Du kannst dich nicht verstecken
Gut, Böse und vieles dazwischen: Petra Ivanovs Krimi »Die Stille kennt deinen Namen«
Sie hört ein Geräusch, blickt auf die dunkle Straße vor ihrem Fenster und sieht sich einem leuchtend roten Auge gegenüber. Gesprüht auf den Asphalt. Das ist kein Witz, wie sie weiß. Sondern ein beängstigendes Signal. Fortan steht sie unter Beobachtung, ebenso wie die Frau, der sie zu helfen versucht.
»Der erste Fall einer einzigartigen Ermittlerin«: Der Werbespruch des Verlags ist ohne Übertreibung. Bella Kron ist etwas Besonderes. Im Krimigenre dürfen, ja sollen Detektive ja gern alle möglichen Macken haben, eine dunkle Vergangenheit, ein eigenes Trauma. Hauptsache, sie machen durch eine Eigenheit auf sich aufmerksam. Eine Gebärdensprachdolmetscherin wie Bella Kron gab es meines Erachtens noch nie. Für gehörlose Personen ist sie eine wichtige Unterstützung. Dass sie professionelle Distanz wahren müsse, wurde ihr während der Ausbildung nahegelegt. Aber der Restaurantbesitzerin und Spitzenköchin Christina Sartori kommt sie näher, als sie wollte. Aus Mitgefühl. Und das macht sie einem beim Lesen so sympathisch.
Das erste Mal ist ihr Christina auf einer Polizeiwache begegnet. Jemand hatte unter ihrem Namen Waren gekauft, die sie nicht bestellt hatte. In ihrem Briefkasten stapelten sich Rechnungen für Dienstleistungen, von denen sie nichts weiß. Hinzu kommen bedrohliche Nachrichten auf ihrem Handy. Die Nummer zu wechseln, half ihr nicht. Bella muss miterleben, wie Christina unter den Fragen der Beamten noch hilfloser wird, denn immer schwebt der Verdacht im Raum, die missliche Lage habe mit ihr selbst zu tun.
Was es bedeutet, auf solche Weise ausgeliefert zu sein, ist mir erst durch dieses Buch so richtig bewusst geworden. Stalking: Jemand beansprucht Macht und Kontrolle, bleibt aber im dunkeln. »Ich sehe dich!«, »Du kannst dich nicht vor mir verstecken!« – fast pausenlos blinken auf Christinas Handy derlei Nachrichten auf. Als Bella das rote Auge sieht, trifft es sie auch: »Das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden.« Wird irgendwann ein tätlicher Angriff folgen?
Petra Ivanovs erfolgreiche Krimiserie »Flint und Cavalli ermitteln« um eine Zürcher Staatsanwältin und einen Kriminalpolizisten kam ja nie ohne Leichen aus. Nun geht sie es gemütlicher an. Nicht mit einem spektakulären Todesfall, sondern mit einer lockeren Plauderei in Christina Sartoris Nobelrestaurant lässt sie den Roman beginnen. Mit zwei Frauen und einem Mann sitzt Bella Kron am Tisch, und man staunt, wie bislang Unbekannte einander ihre Seelen öffnen. Doch dann wird ein Zahnstocher in einem Dessert entdeckt. Das sollte eigentlich ein kulinarisches Kunstwerk sein »aus einem Black-Bean-Baumnuss-Brownie und einer Nocke Frozen-Pawpaw-Joghurt«. Nun war die Küche unter Verdacht. Wer wollte Christinas Ruf ruinieren? Sollte Bella mal die drei Personen an ihrem Tisch unter die Lupe nehmen?
Mit wenigen Verdächtigen zu jonglieren ist eine klassische Konstellation für einen Krimi. Auch ist Bellas Vater pensionierter Kriminalpolizist, hat unter früheren Kollegen noch gute Bekannte und Spaß daran, der Tochter beizustehen. Jemand hat in Christinas Namen ihre Wohnung gekündigt. Die Immobilienfirma will ihr nicht glauben. Ein Brand in der Küche ihres Restaurants hätte fast ihre Existenzgrundlage vernichtet. Und warum ist sie dermaßen abweisend, wenn die Rede auf ihren Freund Piet kommt, der sie angeblich verlassen hat?
Bella: »Dir kommt etwas an der Geschichte seltsam vor, oder?« »Piet«, sagt ihr Vater. »Der Ton seiner Nachrichten hat sich seit Mitte Oktober leicht verändert … Hat man überprüft, von wo die Nachrichten abgeschickt wurden?«
Tracking von Handys und wie man das verhindern kann – ich ahnte nicht, was da alles möglich ist, und wollte es, wie Bella, auch nicht so genau wissen. Ohnehin ist man ja von so viel Beängstigendem umgeben. Da bin ich Petra Ivanov dankbar, wie behutsam sie damit umgeht. Ein Krimi der klassischen Art, spannend zu lesen, weil man selbst mit ermitteln darf. Jede Menge Anhaltspunkte, richtige und falsche Fährten. Und am Schluss eine überraschende Lösung, die einen wieder einmal mit der Frage nach Recht und Gerechtigkeit konfrontiert.
Schuld und Strafe: Missetaten dürfen nicht ungesühnt bleiben – zur Abschreckung, um gesellschaftlicher Stabilität willen. Angeklagte haben das Recht auf einen Anwalt, der nach mildernden Umständen sucht. Wobei viele Krimis davon leben, dass jemand nach Vergeltung strebt, gar selbst Rache übt, weil die Strafe zu mild erscheint. Es mag an mir liegen, dass ich solchen Filmen und Büchern nichts abgewinnen kann, in denen Opfer zu Tätern werden. Im Roman spüre ich, wie auch die Autorin über diese Fragen nachgedacht hat. »Wie oft wir Kindern eine Welt präsentieren, die in Gut und Böse aufgeteilt ist«, überlegt Bella Kron am Schluss. Wie vieles es da noch dazwischen gibt, hat sie bei ihren Ermittlungen erlebt.
→ Petra Ivanov: Die Stille kennt deinen Namen. Bella Kron ermittelt. Unionsverlag, Zürich 2026, 249 Seiten, 22 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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