Die Zombies der Welt
Der spanische Historiker und Soziologe Emmanuel Rodríguez untersucht die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus
Das Buch, dessen Titel sich übersetzen lässt mit »Das Ende unserer Welt. Das langsame Eindringen der Katastrophe«, gehört nicht ins Genre der apokalyptischen Essayistik. Emmanuel Rodríguez, Historiker und Soziologe, ist Teil eines kollektiven Netzwerks, das in den 1990ern im Umfeld der autonomen Bewegung in Madrid entstanden ist, als dessen Zentrum die genossenschaftlich organisierte Verlagsbuchhandlung Traficantes de Sueños (TdS) funktioniert. Forschung, Aktivismus, Pädagogik geben sich in ihrem Umfeld die Hand; u. a. gibt TdS auch die New Left Review auf Spanisch heraus. In der Eigenbeschreibung heißt es, es gehe um »die theoretische und praktische Konstruktion eines Werkzeugkastens … für die Kämpfe der nächsten Dekaden«. So viel zum Kontext.
Jetzt zum Buch. Es handelt sich um eine daten- und literaturgesättigte Untersuchung der dem Kapitalismus innewohnenden Krisenhaftigkeit, deren gegenwärtige Ausformung Rodríguez in den Blick nimmt und als »finale Krise« diskutiert. Diese Krise, die sich im ökonomischen, (geo-)politischen, ökologischen, ideologischen Feld artikuliert, kann den Kapitalismus nicht mehr erneuern, daher ihre Finalität, so die These, die er auf verschiedenen Ebenen ausbuchstabiert. Auf der analytischen Bühne tummelt sich ein buntscheckiges Personal, neben Marxisten haben Zombies, Barbaren oder Deserteurinnen ihren Auftritt.
Auf der ökonomischen Ebene argumentiert Rodríguez unter Zuhilfenahme marxistischer Analysen und beleuchtet den trotz der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien seit den 1980er Jahren nicht erfolgten Anstieg von Produktivität, Rentabilität und der Zahl von Arbeitsplätzen. Im Gegenteil haben sich neuartige Monopole herausgebildet, deren Börsenwerte von überschüssigem Finanzkapital aufgebläht werden. Die gegenwärtige Krise liest er mit dem Wirtschaftshistoriker Robert Brenner als Ergebnis der neoliberalen Lösung der Krise des Industriekapitalismus der 1970er, auf die mit Lohnkürzungen, Industrieverlagerungen und Finanzialisierung reagiert wurde. Das Wirtschaftswachstum Chinas und Südostasiens wird mit dem Konzept des Spatial Fix von Sozialtheoretiker David Harvey als Hinauszögern einer Überakkumulationskrise erklärt, einer kritischen Situation also, in der vorhandenes Kapital nicht genügend Verwertungsgelegenheiten findet. Ob Indien einen neuen Spatial Fix ermöglichen kann, sei offen. Wenn man dann noch das Ende der »billigen Natur«, ein Konzept des Soziologen Jason W. Moore, mitberücksichtigt, erhält man einen ersten Begriff von der Größe und Komplexität der Krise.
Das Kapital steht heute vor einem doppelten Problem: Es lässt sich nicht mehr rentabel verwerten, schafft folglich zu wenige Jobs, wodurch ein wachsender Bevölkerungsüberschuss entsteht, den der Autor in einer glänzenden Analyse mit der Faszination für Zombiefilme zusammendenkt (die Zombies sind die Überschüssigen). Nur mehr 800 Millionen Menschen auf der Erde verfügen noch über Ressourcen für den Eigenbedarf, die Hälfte der werktätigen Bevölkerung weltweit ist Proletarier im Marxschen Sinne von »doppelt freien« Arbeitern (die Überlebenden der Zombiefilme). Allerdings kann dieses globale Proletariat, das sich im informellen Sektor verdingt, nicht mehr als »Totengräber« der kapitalistischen Gesellschaft fungieren, so der Autor, das Kommunistische Manifest zitierend, denn ohne ordentliche Arbeit auch keine Arbeitermacht. Damit stellt sich die Frage nach dem historischen Subjekt nur mehr auf negative Weise, nämlich der seiner Abwesenheit.
Auf der politischen Ebene schaut sich Rodríguez u. a. den Green New Deal und dessen Hypothese an, dass sich die Klimakatastrophe grün-kapitalistisch gemanagt noch aufhalten lasse und dabei ein neues Akkumulationsregime in Gang gesetzt werden könne. Dazu bedarf es jedoch einer Menge Kapital, ein Teil der transnationalen kapitalistischen Klasse müsste sich vom fossilen Sektor, auf dem ihre Macht fußt, verabschieden, was, Venezuela und Iran sprechen Bände, mindestens in Frage gestellt ist. Dass die Krise des Kapitalismus von rechts wie links, zwar auf je unterschiedliche Weise, mit Vorliebe wieder einmal in der ideologischen Sprache einer zivilisatorischen Krise diskutiert werde, verstelle den Blick auf ihre Klassendimension. Auch den Fortschrittsbegriff unterzieht der Autor einer Ideologiekritik. Sowohl auf der Seite linker Akzelerationisten wie auf der rechter Technosolutionisten liegt die Zukunft immer noch in der Hand des Fortschritts; eine Entfesselung der Produktivkräfte, so die Annahme, wird aus der Krise hinausführen in links wie rechts freilich recht unterschiedlich gedachte Zukünfte. Solange der Zivilisierungsdiskurs noch von materiellem Fortschritt begleitet war, mag er wenigstens in Teilen sein Versprechen von Integration und sozialem Frieden erfüllt haben. Heute dagegen, wo es nichts mehr zu verteilen gibt, diene dieser Diskurs nur mehr dem Zweck der Verwaltung einer globalen Arbeitskraft, deren Einteilung in überschüssig oder integrierbar; in diesen Kategorien müsse die neue Klassengesellschaft gedacht werden. Europäische Migranten afrikanischer Herkunft bezögen sich bereits affirmativ auf ihre Kondition als Barbaren, und genau da sieht der Autor einen Anspruch auf politische Autonomie aufblitzen.
Alles in allem wirft das Buch ein schmerzhaft helles Licht auf das Ende »unserer« Welt, auch weil es sich von einigen progressiven Vorstellungen verabschiedet. Und doch ist es kein Dokument linker Ausweglosigkeit. Es appelliert an die alte Idee der Assoziation, einer Politik von unten (jenseits liberaler Repräsentationspolitik), die eigene Institutionen aufbauen muss, kurzum: Gegen-Macht. Traficantes de Sueños selbst ist ein gelungenes Beispiel dafür. Auch in dem, was Rodríguez am Ende »graue Mobilisierungen« nennt, unvorhergesehene, schwer lesbare, in Teilen nihilistische und gewaltsame Proteste, Aufstände, Ausschreitungen, häufig auf keiner politischen Seite zu verorten, in denen sich ein wachsendes Nichteinverstandensein der Proletarisierten und der Nichtverwertbaren ausdrückt, lokalisiert er die Notwendigkeit von neuen Verbindungen, die allerdings erst hergestellt werden müssen. Mehr ist im Moment nicht zu haben.
→ Emmanuel Rodríguez: El fin de nuestro mundo. La lenta irrupción de la catástrofe. Traficantes de Sueños, Madrid 2025, 218 Seiten, 16 Euro
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