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Literatur

Klasse und Würde

Mit messerscharfem Blick: Slata Roschal seziert die Verhältnisse, in denen wir leben

Foto: Amrei-Marie/CC BY-SA 4.0
»Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs« – Slata Roschal

»Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«: Haben die Verlagsvertreter bei dem Titel des Romans nicht die Stirnen gerunzelt? »Tod im Literaturhotel« wäre griffiger gewesen, zumal im Roman tatsächlich ein Schriftsteller in seinem Zimmer tot aufgefunden wird. Aber auch wenn der Fall am Schluss seine Aufklärung erfährt, dies ist kein Krimi, sondern ein Bild der Gesellschaft, in der wir leben. Hergestellt mit einer Scharfsichtigkeit, die es unvergesslich macht.

Lea Stein fährt per Seilbahn in ein nobles Hotel in den Bergen. Zieht den Koffer durch den Schnee und teilt an der Rezeption mit, dass sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen ist. Gleich für vier Nächte im »Schillerhof Ressort & Spa«? Da könnte man befürchten, dass Erwin Groß, Besitzer einer Literaturagentur, mit seiner Einladung Hintergedanken verbindet. Er ist ein Mann mittleren Alters, der seit Jahren schlecht schläft, vielleicht zuviel trinkt und eine Aushilfe braucht, die »alles Unangenehme« übernehmen wird, E-Mails, Exceltabellen. Und der Aufenthalt für zwei ist für ihn gratis.

Vor drei Jahren hat er den Kredit für seine dritte Wohnung in Hamburg abbezahlt. Finanziell geht es ihm nicht schlecht. So leistet er sich die Gutmütigkeit, mit der jungen Frau stundenlang zu plaudern. Einsam ist er, und es interessiert ihn wirklich, wie es wohl ist, wenn jemand aus St. Petersburg nach Deutschland kommt.

Im Roman sind immer mal wieder russische Floskeln in kyrillischer Schrift eingefügt. Lea trägt ihre Herkunft mit sich herum, welche ja nicht nur eine sprachliche ist. So wie auch Slata Roschal etwas aus Russland mitgebracht hat. 1992 geboren, kam sie mit ihrer jüdischen Familie 1997 nach Deutschland, lebte in Schwerin, studierte in Greifswald, promovierte in München. Und immer noch spürt man eine Osterfahrung im Hintergrund, die westdeutsch Sozialisierte womöglich gar nicht merken.

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Lea Stein hatte 217 Euro auf dem Konto, als sie anreiste. Als sie abreist, ist es weniger. Obgleich in Geldnot, hat sie ihrem kleinen Sohn eine besonders teure Schokolade gekauft. Dass schöne Dinge ihr unerreichbar sind, will sie nicht hinnehmen. Die Anstellung braucht sie, um sich aus der Abhängigkeit von ihrem ungeliebten Partner zu befreien. Dass sie die Frage nach Bezahlung immer wieder herunterschluckt, nimmt sie sich übel. Vielleicht wird man gar nicht sofort merken, wie von vornherein asymmetrisch das Gespräch ist. Erwin wirkt doch so leutselig. Er lässt Lea reden, und man versteht, dass es auch die Gedanken der Autorin sind, Bilanz ihrer Erfahrungen im deutschen Literaturbetrieb und darüber hinaus.

»Das Geschäft besteht hauptsächlich aus den guten dicken Romanen«, erklärt Erwin, vieles wiederhole sich. »Arme Migrantenkinder, sag’ ich mal, die sich auf ihre Wurzeln besinnen, frische Absolventen der Literaturinstitute, die wiederum glauben, ihre traurige Jugend aufarbeiten zu müssen.« Angesagt seien momentan »Aufsteigergeschichten«. Je randständiger einer gewesen sei, um so besser mache er sich auf der Bühne. Wie zynisch das klingt. Was für ein Aufstieg denn, denkt Lea. »Aschenputtel« ist doch nicht mehr als ein Märchen. In Petersburg hat sie in einer Kommunalwohnung gelebt, hat Toiletten mit Trennwänden ohne Türen gesehen. Doch der Luxus im »Schillerhof« wird sie nicht korrumpieren. In ihren Bewerbungsunterlagen hat sie verschwiegen, dass sie einen Sohn hat. Sagt das nicht alles über die Konstellation?

Eine hochgebildete Frau bewirbt sich auf eine Stelle, welche ein Job und keine Arbeit ist. »Arbeit hat einen Sinn, aber keinen Anfang und kein Ende, ein Job macht krank und beschränkt sich auf den Großteil des Tages.« Wobei es ihr vielleicht besser geht als Vera, die in der Hotelküche arbeitet, Hana und Jana, die den Gästen hinterherputzen. Der Feudalismus ist abgeschafft, aber die Bediensteten sind geblieben. Wenn eine davon ein Lacoste-Shirt trägt, will sie sich selber beweisen. Da denkt man beim Lesen auch an Glitzertaschen und aufgeklebte Fingernägel. Eine ganze Industrie ist entstanden, um den Ärmeren die Illusion zu geben, sie könnten es den Reicheren gleichtun. Was Klasse bedeutet, davon hat Roschal ein viel genaueres, ja strikteres Wissen als die vielen, welche über die Blase dieser ungerechten Gesellschaft nicht hinausblicken können. Und sie weiß auch, wie wichtig in diesem Zusammenhang die Würde ist, welche um jeden Preis verteidigt werden muss. Mit Würde hatte übrigens auch der Todesfall im Hotel zu tun, aber das soll hier nicht verraten werden.

»Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet« – auf überaus kluge Weise ist Slata Roschal etwas schwer Definierbarem auf der Spur. Jenem inneren Vermögen, über das Lea trotz allem verfügt. Das Gefühl von Würde aus intellektueller Überlegenheit, trotz finanziell miserabler Lage.

Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb hat die Autorin aus diesem Buch gelesen, stand danach auf und verließ den Saal. Die obligatorische Jurydebatte hörte sie sich einfach nicht mehr an. Um sich jene Erniedrigung zu ersparen, die Autorinnen und Autoren in Klagenfurt häufig widerfährt. Natürlich war es auch ein Stück Selbstreklame. Sie bekam die nötige Aufmerksamkeit, um gegen die prekäre Situation vieler Schreibender zu protestieren. »Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs«, sagte sie in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen. Tatsächlich können die meisten ohne Nebenjobs nicht leben, aber im Unterschied zu Putzfrauen haben sie noch eine Arbeit, die sie geistig wachsen lässt.

Für Literaturförderung, welche in der Tat wichtig wäre, fehlen nicht nur die Mittel, sondern auch der politische Wille. Denn Leser, wenn ihnen die richtigen Bücher in die Hände fallen, sind nachdenkliche, kritische Leute, nicht so leicht zu manipulieren.

→Lea Roschal: Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet. Claassen-Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 22 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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