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Das schöpferische Gedächtnis

Wie sich der Satiriker Hans Reimann zum Leidtragenden des Naziregimes stilisierte

Foto: Harald Dzubilla/Wikimedia
Chuzpe muss man haben: Hans Reimann

Hans Reimann, 1889 in Leipzig geboren, 1969 in Schmalenbeck gestorben, war Grafiker, Schriftsteller, Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor, Dramatiker, Publizist sowie (seit dem Ersten Weltkrieg) Leutnant der Reserve. Als Autor ist er heute vor allem durch seine Schnurren und Grotesken in sächsischer Mundart bekannt. In der Weimarer Republik machte er sich durch humoristische Zeitschriftenglossen und Parodien von publikumswirksamen Neuerscheinungen einen Namen. Zwischen 1924 und 1929 gab er die Zeitschrift Das Stachelschwein heraus, zu deren Mitarbeitern u. a. George Grosz, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Karl Valentin zählten. Nachdem er lange (unter anderem in der Weltbühne) als kesser Satiriker gegen das Hakenkreuz aufgetreten war, gelang ihm 1933 der Ausgleich mit dem Naziregime. Trotzdem stellte er sich in seinen Memoiren als Opfer dar (»Mein blaues Wunder«, 1959).

In der Leipziger Ludwigstraße informiert am Haus Nr. 5 eine Gedenktafel darüber, dass hier der Schriftsteller Hans Reimann geboren wurde, und dass er es war, der »›Die Feuerzangenbowle‹ ansetzte«. Und auf der »Homepage der Nachlassverwaltung von Hans Reimann« ist zu lesen: »1931 betrieb Hans Reimann persönliche Studien als ›Gastschüler‹ auf dem Gymnasium in Neusalz a. d. Oder und schrieb während dieser Zeit den Roman ›Die Feuerzangenbowle‹, mit dem der Rechtsanwalt Heinrich Spoerl berühmt geworden ist.« Was im Klartext heißt: Die Autorschaft der »Feuerzangenbowle« wird fälschlich mit dem Rechtsanwalt Spoerl verbunden, in Wahrheit gebührt der Ruhm dem Dichter Reimann. Zweifellos eine spannende Geschichte, wäre sie denn wahr.

In der Tat war Heinrich Spoerl (1887–1955) von Haus aus Rechtsanwalt mit einer eigenen Kanzlei. Er war es bis zu seinem 50. Lebensjahr und wieder ab 1946. In den Jahren dazwischen avancierte er mit vier Romanen und einer Kurzgeschichtensammlung, die sich in diesem Zeitraum über drei Millionen Mal verkauften, zu Deutschlands erfolgreichstem Unterhaltungsschriftsteller.

Spoerls erstes Werk war eine Kriminal­komödie. 1930 fand er in Hans Reimann einen professionellen Partner, der den Text gegen hälftige Beteiligung an den Erlösen theaterwirksam bearbeitete. Reimanns Hauptinteresse galt allerdings dem Kino: Die Epoche des Tonfilms hatte begonnen, unter den Autoren herrschte regelrechte Goldgräberstimmung. Reimann überredete Spoerl daher, ihm im Sommer 1931 in seinem Arbeitsurlaub am Starnberger See Gesellschaft zu leisten. Gemeinsam erarbeiteten sie dort drei Tonfilm-Exposés, darunter auch eines, das den Arbeitstitel »Der Flegel« trug und von einem »Pennäler« handelte, »der seine ganze Penne auf den Kopf stellt.« Obwohl beide zuversichtlich waren, dass daraus ein komisch-grotesker Film gemacht würde, konnte Reimann das Exposé zunächst nicht an den Mann bringen. Die Produktionsfirmen interpretierte den »Flegel« als Verulkung des Lehrerstandes, sahen Proteste der Schulbehörden voraus und verweigerten die Annahme. Reimann gab das Filmprojekt daher auf und fuhr Ende 1931 ins niederschlesische Neusalz, um dort einen Roman zu schreiben: »Quartett zu dritt«, der im Jahr darauf erschien. Vor der Abreise entschuldigte er sich bei Spoerl, vorläufig nicht zur Arbeit am »Flegel«-Roman zu kommen, weil er Dringenderes zu erledigen habe.

