-
1 Leserbrief
- → Thema
»Man stirbt für Industrielle«
Wie bleibt man im kollektiven Wahnsinn bei Verstand? Über Michel Cordays Medien- und Kriegskritik 1914–1918
»Ach, ich fange schon wieder an zu ›schwurbeln‹!« Schwurbeln – ein Reizwort. Aber dieser Satz stammt nicht aus der Pandemie, sondern aus dem Jahr 1918. Strenggenommen wurde er 1923 veröffentlicht, in einem fiktiven Tagebuch, an einer Stelle, die auf den 17. März 1918 datiert ist. Und genau genommen steht dort nicht »schwurbeln«. Das Buch wurde auf französisch verfasst, und im Wortlaut steht dort ein Verb, das damals kein Wörterbuch verzeichnete und das bis heute in keines Eingang gefunden hat: »huronner«, wörtlich: »huronisieren«, abgeleitet von den Huronen, dem indigenen Stamm an der nordamerikanischen Ostküste. Eine zeitgenössische Übersetzung des Romans hätte als Titel vielleicht »Tagebuch einer Hottentottin« gewählt – oder freier: einer Wilden, einer Ungezähmten, einer Uneinsichtigen –, aber ihr hätte das Wort »schwurbeln« zur Verfügung gestanden. Der einschlägige Band IX des Grimmschen Wörterbuchs aus dem Jahr 1899 verzeichnete als eine seiner Bedeutungen: »dummes Zeug durcheinander reden«. Der Pandemie verdanken wir die Einsicht, dass diese Übersetzung eine geeignete wäre.
Eine Übersetzung des Werks ist freilich nicht in Sicht. Auch in Frankreich sind das Buch und sein Verfasser in Vergessenheit geraten. Und wer weiß, das Buch wäre vielleicht gänzlich aus der Geschichte gefallen, wenn es nicht eine kleine, indirekte Spur hinterlassen hätte, der man folgen muss.
Für mich begann diese Geschichte vor einem Jahr, als mir in der Warteschlange vor einer bretonischen Bäckerei ein Aktivist der trotzkistischen Partei Lutte Ouvrière mit wachem, freundlichem Blick einen Flugzettel in die Hand drückte: »Man stirbt nicht fürs Vaterland, man stirbt für Industrielle!« Als Autor des Ausspruchs wurde Anatole France genannt. Mich elektrisierte der Satz, weil ich für den Folgemonat vollmundig an der Sciences Po ein Seminar über Pazifismus angekündigt hatte und mit der Literaturrecherche knapp dran war.
Tragische Unwissenheit
Das Zitat von France hat sich im kollektiven Gedächtnis gehalten. Eine kurze Recherche offenbart seinen Ursprung. Das Zitat ist authentisch und bildete die Überschrift eines Artikels, der am 18. Juli 1922 auf der Titelseite der Humanité erschien. Reichlich überraschend für die Seite eins einer Zeitung handelt es sich um die Rezension eines literarischen Werks – »Tagebuch einer Huronin«, Band eins: »Die Hochöfen«, von einem gewissen Michel Corday.
Lassen wir den prominenten Fürsprecher selbst zu Wort kommen. 1914 hatte France noch geglaubt, seine Überzeugungen der Pflicht zur Landesverteidigung unterordnen zu müssen, und wollte sich mit 71 Jahren freiwillig zum Militärdienst melden. Über den langen Krieg wuchs die Skepsis, und 1922 finden wir ihn genesen wieder. Der Hochbetagte schrieb also an den Herausgeber der Humanité, Marcel Cachin, folgenden Brief:
»Ich bitte Sie, Ihre Leser auf das kürzlich erschienene Buch von Michel Corday hinzuweisen, das man zur Kenntnis nehmen sollte: ›Die Hochöfen‹.
Darin finden sich Ansichten über den Ursprung und den Verlauf des Krieges, die Sie teilen werden, die aber in Frankreich noch zuwenig bekannt sind. Insbesondere entnimmt man dem Buch, dass der Weltkrieg – wie wir es im Grunde schon ahnten – im wesentlichen das Werk reicher Personen war, dass es zuvörderst die Industriebarone verschiedener europäischer Länder waren, die diesen Krieg wollten, ihn notwendig machten, ihn ins Werk setzten und in die Länge zogen. Sie machten ihn zu ihrer Sache, investierten ihr Vermögen, zogen immense Profite aus ihm und gaben sich ihm mit solcher Inbrunst hin, dass sie ganz Europa darüber in Schutt und Asche legten, sich selbst ruinierten und die Welt in Trümmer schlugen.
