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Literaturgeschichte

Chronist einer gottverlassenen Welt

Vom Musketier zu einem Weltstar der satirischen Literatur: Erinnerung an Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der vor 350 Jahren starb

Foto: Zoonar/IMAGO
Frontispiz der Erstausgabe von Grimmelshausens »Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch«

Am Montag, den 17. August 1676, sei der »praetor huius loci«, also der »Bürgermeister dieser Ortschaft«, gestorben, trug der Pastor von Renchen nahe des badischen Offenburgs in das Kirchenbuch seiner Pfarrei ein. Er sei ein Mann »sowohl von großer Geisteskraft als auch Gelehrsamkeit« (»et magno ingenio et eruditione«) gewesen, der zuletzt noch wegen des 1676 in seinem Amtsbereich wütenden Kriegs, den der französische König Ludwig XIV. gegen die Vereinigten Niederlande drei Jahre zuvor begonnen hatte, erneut ins Feld ziehen musste. Offenbar tödlich verwundet, verschied der Vater von zehn Kindern, obwohl diese »in alle Richtungen verstreut waren«, im Kreis der noch einmal vollständig zusammengekommenen Familie, wohl versehen mit den Sterbesakramenten.

Vielleicht ahnte der Pastor – oder wusste es sogar, immerhin hob er neben der »Ehrbarkeit« vor allem das »ingenium« und die »eruditio« des Verstorbenen hervor –, wem er kurz zuvor das letzte Abendmahl gespendet hatte: dem bedeutendsten deutschsprachigen Romandichter des 17. Jahrhunderts, wie ihn übereinstimmend Literaturhistoriker jeglicher Couleur nannten und nennen. Vielleicht war der Pastor in den letzten Jahren sogar ein wichtiger Gesprächspartner des verstorbenen Schriftstellers gewesen? Gebildete Pfarrer, die Bücher sammeln und verleihen, kommen »auffällig häufig« (Dieter Breuer) im Œuvre des Hingeschiedenen vor.

Vom Krieg in die Kanzlei

Es war allerdings dem im hessischen Gelnhausen rund fünfeinhalb Jahrzehnte vorher geborenen Hans Jakob Christoffel (von) Grimmelshausen keineswegs in die Wiege gelegt worden, der wahrscheinlich bekannteste und jedenfalls bis heute meistgelesene deutschsprachige Romancier der Frühen Neuzeit zu werden.

Er war der Sohn eines Bäckers, der seinerseits der Sohn eines Bäckers und Gastwirts war. Doch Vorsicht: Die Ständeordnung war in der Frühen Neuzeit mitnichten so stabil, wie manche glauben. Im 15. Jahrhundert waren die Grimmelshausens noch ein thüringisches Ministerialiengeschlecht; der Großvater Melchior Christoffel legte aber 1597 seinen Adelstitel »von« Grimmelshausen ab und engagierte sich 1613 als Anführer einer selbstbewussten Bürgerschaft gegen ein pflichtvergessenes Patriziat.

Wenig später wurde Hans Jakob geboren. Wir wissen nicht, wann. Denn es gibt keine Urkunden aus der Jugend des Schriftstellers. Einer vermutlich autobiographischen Bemerkung im »Ewig-­währenden Calender« (1670) lässt sich aber entnehmen, dass Grimmelshausen Anfang 1639 in seinem »sibenzehenden jährigen Alter« war, das heißt, er wurde vermutlich im Jahr 1622 geboren. Aufgewachsen ist er bei seinem rebellischen Großvater, weil die Mutter sich als junge Witwe 1627 nach Frankfurt absetzte.

1633 lebte Hans Jakob als »Schul-Knab« noch in Gelnhausen. »Anno 1635. wurde ich in Knabenweiß von den Hessen gefangen und nach Cassel geführt.« Gustav Könnecke hat diese Bemerkung in den 1920er Jahren mit historischen Dokumenten abgeglichen; demnach wurden 1634 in Hanau aus der Umgebung stammende Kinder von einer kroatischen Truppe entführt, von hessischen Soldaten jedoch 1635 »befreit« bzw. übernommen und weitergereicht.

Seit seinem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr war Grimmelshausen also Soldat; zunächst Trossjunge, seit 1638 »Mußquedirer« in dem Regiment des Freiherrn Hans Reinhard von Schauenburg, das seit 1639 die Stadt Offenburg verteidigte. Angeblich habe er in dieser Zeit schon angefangen, an dem Roman zu schreiben, der ihn zu einem Autor von Weltgeltung machen würde; doch ist das eine nicht weiter belegbare Behauptung, die Grimmelshausen dreißig Jahre später machte.