Das übernahm daraufhin Spoerl, der sich mit Jahresbeginn 1932 zügig an die Arbeit machte. Mitte März 1932 erwartete Reimann von ihm bereits den Schluss des Romans, dessen Titel mittlerweile »Die Feuerzangenbowle« lautete. Tatkräftig unterstützt wurde Spoerl dabei von seiner Frau Gertrud, die seine Entwürfe korrigierte und eigene Ideen beisteuerte. Ihr gelang auch ein Jahr später der Vertragsabschluss mit dem Düsseldorfer Verleger Heinrich Droste. In dessen Tageszeitung Der Mittag erschien die »Feuerzangenbowle« zunächst als Fortsetzungsroman, im Sommer 1933 kam die Buchausgabe heraus. Die Auflage betrug 20.000 Exemplare. Vom Verkaufspreis erhielt Spoerl etwas mehr als zehn Prozent, ab der 2. Auflage knapp 12,3 Prozent, die er mit Reimann teilte. Zur Begründung erklärte er später in einem Brief an seinen Verlag, Reimann für die Durcharbeitung des Manuskripts »auf Druckreife« und die Suche nach einem Verleger »die Hälfte der Einkünfte zugesichert« zu haben. Gegenüber Reimann konstatierte Spoerl im April 1933: »Mit der Feuerzangenbowle hast Du mich vor die Tür gesetzt. Du hast Deinen Namen zurückgezogen und mir mitgeteilt, dass Du sie unter meinem Namen nicht unterbringen könntest. Meine Anfrage nach dem Grund Deines Rückzuges hast Du keiner Antwort für wert befunden, sondern nur das Manuskript ohne Anschreiben zurückgeschickt. Damit hast Du alles in meine Hand gelegt. Und dabei mag es sein Bewenden haben. Deine geldliche Beteiligung soll trotzdem 50:50 bleiben.«

Aufgrund von Spoerls Anweisung überwies der Droste-Verlag Reimann seitdem regelmäßig die Hälfte des Autorenhonorars für die »Feuerzangenbowle«. Da die Gesamtauflage bei weit über einer Million liegt, kam Jahr für Jahr ein stattlicher Betrag zusammen. Mit seinen eigenen Werken gelangte Reimann nicht einmal in die Nähe solcher Umsätze. Und weil Erfolg schon immer das Talent hatte, zu größerem Erfolg zu führen, hätte Reimann viel darum gegeben, wenn er nicht nur hälftig an den Autorentantiemen, sondern auch am Autorenruhm beteiligt, in der Öffentlichkeit als Koautor wahrgenommen worden wäre. Oder wenn das Publikum den Namen »Heinrich Spoerl« lediglich für eines seiner Pseudonyme gehalten, er folglich als Alleinautor gegolten hätte. Wäre die »Feuerzangenbowle« Spoerls einziges Werk geblieben, hätte sich dieses Narrativ womöglich sogar etablieren lassen. Doch Spoerls rasanter Aufstieg vom darbenden Rechtsanwalt zum Auflagenmillionär ließ dessen Etikettierung als bloßer Strohmann nicht zu.

Erst nach Spoerls Tod riskierte es Reimann, die Urheberschaft an der »Feuerzangen­bowle« für sich zu reklamieren: In seinen Memoiren, die 1959 unter dem Titel »Mein blaues Wunder« erschienen, behauptete er, Spoerls Mitwirkung habe sich darauf beschränkt, »krasse Stellen« zu mildern, »einen netten Vorspann« zu erfinden und »das Ganze vervielfältigen« zu lassen. Der heiklen Frage, warum er damit erst jetzt an die Öffentlichkeit ging, widmete sich Reimann in den Memoiren nicht, doch eine Erklärung für den Wegfall seines Namens hatte er bei der Hand: 1932 sei er zu einer Hassfigur der Rechten geworden, die schon bald Regierungsverantwortung übernahmen. Was also tun? »Sich tarnen? Mitmachen? Paktieren? Aber wie? Und wo lag die Grenze, die den Opportunismus von der Charakterlumpigkeit schied?« Sein Gewissen habe ihm eine andere Entscheidung auferlegt: »Es blieb nichts übrig als: sich abseits halten, artig sein und sich in der Hoffnung durchwursteln, die braune Diktatur werde (...) zusammenbrechen.« Seine Flucht in die Anonymität sei eine wohlerwogene taktische Maßnahme gewesen, damit die »Feuerzangenbowle« überhaupt habe erscheinen können.