Hören Sie, was Corday zu dieser Frage sagt, die er mit der ganzen Kraft seiner Überzeugung und der Stärke seines Talents behandelt:
›Jene Männer, sie ähneln ihren Hochöfen, die sich Wehrtürmen gleich entlang der Grenzen gegenüberstehen, und deren nimmersatte Bäuche tags wie nachts unaufhörlich mit Erz und Kohle gefüttert werden müssen, auf dass das flüssige Metall beständig aus ihnen ströme. Auch diese Männer verlangen in ihrem unersättlichen Appetit, dass ohne Unterlass, zu Kriegs- wie Friedenszeiten, aller Reichtum des Bodens, sämtliche Früchte der Arbeit und auch die Menschen – ja sogar die Menschen selbst, in Herden, in Reih und Glied –, dass all dies miteinander vermanscht in die offenen Mäuler der lodernden Hochöfen geworfen wird, damit sich zu ihren Füßen Blöcke gegossenen Stahls aufhäufen, immer mehr und mehr und nichts andres als Blöcke gegossenen Stahls. (…) Ja, sie sind ihr Wahrzeichen, ihr beredtes Wappen, das uns ihr Konterfei zeigt. Sie selbst sind die wahren Hochöfen!‹
Alle, die in diesem Krieg gestorben sind, wussten mithin nicht, aus welchem Grund sie starben. So ist es in allen Kriegen. Aber nicht im selben Ausmaß. Jene, die in Jemmapes¹ fielen, täuschten sich nicht derartig über die Sache, der sie sich hingaben. Diesmal ist die Unwissenheit der Opfer tragisch. Man glaubt, fürs Vaterland zu sterben – man stirbt für Industrielle.«
Für diese flammende Fürrede auf der Titelseite einer kommunistischen Zeitschrift war Michel Corday nicht vorausbestimmt gewesen. Geboren wird er 1869 unter dem bürgerlichen Namen Louis-Édouard Pollet. Er absolviert die elitäre, dem Militär unterstehende École Polytechnique und im Anschluss die Artillerie- und Pionierschule in Fontainebleau, um die Offizierslaufbahn einzuschlagen. 1894 erscheint ein erster Roman unter dem Pseudonym Michel Corday – eine Hommage an seine Vorfahrin, die Marat-Attentäterin Charlotte Corday. 1895 verlässt Corday die Armee und versucht sich als freier Schriftsteller.
Seine frühen Werke, die in der Belle Époque Zuspruch finden, handeln vom Armeemilieu und vom Garnisonsleben. Doch macht sich darin bald eine eigene, durchaus ungewöhnliche Stimme geltend. In der Tradition des »physiologischen Romans« wendet sich Corday verblüffend konkreten Gegenwartsfragen zu, die um Technik, Medizin, Sexualität und Hygiene kreisen: Wie verändern Automobil und Flugzeug das Leben, die Liebe, die Geschlechterrollen? Welche Folgen haben Verhütungsmittel für Ehe und Moral? Auffällig ist das Interesse Cordays an Pathologien und Randphänomenen wie den »Halbverrückten«, wie einer seiner Romane heißt.
Corday wird zu einem »Écrivain à thèse«, einem »Thesenautor«: Seine Romane sind Versuchsanordnungen, in denen wissenschaftliche und gesellschaftliche Probleme an einzelnen Lebensläufen durchgespielt werden. Corday tritt als Moralist und Reformdenker hervor: für sexuelle Aufklärung und selbstbestimmte Mutterschaft, gegen die Zwänge einer überkommenen Ehe- und Sexualmoral. Er verkörpert in auffallend ungebrochener und philosophisch relativ unbekümmerter Form den rationalistisch-laizistischen Reformoptimismus der Dritten Republik, die fest an menschlichen Fortschritt durch Wissenschaft, Technik und vernünftige Lebensführung glaubt. Wie bei vielen anderen verbindet sich dies bei Corday mit einer sozialistischen, internationalistischen und pazifistischen Grundhaltung. Zur selben Zeit gewinnt in einem katholischen, nationalistischen und antirepublikanischen Milieu eine breite Reaktion gegen Positivismus und Szientismus an Boden, die vom philosophischen Spiritualismus und dem ästhetisierenden »Renouveau catholique« bis zu esoterischen Strömungen reicht. In der Dreyfus-Affäre tritt der Gegensatz der sprichwörtlichen »deux Frances« mit besonderer Schärfe hervor.