Tatsächlich begann er seine »Schriftstellerlaufbahn« 1643 sehr prosaisch als Schreiber in der Regimentskanzlei mit dem Kopieren von militärischen Lageberichten für den Kriegsherren, den bayerischen Kurfürsten Maximilian I. In der Kanzlei machte Grimmelshausen rasch Karriere; während des Feldzugs gegen die in Bayern operierenden Schweden und Franzosen amtete er 1648/49 als Sekretär des von dem Freiherrn von Elter geführten Regiments.

Eine »verkehrte Welt«

Nach dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück und seiner Abdankung kehrte der von nun an den von seinem Großvater abgelegten Adelstitel wieder führende Hans Jacob Christoffel »von Grimmelshausen« nach Offenburg zurück und heiratete am 30. Juni 1649 Catharina Henninger, die Tochter eines Wachtmeisters des Schauenburgischen Regiments, der nach dem Krieg als vermögender Ratsherr in Zabern wirkte.

Sein früherer Vorgesetzter, der Freiherr von Schauenburg, erinnerte sich des begabten Musketiers und Kanzleischreibers und stellte ihn 1649 als »Schaffner«, das heißt als Verwalter, der adligen Familiengüter in Gaisbach bei Oberkirch ein. Dort blieb er elf Jahre, während der seine ersten sieben Kinder geboren wurden; nebenbei betrieb Grimmelshausen in Gaisbach 1656 bis 1658 auch eine Gastwirtschaft. 1662 erhielt er den Posten des Vogts auf der Ullenburg des reichen Straßburger Arztes Johannes Küffer. In den zwei Jahren 1665 bis 1667, in denen er abermals nicht im Dienst der Obrigkeit stand, war er wieder Gastwirt in Gaisbach – im »Silbernen Stern« kann man heute noch einkehren (www.silberner-stern.de) – und debütierte als Schriftsteller mit den Büchern »Des Vortrefflich Keuschen Josephs in Egypten Erbauliche / recht ausführliche vnd viel=vermehrte Lebensbeschreibung« (1666) und »Satyrischer Pilgram« (Teil I, 1666; vollständig 1667).

1667 erhielt er die Stelle eines Schultheißen von Renchen, wobei hier die Bürgschaft seines reichen Schwiegervaters ausschlaggebend war. Als Schultheiß war es seine Aufgabe, die niedere Gerichtsbarkeit zu pflegen und die Ortspolizeigewalt auszuüben, Abgaben einzutreiben sowie als Mittler zwischen Herrschaft und Untertanen zu fungieren. Unterstellt war er dem Straßburger Fürstbischof Franz Egon von Fürstenberg, der als Parteigänger des französischen Königs während des französisch-niederländischen Kriegs 1673 die Eröffnung eines neuen Kriegsschauplatzes am Oberrhein billigte, den Krieg also in den Ortenaukreis holte, was den Schultheiß von Renchen als Befehlsempfänger des Bischofs sowie Schutzherrn der örtlichen Bevölkerung in Gewissenskonflikte stürzte und, wie gesagt, 1676 das Leben kostete.

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Dass Grimmelshausen unter den geschilderten Lebensumständen zu einem erfolgreichen Schriftsteller wurde, grenzt an ein Wunder. Der Krieg betrog ihn um eine gelehrte Ausbildung, wie sie anderen Autoren des Jahrhunderts zwischen dem zwölften und siebenundzwanzigsten Lebensjahr zuteil wurde. Dafür allerdings »erwarb er einzigartige Kenntnisse der sozialen Verhältnisse der deutschen Gesellschaft im Kriege, die den meisten Gelehrten seiner Zeit abgingen« (Dieter Breuer).

