich zu finden sind, müssen wir vielleicht das System selbst ändern«, sagte sie 2018 auf dem UN-Klimagipfel im polnischen Katowice.

Der gelernte Automobilarbeiter und VW-Betriebsrat Lars Hirsekorn hat sich in der Initiative »VW steht für Verkehrswende« für den klimafreundlichen Umbau des Konzerns eingesetzt – und vor mehr als drei Jahren vorgeschlagen, was kürzlich die Fraktionschefin der Partei Die Linke im Bundestag, Heidi Reichinnek, aufgriff. »Was wir herstellen, hat mich früher kaum interessiert, sondern vielmehr, wie wir es herstellen; die Frage der Eigentumsverhältnisse und die Verteilung der Gewinne war mir wichtiger als der Gebrauchswert der Produktion«, sagte Hirsekorn im Frühjahr 2023 der Sozialistischen Zeitung (SoZ). »Irgendwann bin ich aus Braunschweig ins Umland gezogen. Ich erlebe die dramatischen Folgen der Dürrejahre für die Natur, aber Elektroautos sind weder für mich privat noch gesellschaftlich eine Lösung.« Sein Fazit: »Wir brauchen also kollektive Fortbewegungsmittel, die in großem Stil und in der Fläche aufgebaut werden müssen. Genau das können wir bei VW!«

Die Beteiligten der Initiative schlugen den Bau von Bussen und Nahverkehrszügen statt Verbrennerautos vor. Nachdem dieses Anliegen vielfach als zu kompliziert abgetan worden war, sollten plötzlich Komponenten für das israelische Luftabwehrsystem »Iron Dome« im VW-Werk Osnabrück hergestellt werden. Dieser Plan wurde im März 2026 bekannt. Der deutsche CEO des Panzerbauers KNDS, Florian Hohenwarter, verriet wenig später dem Handelsblatt, dass er sich für Großaufträge der Bundeswehr »eine eingespielte Mannschaft aus der Autoindustrie« wünscht.

Zwei Dutzend IG-Metall-Mitglieder, darunter Vertrauensleute und Betriebsräte, hatten kurz zuvor den Aufruf »Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft« gestartet: Wer damit Arbeitsplätze verspreche, versuche auf üble Weise, Existenzängste auszunutzen, heißt es darin. »Aufrüstung sichert nicht den Frieden, sondern bereitet Kriege vor. Wenn die Regierung einen ›Notstand‹ ausruft, wird das Streikrecht beschnitten, gibt es Arbeitsverpflichtung und Anordnungen zu extremer Arbeitszeitausdehnung.«

Noch sind es wenige, die sich in Betrieb und Gewerkschaft so klar positionieren und konsequent Mitbestimmung fordern – nicht nur über Arbeitszeiten, Arbeitsschutz und Bezahlung, sondern auch darüber, was produziert wird und ob es mittel- bis langfristig nützlich oder schädlich sein soll. Eine solche Demokratisierung der Wirtschaft würde die Macht- und Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus sprengen. Was es dabei zu gewinnen gibt, ist aber nicht »nur« der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, sondern auch mehr Lebensqualität im Sinn von Work-Life-Balance für alle.