Literarischer Befreiungsschlag
Die Lektüre der Thesenromane Cordays ist zwiespältig. In zeitgenössischen Rezensionen wird Corday als meisterlicher Autor »nüchterner, prägnanter, rasanter und pointierter Romane« und als begabter Philosoph, Soziologe und Psychologe gelobt. Aber es entgeht den Rezensenten nicht, dass die pädagogische Absicht der Romane mitunter allzu sichtbar wird, ja ihr Autor sich bisweilen dazu hinreißen lässt, sie auszusprechen, so als ob er dem eigenen literarischen Medium nicht traute.
Das Jahr 1914 gibt Cordays biographisch-literarischem Pfad eine neue Wendung. Corday tritt als ranghoher Beamter in den Staatsdienst, was ihm dank seiner Netzwerke aus Studienzeiten leichtgefallen sein dürfte – mit dem Ministerpräsidenten Aristide Briand ist er eng bekannt. Vermutlich hat allem Erfolg zum Trotz das Einkommen als Literat nicht gereicht, um eine Familie zu ernähren. Aber die Folgen sind dramatisch: Plötzlich findet sich Corday als glühender Kriegsgegner im Apparat eines kriegführenden Staates wieder. Romane und Filme blicken gern durch eine Figur aus der »zweiten Reihe« hinter die Kulissen der Macht: nah genug dran, um eingeweiht zu sein, fern genug, um nicht verantwortlich zu sein. Corday war diese Person, die andere erfinden mussten.
Veröffentlichen wird er in den Kriegsjahren und den ersten Jahren danach, abgesehen von zwei, drei kleinen Erzählungen, nichts. Erst in den Jahren 1922/23 folgt mit den beiden Bänden des »Tagebuchs einer Huronin« der Befreiungsschlag, den Anatole France in einen wahren Donnerschlag verwandelte und dessen Echo wir heute noch grollen hören können. Die »Huronin« Madame Ciboure ist die Gattin eines Stahlmagnaten, die den Irrsinn des Ersten Weltkriegs nicht akzeptieren will. Das Tagebuch endet mit dem nüchternen Hinweis auf ihren kaum kaschierten Suizid. Sie zerbricht am Schmerz über den Tod ihres Sohnes, der an einem der letzten Tage des Ersten Weltkriegs fällt, als dessen Ausgang schon längst entschieden ist.
Der Roman ist »ganz Corday«. Im Zentrum steht eine klare »Thèse«, die France im Titel seiner Rezension treffend aussprach. Die Huronin muss erkennen, dass ihr Gatte nicht nur ein Kriegsgewinnler ist, sondern damit zu einer Kaste gehört, die den Krieg aktiv vorantrieb, verlängerte, ja vielleicht sogar wollte und provozierte. Wie so oft ist die Protagonistin eine klare – vielleicht zu klare – Fürsprecherin des Autors. Interessant ist ihre ungewählte Außenseiterrolle. Abgesehen von dem sporadischen Austausch mit einem fernen Freund ist sie in ihren Ansichten und ihrer Fassungslosigkeit vollkommen isoliert – die Schwurblerin. Auch der literarische Coup am Schluss des Romans lässt einen ratlos zurück: zu durchsichtig, von zu langer Hand vorbereitet, um noch überraschen zu können – und dennoch wahrhaftig. Hat es denn nicht wirklich diese letzten Kriegstoten gegeben, an denen sich der Irrsinn noch einmal gesteigert offenbart?