In seinem »Ewig-währenden Calender« (1670) erwähnt er ein Schlüsselerlebnis, das er als siebzehnjähriger »Mußquedirer« hatte. In der Kunkelstube eines württembergischen Dorfs – einem Raum, in dem die Frauen Garn spinnen und wo man sich zum Erzählen trifft –, entdeckt er ein illustriertes Flugblatt, das eine »verkehrte Welt« schildert. Der Ich-Erzähler begeisterte sich für »die artliche Invention deß Authors in dem mich bedunckte die verkehrte Welt könt sinnreicher kürtzer und besser nicht abgemahlet werden / als sie uff selbigem Brieff entworffen war«. Plötzlich sei ihm bewusst geworden, dass er selbst mitten in einer »verkehrten Welt« lebe und handle. »Derowegen setzte ich mir vor / ich wollte alle dergleichen Posten so die verkehrte Welt verfügen würde / hinfüro genaw beobachten; umb mich darauß zubessern und meinen wenigen Verstand zu schärpffen; Jch gedachte / es würde auch ohne diesen Nutzen sonderbahre Ergetzungen setzen / wann ich nemblich hierdurch ein und andere Thorheiten der Welt desto klärer sehen (…) könnte.«

Unerhörte Grausamkeiten

Genaue Beobachtung zur Erkenntnis des Selbst und der Welt, die in scharfsinniger und ergötzlicher Weise für alle andern geschildert werden soll: Das ist das Programm des Erzählers Grimmelshausen, der nach diesem Erlebnis jedoch noch ein Vierteljahrhundert intensives Selbststudium mit unablässiger Lektüre benötigte, um dann in nur zehn Jahren ein literarisches Werk von fast dreitausend Druckseiten zu publizieren, das seinesgleichen sucht.

Weil er »im Krieg uffgewachsen / und allda wie ein anderer grober Esel keine Wissenschafften / gefast habe«, mangele es ihm wahrscheinlich an der Fähigkeit, »Bücher zu schreiben«, was »niemand leider« sei als ihm selbst, wo doch die Bücher die einzige »Freud in der Welt« wären, überlegte er sich. Doch nachdem er als Autodidakt mit Hilfe befreundeter Herren und Pastoren sein Manko überwunden hatte, fing er doch noch an, Bücher zu schreiben.

Er schrieb über den vermaledeiten Krieg, und er schrieb gegen den Krieg; nicht zuletzt, weil siebzehn Jahre nach dem Ende des dreißigjährigen »Teutschen Kriegs« schon wieder »so ein Hauffen junger Schnautzhahnen uffgewachsen« sei, »die nur deßwegen gern einen Krieg sehen / weil sie nit wissen was Krieg ist«; also müsse er »ihnen ein wenig etwas zum besten thuen / damit wan sie etwan (so doch der getreue Gott langfristlich verhüten wolle /) ihren Närrischen Wundsch erlangen / sie sich beyzeit darauff gefast gemacht haben.«

Aber moralische Traktate à la Erasmus von Rotterdam mochte er gegen den Krieg nicht schreiben. Um zu lernen, was der »Krieg vor ein erschreckliches und grausames Monstrum seye«, müsse dieser in einer lebendigeren Weise »abgemahlet« oder geschildert werden: »Mein Simplicissimus wird dem günstigen Leser mit einer andern und zwar lustigern Manier viel Particularitäten von ihm erzehlen«, kündigte er am Schluss seiner moraldidaktischen Essaysammlung »Satyrischer Pilgram« an.

»Mein Simplicissimus«: Das ist der (Anti-)Held des großen Romanzyklus’, den Grimmelshausen mit der Publikation seines bekanntesten Buchs, des »Simplicissimus Teutsch«, 1668 begann und mit der Publikation des zweiten Teils des »Wunderbarlichen Vogelnests« 1675 abschloss.

Gleich zu Beginn des Romans bricht der Krieg über die Bauernfamilie herein, in der der Ich-Erzähler als Knabe lebt. Ein Trupp Reiter – woher sie kommen, wer sie sind, ist für die Betroffenen immer egal – überfällt den Hof und verübt »abscheuliche und ganz unerhörte Grausamkeiten«. Naiv, wie er ist, meint der Ich-Erzähler, dass »solche Ubel von der Güte deß Allerhöchsten / zu unserm Nutz / offt notwendig haben verhängt werden müssen: Dann lieber Leser / wer hätte mir gesagt / daß ein GOtt im Himmel wäre / wann keine Krieger meines Knans Hauß zernichtet / und mich durch solche Fahung unter die Leut gezwungen hätten / von denen ich genugsamen Bericht empfangen?«