»Von der Bildfläche entfernt«?

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Als Sinnbild für sein Schicksal als Autor in den zwölf Jahren der Nazidiktatur erkor Reimann den Umgang mit seinem Namen als Drehbuchautor der ersten Verfilmung der »Feuerzangenbowle« (1934): »Mein Name ward entfernt. Und so, wie ich auf der Leinwand starb, so ward ich 1933 von der Bildfläche entfernt.« Diese Erzählung vom verfemten, unterdrückten, verfolgten Autor durchzieht Reimanns Memoiren bis zum Schluss. Aber sie entspricht nicht den Tatsachen. Sein Name als Drehbuchautor wurde im Film nicht entfernt. Und auch als Autor verschwand er 1933 keineswegs von der Bildfläche. Die Grundlage für seine Weiterbeschäftigung legte er selbst, indem er sich im Sommer 1933 »vorbehaltlos bereit« erklärte, »jederzeit für das deutsche Schrifttum im Sinne der nationalen Regierung einzutreten«. Ebenfalls im Sommer 1933 wurde er Mitglied der Reichsschrifttumskammer und Mitglied der Reichsfachschaft Film und meldete sich bei der Nationalsozialistischen Betriebszellen-­Organisation an (seit 1942 war er auch Anwärter auf die Parteimitgliedschaft).

All dies wiederum wurde möglich, weil er 1931 – aus allzu berechtigter Sorge vor den Folgen – von einem Vertrag mit seinem Verleger Steegemann über eine Parodie von Hitlers »Mein Kampf« zurückgetreten war. Infolgedessen konnte er nach der »Machtergreifung« seine literarische Tätigkeit ohne jede Unterbrechung fortsetzen, war Mitarbeiter großer Zeitschriften und Kolumnist zahlreicher regio­naler Tageszeitungen, Buchautor und Kleindarsteller.

Die ungebrochene Medienpräsenz Reimanns, der sich vor 1931 als scharfzüngiger Satiriker Feinde bei den Gegnern der Weimarer Republik gemacht hatte, blieb nicht unkommentiert. Ehemalige Gesinnungsgenossen im linken Spektrum verübelten ihm den Pakt mit den neuen Machthabern, verhöhnten ihn als »verlumpt-gleichgeschaltet« und lieferten genüsslich journalistisches Beweismaterial, um ihn als bloßen »Konjunkturnazi« erscheinen zu lassen. Gespiegelt wurde die Erbitterung über den »Renegaten« Reimann durch Angriffe aus dem gegnerischen Lager: Ein Mitarbeiter der NSDAP-Zeitschrift Haken­kreuzbanner bezeichnete ihn verächtlich als »sächsischen Clown aus der Systemzeit«, eine Leserbriefschreiberin erinnerte in den Dresdner Nachrichten an seine Verleumdung des letzten Sachsenkönigs, und ein Journalist des NS-Kuriers erinnerte vorwurfsvoll an Reimanns »frühere periodische Schmähschrift ›Das Stachelschwein‹«. Gleichzeitig wurden die »zuständigen Stellen« zum Handeln aufgefordert.