Eine Tiefendimension des Romans enthüllte sich zehn Jahre später. 1932 veröffentlichte Corday, ermuntert, wie es im Vorwort heißt, durch den Zuspruch von H. G. Wells, unter dem Titel »L’Envers de la guerre« seine eigenen Kriegstagebücher, die sichtlich die Vorlage des Romans bildeten. Die »Kehrseite«, von der im Titel die Rede ist, meint nicht die Greuel an der Front. Diese mussten nicht mehr enthüllt werden. »The Paris Front« lautete der suggestive Titel der schon 1933 folgenden US-amerikanischen Übersetzung. Die New York Times besprach das Buch enthusiastisch: »Der letzte, fehlende Pinselstrich an dem großen Gemälde des Krieges, wie es Remarque, Arnold Zweig, Barbusse, Robert Graves, Siegfried Sassoon und Ernest Hemingway gezeichnet haben.«²
Aber auch »Paris Front« trifft es nicht genau. Das Tagebuch dokumentiert nicht nur die Pariser Vergnügungssucht der Kriegsgewinnler, die nur 70 Kilometer hinter der Front ihren neuen Reichtum genießen. Corday kommt immer wieder auf das Leid abseits davon zu sprechen. »Ein Kind, das seine Eltern verloren hat, nennt man Waise. Wie nennt man Eltern, die ihr Kind verloren haben?« fragt Corday angesichts eines millionenfachen, aber stimm- und namenlosen Leids. Die »Kehrseite« umfasst das ganze Hinterland, nicht nur Paris, und zwar gerade in seiner Zerrissenheit.
Die eigentliche Entdeckung des Tagebuchs liegt jedoch woanders. Über die Ursachen des Krieges macht sich Corday keine Illusionen. Aber das gesellschaftliche Klima überrascht ihn. »Verrückte«, so notiert er schon im Dezember 1914, »sind in der Gesellschaft die Andersdenkenden. Heute haben sie die Seite gewechselt.« Corday erlebt eine Situation, in der die große, erdrückende Mehrheit der Gleichdenkenden verrückt geworden und er selbst vollkommen isoliert ist, wie »durch einen tiefen Graben getrennt«. Und damit ist das eigentliche Grundthema des Tagebuchs bestimmt: Wie bleibt man im kollektiven Wahnsinn bei Verstand? Im Rückblick erklärt sich dadurch manches im »Tagebuch einer Huronin«, etwa dass der Roman nicht als eine Erweckungsgeschichte angelegt ist. Madame Ciboure ist von Anfang an Kriegsgegnerin. Es geht nicht darum, wie man zur Erkenntnis kommt, sondern wie man isoliert in der unfreiwilligen Opposition besteht.
Erstickende Atmosphäre
Im Postministerium nennt man Corday bald, wie er berichtet, »la franchise postale« – »portofrei« –, weil er unbekümmert sagt, was er denkt. Als ranghoher Beamter in den Korridoren der Macht verhält er sich offenbar so, wie wir ihn auch als Romancier kennengelernt haben: Er ist außerordentlich empathisch, aber agiert mit Eigensinn, in einem Register der inneren Kohärenz, nicht der äußeren Konformität. Woraus sich diese intellektuelle Unabhängigkeit speist, bleibt unklar, denn seine Person passt in keines der naheliegenden Raster: keine aristokratische Distanz, keine unfreiwillige »Opposition aus Regeltreue« wie etwa bei einem Whistleblower, kein bewusstes Rebellen- oder Dissidententum. Corday erscheint vielmehr als ein eigentümlich desynchronisierter Beobachter, seine Notizen – in den Worten eines US-amerikanischen Rezensenten – als »eine kühle, stille Anklage der Narren, die wir waren«.³ Aber um diese Haltung muss Corday vier Jahre lang ringen, wovon das Tagebuch Zeugnis ablegt.
Cordays Gegenwartsdiagnose verdichtet sich zu einem bedrückenden Befund: Die fanatische Kriegstreiberei der »Jusqu’au-boutistes« – der »Bis-zum-bitteren-Ende-Fraktion« – bestimmt die öffentliche Meinung. Wer den Frieden möchte oder auch nur nach dem Preis des Krieges oder nach seinen Ursachen und seiner Vorgeschichte fragt, wird reflexhaft als Verräter abgekanzelt. Krieg ist gut und Frieden ist schlecht, lautet das Dogma. Die Gleichschaltung ist allgemein, öffentlichkeitswirksam bekehren sich auch vormalige Sozialisten oder sozialkritische Künstler zum Krieg. Es herrscht eine »hundertmal erstickendere Atmosphäre« als zu Zeiten der Dreyfus-Affäre, notiert Corday.
Es gibt keine Unbeteiligten
Um in dieser Atmosphäre bei Verstand zu bleiben, kultiviert Corday zunächst seinen Wirklichkeitssinn. Wie viele Soldaten fallen, was kostet die Rüstungsproduktion? Unermüdlich versucht er, sich ein genaues Bild zu machen, was selbst in seiner Position nicht einfach ist. Er spricht mit Ministern und Generälen, diniert mit Diplomaten und ausländischen Gästen, konsultiert interne Dokumente und kann auch jene Presseberichte lesen, die der Öffentlichkeit von der Zensur vorenthalten werden. Er klammert sich auch an pazifistische Stimmen aus Deutschland. »Sogar dort darf man noch für den Frieden sprechen«, hält er seiner Gesellschaft im stillen vor. Eine Idealisierung.