»Das erste / das diese Reuter thäten / war / daß sie ihre Pferde einstelleten / hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten / deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte / dann ob zwar etliche anfiengen zu metzgen / zu sieden und zu braten / daß es sahe / als solte ein lustig Panquet gehalten werden / so waren hingegen andere / die durch-stürmten das Hauß unden und oben (…); Andere machten von Tuch / Kleidungen und allerley Haußrath / grosse Päck zusammen / als ob sie irgends ein Krempelmarckt anrichten wollten / was sie aber nicht mit zu nehmen gedachten / wurde zerschlagen (…); Andere schlugen Ofen und Fenster ein / gleichsam als hätten sie ein ewigen Sommer zu verkündigen / Kupffer und Zinnengeschirr schlugen sie zusammen / und packten die gebogene und verderbte Stuck ein / Bettladen / Tisch / Stül und Bänck verbrannten sie / da doch viel Claffter dürr Holtz im Hof lag / Häfen und Schüsseln mußte endlich alles entzwey / entweder weil sie lieber Gebraten assen / oder weil sie bedacht waren, nur ein einzige Mahlzeit allda zu halten / unser Magd ward im Stall dermassen tractirt / daß sie nicht mehr darauß gehen konnte / (…) den Knecht legten sie gebunden auff die Erde / stecketen ihm ein Sperrholtz ins Maul / und schütteten ihm einen Melckkübel voll garstig Mistlachen-wasser in Leib / das nenneten sie ein Schwedischen Trunck / wordurch sie ihn zwungen / eine Parthey anderwerts zu führen / allda sie Menschen und Viehe hinweg namen / und in unsern Hof brachten / unter welchen mein Knan / mein Meüder / und unser Ursele auch waren. / Da fieng man erst an / die Steine von den Pistolen / und hingegen an deren statt der Bauren Daumen aufzuschrauben / und die arme Schelmen so zufoltern / als wann man hätt Hexen brennen wollen / massen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Bachofen steckten / und mit Feuer hinder ihm her warn / ohnangesehen er noch nichts bekennt hatte; einem andern machten sie ein Sail umb den Kopff / und raittelten es mit einem Bengel zusammen / daß ihm das Blut zu Mund / Nas und Ohren herauß sprang. Jn Summa / es hatte jeder sein eigne invention, die Bauren zu peinigen / und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter: Allein mein Knan war meinem damaligen Beduncken nach der glückseeligste / weil er mit lachendem Mund bekennete / was andere mit Schmertzen und jämmerlicher Weheklag sagen musten / und solche Ehre widerfuhr ihm ohne Zweiffel darumb / weil er der Haußvatter war / dann sie setzten ihn zu einem Feuer / banden ihn / daß er weder Händ noch Füße regen konnte / und rieben seine Fußsolen mit angefeuchtem Saltz / welches ihm unser alte Geiß wieder ablecken / und dardurch also kützeln muste / daß er vor lachen hätte zerbersten mögen; das kam so artlich / daß ich Gesellschafft halber/ oder weil ichs nicht besser verstunde / von Hertzen mitlachen muste (…). Von den gefangenen Weibern / Mägden und Töchtern / weiß ich sonderlich nichts zu sagen / weil mich die Krieger nicht zusehen liessen / wie sie mit ihnen umbgiengen: Das weiß ich noch wol / daß man theils hin und wider in den Winckeln erbärmlich schreyen hörte / schätze wol / es sey meiner Meüder und unserm Ursele nit besser gangen / als den andern. Mitten in diesem Elend wendet ich Braten / und halff Nachmittag die Pferd träncken / durch welches Mittel ich zu unserer Magd in Stall kam / welche wunderwercklich zerstrobelt außsahe / ich kennete sie nicht / sie aber sprach zu mir mit kräncklichter Stimm: O Bub lauff weg / sonst werden dich die Reuter mit nemmen / guck daß du davon kommst / du sihest wol / wie es so übel: mehrers konte sie nicht sagen.«

Satirische Rundumschau

Der Knabe entkommt zu einem Eremiten, der ihn christlich erzieht. Nach dessen Tod führt ihn sein Lebenslauf »durch die verschiedensten Stationen barocker Lebenswirklichkeit« (Peter Brenner): Simplicius wird zu einem Narren, wird von Kroaten entführt, nimmt als »Jäger« am Kriegsgeschehen teil, gewinnt in Paris die Gunst der Frauen, erkrankt und gesundet wieder. Nachdem er als Soldat, Kaufmann, Bauer und Pilger durch die Welt strich und nirgendwo die Ideale des Eremiten, seines Erziehers, wiederfand, sagt er am Ende des fünften Buchs dieser Welt »Adjeu« und zieht sich selbst als Einsiedler in den Schwarzwald zurück.

