Ein Nazi-Schlüsselwort
Der Linke-Parteitag beschäftigte am Montag einige Kommentatorengemüter, allerdings herrschte Lustlosigkeit. Nur Bild titelte frisch und klar »Linkspartei wird wieder zur SED« und zitiert CDU-Staatssekretär Philipp Amthor: »Bei soviel gequirltem Blödsinn würde sich Rosa Luxemburg im Grabe umdrehen. Für mich ist klar: Wer dumm denkt, macht auch dumme Politik.« Dass Amthor als erstes Dummheit einfällt, liegt nahe.
Hinter solch froher Stimmung bleibt die FAZ zurück. Sie greift die lichtvollen Äußerungen des neuen Kovorsitzenden der Partei, Luigi Pantisano, auf, es gebe »gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst«, und raunt: »Jetzt hat auch die Linke eine Brandmauerdiskussion.« In nicht ganz messerscharfer Logik folgt: »›Faschismus‹ wird in der Linkspartei ohnehin umstandslos mit allem Möglichen in einen Topf geworfen, als ob der Nationalsozialismus ein Menschheitsverbrechen wie jedes andere gewesen wäre.« Leider erfahren die FAZ-Leser nicht, welches »Menschheitsverbrechen wie jedes andere« gemeint sein könnte.
Die Süddeutsche Zeitung (SZ) erregt sich immerhin und verfällt in Schnappatmung wegen einer »Ungeheuerlichkeit«. Im auf dem Parteitag verabschiedeten Antrag zum Nahen Osten sei »die Rede vom: ›sogenannten‹ Nahostkonflikt«. Aha. Irgend jemand in der SZ-Redaktion muss die bekloppte Wendung, sogenannt sei ungeheuerlich, für erklärungsbedürftig gehalten haben – der Verfasser vermutlich nicht. Jedenfalls folgt im SZ-Kommentar Bildung, obwohl sie nicht nötig sei: »Man muss nicht einmal Victor Klemperers ›LTI‹ gelesen haben, um zu wissen, dass ›sogenannt‹ ein Schlüsselwort der Nazis war, um ›die sogenannte jüdische Kultur‹ (…) zu verunglimpfen, zu entwerten und lächerlich zu machen.« Die SZ ist dem Pantisano-Antifaschismus haushoch überlegen und entlarvt ihn: Selber Faschisten! Denn das »Schlüsselwort der Nazis« bedeute im Zusammenhang mit Nahem Osten: »Eine der beiden Seiten sei kein Konfliktpartner, sondern zum Beispiel ein Besatzungsregime, ein koloniales Projekt.« Die SZ ist eine Zeitung, die aus Texteingeweiden Flugrichtungen der sogenannten Vögel vorhersagen kann. Oder so ähnlich.
Andere Autoren machen es sich mit Pantisanos Unterschiedslosigkeit der Faschisten einfacher: »abgefeimte Provokation« (Volksstimme), »gefährlich. Denn er beschädigt genau das, was er zu schützen vorgibt: die Demokratie« (Stern). Dabei kann Pantisano durchaus Unterschiede machen: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer brachte es bei ihm nur zum »Helfer der Faschisten«, als er mit einem AfD-Funktionär öffentlich debattierte. Mehr Differenzierung war selten. (as)
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