Cordays wichtigste Strategie ist die Analyse: woher der Krieg, warum seine Verlängerung, welches sind die Mechanismen der Gleichschaltung und des kollektiven Wahns? Er sieht, wie die Alten die junge Generation in den Tod schicken, wie die Kriegsgewinnler den neuen Reichtum genießen und mit Gratismut auf den Pariser Terrassen zum Kampf blasen, während täglich 1.500 junge Franzosen an der Front fallen. Hätte die Bourgeoisie auch ihre Schoßhündchen mobilisieren müssen, spottet er 1926 in dem Roman »En Tricogne« bitter, wäre der Krieg sofort vorbei gewesen. Penibel notiert Corday, wer alles von der Fortsetzung des Krieges profitiert, bis hin zu den Frauen, die den ungeliebten Ehemann los sind. Aber in letzter Instanz bleibt es für ihn ein Krieg der Reichen gegen die Armen, »derjenigen, die fressen, gegen jene, die gefressen werden«.
Das eigentliche Glanzstück des Tagebuchs ist die Analyse der Gleichschaltung. Corday beklagt sich wiederholt, dass seine Zeitgenossen nicht das Neue des Weltkriegs sehen und das Geschehen in Kategorien einer Vergangenheit zu fassen versuchen, in welcher nur Armeen miteinander kämpften, Schlachten an einem Tag entschieden wurden und die Bevölkerung abseits des unmittelbaren Schlachtfelds kaum betroffen war. Heute, insistiert er, stehen sich nicht Armeen, sondern bewaffnete Nationen gegenüber. Das ändert alles. Es gibt keine Unbeteiligten. Wer kein Freund ist, ist ein Feind. Und daher auch die ideologische Mobilisierung der gesamten Bevölkerung über die Medien.
Corday stand 1914 bis 1918 keinerlei begriffliches Handwerkszeug zur Analyse von Propaganda zur Verfügung. Walter Lippmanns »Public Opinion« wird erst 1922 erscheinen, Arthur Ponsonbys »Falsehood in Wartime« 1928, Anne Morellis »Prinzipien der Kriegspropaganda« 2001. So macht sich Corday ohne Hilfe an die Arbeit und schmiedet seine Begriffe selbst. Er erkennt die Bedeutung der Massenmedien. »Die Menschen denken nicht, sondern wiederholen nur, was sie in der Zeitung lesen«, stellt er immer wieder fest. Was wie eine misanthropische Klage klingt, ist zugleich eine Einsicht in die Verfasstheit moderner Gesellschaften: Sie sind auf ihre Medien angewiesen. Corday analysiert minutiös die Strategien der Kriegstreiberei: Lügen, die durch die gute Sache legitimiert werden, systematische Doppelstandards – eine Tat, die beim Feind als infam gilt, wird bei den eigenen Truppen als heroisch gefeiert, die eigene Armee steht stets vor dem Durchbruch, die feindliche vor der Niederlage –, eine heuchlerische Moral, die Leid nur wahrnimmt, wo sie es instrumentalisieren kann, billiger Heroismus auf Kosten fremden Lebens, zwanghaftes Ausblenden der Kriegsgreuel, Diffamierung von Kritik als Parteinahme für den Feind. So breitet Corday einen bis heute wohlvertrauten Kanon aus.
Doch Corday geht tiefer und benennt den fatalen Wirkmechanismus der Propaganda: Politik rechtfertigt Forderungen im Namen einer öffentlichen Meinung, die sie selbst hergestellt hat, »l’opinion qu’on a faite«, wie er Jahre vor Lippmann schon sagt. Für dieses Phänomen gibt es 1914 noch kein Wort, weshalb Corday improvisiert. »Nationales Marketing«, eine »Mischung aus Produktwerbung und militärischem Pomp«. Am beeindruckendsten finde ich seine Metapher des Dopings. Doping war damals im Sport schon bekannt, aber der Begriff hatte eine leicht verschobene Bedeutung, was die Metapher um so treffender, aber auch furchtbarer macht: Doping bezeichnete nicht einfach körperliche Leistungssteigerung, sondern eine Kombination von Stimulierung und Schmerzunterdrückung. Sprich: Das Volk wird zu immer neuem Hass aufgestachelt, während man in ihm jede menschliche Regung, alles Mitleid, am Ende sogar die Trauer um die eigenen gefallenen Söhne unterdrückt.