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Claudia Wangerin schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Dezember 2020 über den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 2016: »Sittengemälde des Apparats«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.10.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 14. Okt. 2026 um 20:52 Uhr
    Das Lesen des Artikels – nach dem Lesen der Leserbriefe dazu – lässt mich erschaudern. Ganz langsam verstehe ich den Erfolg der Marxisten nach Marx. Ich gehe empirisch, wie der Artikel, vor und frage: Welche Sozialismen gibt es heute wo? Über historische Sozialismen darf auch diskutiert werden. Frage am Rande: Der eine Theoretiker oder die andere Theoretikerin mag ja recht haben. Aber Recht haben und Recht bekommen sind zwei Paar Stiefel. Ich empfehle eine Rechtsschutzversicherung für sich selbstdefinierende Marxisten.
  • Baron Gerome 14. Okt. 2026 um 17:04 Uhr
    Die Vision ist der Star-Trek-Kommunismus: Es ist schön nach sechs Jahren mal wieder Claudia Wangerin zu lesen. Dennoch sehe ich mich zurückversetzt in die Zeit Ende der 90er Jahre als Noam Chomsky und Michael Albert im Z-Net Forum online ParEcon (partizipatorische Ökonomie) entwickelt und diskutiert haben. Der Ökosozialismus als solcher, wie er schon von Eckhart Stratmann-Mertens bei den Grünen in den 90ern vertreten wurde, hatte keine Aussicht auf Erfolg, weil wir es im Kapitalismus immer nur mit einer Qualitäts-Mangelverwaltungswirtschaft zu tun haben, und das auch so gewollt ist, um hohe Preise und Profite zu erzielen. Damit wird Ökosozialismus also automatisch zu einer Verzichtskultur mit Bio-Aufklebern für Produkte, die vor 50 Jahren normale Nahrung waren, die sich keiner mehr leisten kann, und wir gezwungen sind, Maissirup in allen Billig-Lebensmitteln zu konsumieren, um adipös zu werden. Um gegen Adipositas vorzugehen, braucht man Medikamente, und um das schlechte Gewissen zu erzeugen, selbst schuld zu sein, braucht man eine Zuckersteuer, um den Krieg gegen Russland zu finanzieren, obwohl der normale Rohrzucker im Kaffee oder in der Cola überhaupt nicht das Problem ist und wir für unser Gehirn zu 99 Prozent Glukose als Energierohstoff brauchen, sondern der Maissirup und künstliche Zuckerersatzstoffe in allen Billiglebensmitteln der Grund sind. (Siehe Studie zu Mexiko 10 Jahre nach Einführung von Maissirup.) Wir werden wie die Kühe auf dem Bauernhof mit Maissilage gemästet. Wir tragen aber keinen Wohlstandsbauch der 60er Jahre vor uns her. Um Wohlstand für alle zu erreichen, geht es nur, wenn man Qualitäts-Überfluss produziert, ganz im Sinne von Elon Musk, um dann einen Luxus-Kommunismus zu etablieren. Nur … das geht auf Kosten aller Arbeit als Erwerbsarbeit. Wir haben den Qualitätsunterschied in den 80ern mit der CNC‑Maschine erlebt. Eine Werkshalle mit 100 Drehern wurde durch eine CNC‑Maschine ersetzt, die viel schneller und präziser war als 100 Dreher. Letzte Tage prognostizierte Elon Musk auf X, dass in drei Jahren Erwerbsarbeit nicht mehr existiert und Arbeit nur noch unbezahlte Berufung ist. Ich sage dazu als Trekkie und Marxist: Bravo! Darauf müssen wir uns heute schon einstellen. Auch wenn es in Deutschland noch nicht in drei Jahren der Fall sein wird, dann aber in sechs Jahren. Damit einhergehend erledigen sich automatisch alle Konsum und Naturressourcen verbrauchenden Fragen, denn KI wird Nachhaltigkeit am effektivsten erzeugen.
  • Frank Graf aus Marburg 13. Okt. 2026 um 22:25 Uhr
    Wer das Kreuz auf sich nahm und den Artikel bis zum Ende las, wartete vergebens darauf, dass die in der Unterüberschrift aufgestellte vollmundige Behauptung »warum Ökosozialismus keine Verzichtsideologie ist« von der Autorin argumentativ eingelöst wird. Wie aus einer im weltweiten Wettbewerb stehenden modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die im übrigen kaum über nennenswerte Rohstoffvorkommen verfügt, in eine »nichtkapitalistische Alternative, die den Wachstumszwang hinter sich lässt«, umgewandelt werden kann, ohne die Bürger zu verarmen und sie unter das Verzichtsjoch zu zwingen, verrät die Autorin wohlweislich nicht. Stattdessen nutzt Wangerin Gewährsleute wie Piketty, um ihren Lesern unter Zuhilfenahme semantischer Tünche Verzicht bzw. »grünes Schrumpfen« – wie die Wanderpredigerin des pietistischen Neo-Malthusianismus, Ulrike Herrmann, es zu nennen pflegt – unterzujubeln: »Wir müssen […] den Schwerpunkt vom materiellen zum immateriellen Sektor verschieben.« In einer ökonomischen Situation, die von jahrelanger Stagnation, von Deindustrialisierung, von einer hohen Steuer- und Abgabenlast, von Inflation und Reallohnverlusten, von einer maroden öffentlichen Infrastruktur, von Fachkräfteabwanderung und von erodierenden Sozialversicherungssystemen gekennzeichnet ist, klingt die neue Schwerpunktsetzung eher nach Marie-Antoinettes Rat, statt des nicht vorhandenen Brots doch einfach Kuchen zu essen, als nach mehr Lebensqualität und »Work-Life-Balance«. Wangerins kühne und durch nichts gedeckte These, Deutschland bräuchte »nicht zwingend Wirtschaftswachstum, um einen akzeptablen Lebensstandard für alle zu sichern«, lässt die Erinnerung wach werden an die ebenso ironische wie zutreffende Formulierung des Ökonomen Branko Milanovic: »Degrowers live in a world of magic, where merely by listing the names of desirable ends they are supposed to somehow happen.« (link: https://brankomilanovic.substack.com/p/degrowth-solving-the-impasse-by-magical )
  • Reinhard Hopp aus Berlin 13. Okt. 2026 um 14:02 Uhr
    »Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen.« (Superman Friedrich Merz) Donnerwetter! Und das wahrscheinlich ebenso »erfolgreich« wie »die seinerzeit von ihm angekündigte Halbierung der AfD«. Und die globale Realität? »Sozialismus oder Barbarei« (Rosa Luxemburg); eine andere Alternative gibt es nicht mehr – wenn denn überhaupt noch eine!
  • Onlineabonnent*in Olaf M. aus M. 12. Okt. 2026 um 18:40 Uhr
    Liebe Claudia, schön, mal wieder was von dir in der jW zu lesen! Allerdings gehst du mit der Fokussierung auf die Rettung der Welt vor der »Klimakatastrophe« selbst der monopolkapitalistischen Propaganda auf den Leim. Was ist die sogenannte Energiewende anderes als ein Raubbau an der Natur, vor der zurecht Marx warnte? Der flächendeckende Ausbau von Windkrafträdern und Solarparks kann ja wohl kaum als Bewahrung der Natur bezeichnet werden. Dazu kommt die zunehmende Umverteilung von unten nach oben, die mit der Energiewende einhergeht, weil sie als reines Subventionsgeschäft angelegt ist, und somit der Schröpfung der Arbeiterklasse durch CO2-Abgaben, Energiesteuern und Netzentgelte zum Wohle von Kapitalgesellschaften bedarf. Dabei hat das Narrativ von der Klimakatastrophe aufgrund des menschlichen CO2-Eintrags in die Atmosphäre doch schon längst abgewirtschaftet. Es ist eben ein Geschäftsmodell des global agierenden Finanzkapitals, nichts anderes. Global betrachtet kann ein Ökosozialismus, den ich auch befürworte, nur erfolgreich sein, wenn er es schafft, das Wachstum der menschlichen Population aufzuhalten, besser noch umzukehren. 2007 hast du in deiner Rezension des Buchs »Plan B 2.0 – Mobilmachung zur Rettung der Zivilisation« von Lester R. Brown in dieser Zeitung solches noch befürwortet.
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