Das Auf und Ab dieses Lebenslaufes entspricht der frühneuzeitlichen Idee, dass die Welt von der launischen Fortuna beherrscht sei. Die Schilderung des Lebenswegs wird zu einer satirischen Rundumschau genutzt. Der Roman zeigt, dass das Vertrauen in eine göttliche Ordnung der Welt verloren ging, ja dass diese recht eigentlich gottverlassen ist; und »das Leben so du uns gibst / ist ein elende Pilgerfahrt / ein unbeständigs / ungewisses / hartes / rauhes / hinflüchtiges und unreines Leben / voll Armseeligkeit und Jrrthumb«.

Der Irrtum ist die Basis der erzählten Welt in den »Simplicianischen Schrifften«, wie Grimmelshausen seinen Romanzyklus aus zehn Büchern 1675 zusammenfassend nannte. Nach den fünf Büchern des ersten Bands »Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch« von 1668 publizierte der Autor 1669 eine »Continuatio« (sechstes Buch), 1670 den »Trutz Simplex« (siebtes Buch), ebenfalls 1670 den »Seltzamen Springinsfeld« (achtes Buch), 1672 den ersten Teil des »Wunderbarlichen Vogel-Nests« (neuntes Buch) und 1675 den zweiten Teil des »Wunderbarlichen Vogel-Nests« (zehntes Buch). Alle zehn Bücher würden »aneinander« hängen und könnten nur als »Zusammenfügung genugsam verstanden werden«, so der Autor; denn die Bücher kommentieren und relativieren sich alle gegenseitig, und nur so können sie der vielschichtigen Wirklichkeit vollständig gerecht werden.

Der Irrtum basiert alle diese Erzählungen, weil sie konsequent individualisiert sind. Die »Helden« der Erzählungen erleben und betrachten die Welt nur und notwendig aus ihrer begrenzten Perspektive. Es gibt keine Erzählstimme, die über dem Berichteten stünde und dieses etwa einordnen könnte. Das gesamte Personal dieser unseligen Welt ist im Wahn der je eigenen Herkunft und Erfahrung befangen. Doch »der wahn betreügt«, lautet das Motto und der Refrain all dieser Erzählungen – und steht auf jedem der 18 Bilder, die die Handlung der fünften Ausgabe des »Simplicissimus Teutsch« von 1671 illustrieren. Der Wahn umfängt aber auch die Lesenden: Jede und jeder »sieht und liest nur das, was ihn betrifft«; die »Wahnbefangenheit bzw. die perspektivische Gebundenheit« auch der Lesenden sei für Grimmelshausen »nicht aufhebbar« gewesen, »moralische Belehrung« daher »zwecklos«, Identifikation mit den »Helden« nur »sehr bedingt« möglich (Dieter Breuer).

Die zehn Bücher »Simplicianischer Schrifften« sind der bleibende Kern des Œuvres von Grimmelshausen. Er hatte zwar schon eine Idee davon, wie die Herrschaft des Geldes im damals bereits aufkeimenden Kapitalismus die Welt pervertieren würde – davon zeugt die 1672 publizierte Schrift »Rathstübel Plutonis«, in der die Protagonistinnen und Protagonisten der »Simplicianischen Schrifften« unter Einschluss damals stigmatisierter »Juden« und »Zigeuner« einen freimütigen, vielleicht sogar fast herrschaftsfreien Diskurs über die »Kunst reich zu werden« führen –, doch der Idee, seinen »Simplicissimus«-Roman zu einem Romanzyklus auszubauen, liegt keine kommerzielle Erwägung zugrunde. Vielmehr wollte Grimmelshausen seinem Erzählprojekt einen Multiperspektivismus verleihen, den eine einzelne Ich-Erzählung nicht hervorbringen konnte.

Die Bücher 7 bis 10 der »Simplicianischen Schrifften« sind »Sproßgeschichten«, wie die Germanistik das früher genannt hat. Im »Seltzamen Springinsfeld« tritt eine Nebenfigur aus dem dritten Buch des »Simplicissimus Teutsch« ins Zentrum der Erzählung. Sowohl der Invalide Springinsfeld als auch der Erzähler Philarchus hatten im übrigen eine Beziehung mit der »Landstörtzerin« Courasche, die im fünften Buch des »Simplicissimus Teutsch« eine Rolle spielt. Grimmelshausen realisierte Multiperspektivität also dadurch, dass er bestimmten Figuren des ersten Romans in einem Folgeroman eine eigene Stimme verlieh.