»Man bereitet die Geschichte vor«
Eine letzte Strategie blieb Corday noch: der Glaube, die Zukunft werde diese Verrücktheit und die Lügen als solche erkennen. Aber diese Hoffnung erweist sich schon in den letzten Kriegswochen, da die deutsche Niederlage absehbar wird, als trügerisch. Mit der spanischen Grippe kündigt sich die nächste Krise an, und Corday sieht Politik und Medien erneut versagen, indem sie das Unheil reflexartig kleinreden. Und noch eines beobachtet Corday: »Man bereitet die Geschichte vor.« Die Missetäter, Skrupellosen, Versager und Überforderten von 1914–1918 sorgen dafür, dass ihre Version der Geschichte verbindlich wird.
Corday selbst kommt aus dieser Zeit intellektuell unbeschadet heraus, und bis zu seinem Tod 1937 folgen noch zwei produktive Jahrzehnte. Er veröffentlicht unter anderem eine Abhandlung über Erziehung, eine galante Biographie über Diderot, sogar zwei Science-Fiction-Romane. Aber Illusionen macht er sich keine. In dem Roman »Verwüstete Herzen« über die Trauer und das Trauma der Hinterbliebenen, der 1924 erscheint, hat Corday alle Hoffnung auf historische Gerechtigkeit verloren. Die Kriegsgewinnler haben politisch das Ruder übernommen und geben auch nach 1918 den Ton an:
»Der große Rollback riss alle Freiheiten mit sich fort. Diktaturen setzten sich durch, tragische und groteske zugleich: In Spanien verkündeten sie den Triumph des Militärs, in Italien den der industriellen Hochfinanz. Schließlich triumphierte selbst bei uns die Reaktion so erdrückend, dass ein Präfekt unter einem formalen Vorwand verbieten konnte, an einem Kriegerdenkmal die Losung so vieler Veteranen eingravieren zu lassen: ›Guerre à la guerre‹, ›Krieg dem Kriege‹. Nachdem man dem Mord an anderthalb Millionen jungen Männern beigewohnt hatte, wurde man nun Zeuge des Mordes an ihrem höchsten Ideal. Unsere Toten waren zweimal gestorben …«
Als ich kürzlich Cordays Grab in einem Wäldchen abseits der Autobahn suchte, irgendwo in einem hitzesommertrockenen Landstrich zwischen den Flüssen Yonne und Seine, fand ich es nicht. Vielleicht existiert es nicht mehr, vielleicht ist es zugewuchert, und ich hatte bei dem Zwischenstop einfach nicht genügend Zeit mitgebracht. In Zeiten des »Overtourism« herrschte auffällige Einsamkeit. Am Horizont rauschte silberblau der TGV vorbei. Ja, »man bereitet die Geschichte vor«. Aber ohne Corday. Hätte ich ihn früher gekannt, wären die letzten Jahre andere gewesen – 2022, 2019, schon immer.
Anmerkungen
1 Schlacht der französischen Revolutionstruppen gegen Österreich im Jahr 1792
2 John Chamberlain am 15. Januar 1934 in The New York Times
3 Frank Kendon in Fortknightly Library, September 1933
Oliver Schlaudt ist Physiker und Philosoph und schreibt über Fragen der Technik, Ökologie und politischen Ökonomie. 2024 erschien von ihm das Buch »Zugemüllt. Eine müllphilosophische Deutschlandreise« bei C. H. Beck.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,9
-
Onlineabonnent*in Andreas B. aus S. 12. Sept. 2026 um 09:27 UhrLieber Oliver, danke für diesen literarisch wirklich gelungenen und inhaltlich in diesen Zeiten so wichtigen Artikel, der mich tief betrübt zurücklässt. Wie sich die Situationen gleichen. Wie fürchterlich stumpf ein Großteil der Menschen sich nach wie vor gegen ihre eigenen Interessen mobilisieren lässt. Umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die sich an solche erinnern wie Corday und diese Erinnerungen teilen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Krieg dem Kriege!
- Antworten
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