Die öffentlichen Interventionen führten zwar nie zu einem Arbeitsverbot, reduzierten aber Reimanns Beschäftigungsmöglichkeiten bei Parteiorganisationen. Ende 1934 wandte er sich deshalb »hilfesuchend« an das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Seine Klage über wiederkehrende Angriffe »von allen möglichen Dienststellen der NSDAP« hatte Erfolg. SS-Obersturmbannführer Alfred-Ingemar Berndt, ein enger Mitarbeiter von Joseph Goebbels, teilte Reimann am 2. April 1936 mit: »Ihre Angelegenheit ist nunmehr grundsätzlich bereinigt worden. Einmal hat die Reichsschrifttumskammer und die Abteilung VIII Schrifttum des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda allen deutschen Buchhandlungen mitgeteilt, dass Sie in keiner Weise in Ihrem Schaffen behindert werden dürfen. Darüber hinaus hat der Stellvertreter des Führers am 17. März eine Anordnung Nr. 43/36 an sämtliche Parteidienststellen ergehen lassen, durch die sie vor einer Schädigung durch Parteidienststellen geschützt werden. Ferner sind auch die Reichssender auf diese Entscheidung hingewiesen worden.« Gleichwohl behauptete Reimann in seinen Memoiren, von diesem »Ukas« des Führers erst 1948 erfahren zu haben. Im »dritten Reich« habe er ihm ohnehin »nichts genützt«.

Nichts genützt? Er konnte weiter Bücher veröffentlichen, für Zeitschriften und Zeitungen arbeiten, darunter war der Simplicissimus, das Deutsche Volkstum, der Kladderadatsch und das antisemitische Witzblatt Brennessel, deren fester Mitarbeiter er 1936/37 wurde, und nicht zuletzt das SS-Organ Das Schwarze Korps, das ihn 1935 mit der Schlagzeile begrüßte: »Hans Reimann wieder da!« Der Rundfunk engagierte ihn laufend für heitere Plaudereien und für eine Serie von Kurzhörspielen, seine Bühnenstücke brachten es zwischen 1935 und 1937 auf mehrere Dutzend Aufführungen, die »Kraft-durch-Freude«-Schau »Freut Euch des Lebens« 1936 im Berliner Theater des Volkes auf rund 100 Aufführungen. 1937 schrieb er für die Ufa das Drehbuch zu einer Kurzfilmoper.

Widerstand gegen Reimann regte sich noch einmal, nachdem Anfang 1938 die Dresdner Zigarettenfabrik Delta für ihre Orientzigarette »Atikah Auslese« mit ganzseitigen Anzeigen in großen Tageszeitungen eine Werbeoffensive startete, zu der einige »unserer volkstümlichsten Poeten« Gedichte und populäre Grafiker Porträts der Verfasser beisteuerten. Den Auftakt machte am 26. Februar das Hamburger Tageblatt, Reimanns Porträt stammte von Nils Stenbock. Empört äußerte sich die NSDAP-Kreisleitung Dresden in einem Schreiben an die Gauleitung Sachsen: »Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, war R. als ­Typus des degenerierten System-Journalismus seit der Novemberrevolte der verhätschelte Liebling unserer ehemaligen Judenpresse. Abgesehen von einer Vielzahl übler Machwerke auch hetzerischen Inhaltes ist er in den letzten Jahren vor der Machtübernahme insoweit in weitesten Kreisen bekanntgeworden, als er Namen und Person des ehemaligen Königs von Sachsen in unerhörter Weise durch den Schmutz gezogen hat. Da wir heute nicht die geringste Veranlassung mehr haben, derartige Burschen wieder hochkommen zu lassen, sollte unserer Auffassung nach in diesem Falle ein Exempel statuiert werden, um den R. ein für alle Mal in der Versenkung verschwinden zu lassen.«

Charakterlumpigkeit

Es war nicht das letzte Wort in Sachen Reimann. Aufgrund eines positiven Gutachtens der Reichsschrifttumskammer ordnete das Propagandaministerium Anfang 1939 an, »alle ungerechtfertigten Angriffe gegen die Persönlichkeit Hans Reimanns« seien »zurückzuweisen.« Und so nahm Reimanns künstlerische Produktion auch jetzt kein Ende: Zwischen 1939 und 1942 erschienen sieben Bücher unter seinem Namen, zwei weitere unter Pseudonym. Er war weiterhin als Kolumnist und Theaterautor tätig, trat gelegentlich als Alleinunterhalter auf und schrieb für die Tobis 1939/40 die Drehbücher für eine Komödie und zwei Kurzfilme (in einem dritten wirkte er als Darsteller mit). Auch für den Ufa-Film »Kleiner Mann – ganz groß« (1938), in dem er außerdem eine kleine Nebenrolle übernahm, schrieb er zusammen mit R. A. Stemmle das Drehbuch. 1940 verpflichtete ihn die Terra-Filmkunst für einen Propagandakurzfilm. Die Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters erwähnte Reimann 1939/40 lobend sowohl als Darsteller als auch als Theater- und Drehbuchautor – eine Anerkennung, die er sich durch seine Bereitwilligkeit, den braunen Machthabern zu dienen, fleißig erarbeitet hatte. Wobei durchaus konzediert werden soll, dass dies »gegen seine eigene, bessere Überzeugung« (Reimann) geschah.