Stereotype entlarven

Besonders plakativ gestaltete Grimmelshausen diese Eigenstimmigkeit im »Trutz Simplex«: Das ist die Gegenschrift der Libuschka, genannt Courage oder Courasche, die sich durch die Darstellung ihrer Beziehung mit dem Protagonisten im fünften Buch des »Simplicissimus Teutsch« verleumdet fühlt. Nicht er habe sie, vielmehr habe sie ihn reingelegt!

Libuschka schont sich in ihrer »Lebens-Beschreibung« nicht. Sie ist und bleibt eine »Ertzbetrügerin«, deren »Lebens-Lauff« ein unaufhaltsamer Abstieg aber nur zu sein scheint. Sie ist Grimmelshausens eigenwilligste Figur: gierig, gottlos und unbelehrbar, aber auch bewundernswert in ihrer Klugheit, Selbständigkeit und dem unbedingten Drang nach Freiheit, der sie vor allem eines verachten ließ: jegliche Unterordnung, und am meisten die unter den Willen irgendeines Mannes.

Noch dreihundert Jahre später schwärmte Hans Magnus Enzensberger für sie: »Mit allen Mitteln schlägt sie sich durch die barbarische Landschaft der Epoche, spart weder ihre Schönheit noch ihren Witz, nimmt Betrug und Hexerei zu Hilfe, wenn es sein muß, und ist durch kein Unglück zu brechen. Ihre Rivalen, ihre Feinde, ihre Liebhaber steckt sie schließlich allesamt in den Sack, sogar den Simplicius. (…) Sie ist unbußfertig bis in den Tod und läßt sich keine ihrer Taten gereuen. Ihrer Jungfernschaft weint sie keine Träne nach, alle Verluste kann sie verschmerzen, nur nicht den ihrer anarchischen Freiheit (…). Ihr Geheimnis, ihr Triumph ist, daß sie sich nicht fangen läßt: das macht sie, all ihrer Untaten nicht geachtet, liebenswürdig, ja unwiderstehlich für immer.«

Courasches Erzählung ist die selbstredende Widerlegung des stereotypen Frauenbilds des »Helden« im ersten Teil der »Simplicianischen Schrifften«; und sie ist das beste Beispiel für die alle Stereotype entlarvende Erzählweise ihres Autors, der nichts bloß behauptet, sondern alles in actu vorführt, um die oder eine Wahrheit aufscheinen zu lassen; oder wenigstens etwas, »was der wahrheit ähnlich ist«, wie es vorsichtig genug in der verschlüsselten poetologischen Botschaft im 9. Kapitel der »Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi« heißt.

Grimmelshausen zu lesen ist auch heute noch ein spannendes Abenteuer. Als Thomas Mann sich 1944 während der Arbeit am »Doktor Faustus« den »Simplicissimus Teutsch« noch einmal vornahm, um sich für die Beschreibung des Untergangs deutscher Kultur im Zweiten Weltkrieg zu wappnen, war er begeistert von dessen »unwillkürlicher Großartigkeit«; das Buch sei »bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du«. Dies auch zu erleben, greife man am besten zu der zweibändigen Ausgabe der »Simplicianischen Schrifften«, herausgegeben von Dieter Breuer, erschienen 2005 bzw. 2007 als Bände 2 und 21 der Reihe »Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch«. Wem aber die originale Sprache zu mühsam zu lesen ist, dem sei die Übertragung des Zyklus aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts in das Deutsch der Gegenwart empfohlen, die Reinhard Kaiser in drei Bänden 2009, 2010 und 2012 in der »Anderen Bibliothek« (Bände 296, 310 und 328) vorlegte. In derselben Reihe (Band 323) erschien 2011 übrigens die vorzügliche Biographie des Autors aus der Feder von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz: »Grimmelshausen. Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor«.

Arnd Beise ist Professor für Germanistik an der schweizerischen Universität Freiburg. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 24./25. Januar 2026 über E. T. A. Hoffmann, anlässlich dessen 250. Geburtstags: »Am Ende ein Klassiker«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 12, Thema

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