Für »Lachendes Feldgrau« (1941), eine Sammlung »heiterer Soldatengeschichten«, steuerte er eine Erinnerung aus seiner Offizierszeit bei: »Galizien war während des Weltkrieges ein Paradies für Juden. Sie hatten alles, sie besorgten alles, sie verkauften alles. An einem bitterkalten Wintertag betrat ich die Teestube Chaim Mandelbaums in Muzylow und erspähte einen Berg duftende Törtchen. ›Was kostet das Stück?‹ fragte ich. ›Achtzehn Pfennig!‹ ›Geben Sie mir drei!‹ ›Nemmen Se vier zu achtzig!‹« In die Erzählung »Die kobaltblaue Tarnkappe« (1942) baute er die Figur des Kaufhausbesitzers Wronker ein, eines jüdischen Wucherers und Betrügers, der »Warenrechnungen durch Hinzumogeln von Nullen fälscht« und Einbrüche fingiert, »um die Versicherungssumme zu ergattern«.

Nichts berechtigte Reimann also, sich in seinen Memoiren zu den Unterdrückten, Verfolgten und Verjagten des Nazisystems zu zählen, das ihm zwölf Jahre lang ein auskömmliches Leben ermöglichte. Und doch behauptete er dort: »1942 ruhte ich auf den Lorbeeren aus, die zu erringen mir seit Ausbruch des Tausendjährigen Reiches versagt war. (...) Meine Stücke werden nicht aufgeführt, meine Bücher unterdrückt; der Film will nichts von mir wissen; Zeitschriften und Zeitungen lehnen meine Beiträge ab.« Auf entsprechende Vorhaltungen hätte er wohl allenfalls mit einem Selbstzitat aus dem Jahr 1935 reagiert: »Das Gedächtnis ist schöpferisch: (...) Das Unbequeme wird hinausgedrängt und weggewischt.«

Anfang 1944 machte Reimann mit einem Aufsatz über »Jüdischen Witz« in Velhagen und Klasings Monatsheften (von ihm als einmalige »Entgleisung« eingestuft) von sich reden. Da hatte, nach Jahren der Schikanierung, Misshandlung, Entrechtung und Vertreibung, längst die letzte Phase der staatlichen Judenverfolgung begonnen: der organisierte Massenmord. Reimanns Abrechnung mit der jüdischen »Neigung zum Übersteigern« schließt mit dem ungeheuerlichen Satz: »Wer seinen Witz dazu missbraucht, nichts ernst zu nehmen, und alles zu verneinen, schaufelt sein eigenes Grab.«

In einem Entnazifizierungsprozess wurde Reimann 1948 als Mitläufer eingestuft und zu einer »Geldsühne« von 200 DM verurteilt. Die Berufungskammer für Oberbayern hielt 1949 gleichwohl fest, dass er sich durch den Artikel »als Anhänger der nationalsozialistischen Rassenlehre bekannte, an der Judenhetze teilnahm und damit die Mitschuld an den Folgen dieser Hetze auf sich nahm«. Die Gründe oder tieferen Ursachen dafür – ob »Opportunismus« oder »Charakterlumpigkeit« – waren nicht Gegenstand des Verfahrens.

Jan-Christoph Hauschild, Jg. 1955, ist Literaturwissenschaftler. Diverse Veröffentlichungen, etwa: »Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven« (Edition Tiamat 2018), »Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit« (Hoffmann und Campe, 2013), »Heiner Müller oder Das Prinzip Zweifel. Eine Biografie« (Aufbau, 2001)

Zum Autor: Jan-Christoph Hauschild

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.09.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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