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27.05.2026
- → Feuilleton
Gegenkultur
Dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu zufolge existiert im Kapitalismus keine selbständige Kultur der Unterdrückten. In seinen Augen entsteht Kultur in der bürgerlichen Klassengesellschaft weder spontan noch ist sie egalitär, sondern Ergebnis spezifischer Sozialisation. In »Die feinen Unterschiede« (1979) zeigt er, dass Kultur nicht nur gesellschaftliche Hierarchien organisiert und reproduziert, sondern ein System der Distinktion bildet: von oben geprägt, im Kern ein Produkt der herrschenden Klasse – selbst dort, wo sie als Populär- oder Massenkultur erscheint.
Alle Kultur ist nach Bourdieu ein Machtmittel der Herrschaft und damit Fortsetzung der Politik mit Mitteln der Ästhetik. Die Kultursoziologie hat er damit vom Kopf auf die Füße gestellt. Museumsbesuche oder das Erlernen des Klavierspielens vergrößern einen Abstand zu einigen Milieus und verringern ihn zu anderen. Die einen spielen Fußball, die anderen Tennis. Kulturelle Praktiken prägen den eigenen Charakter. Mit ihnen grenzen sich die Schönen und Reichen von den Hässlichen und Armen ab. Arte für die Auserwählten, RTL für die Trottel. Zeit für die Aufsteiger, Bild für die Malocher. Staatsoper für die Elite, Kirmes für die Affektgesteuerten.
Was Bourdieu in seinen Werken empirisch ausleuchtet, ging in die deutsche Theoriegeschichte unter dem Stichwort »Kulturindustrie« ein. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben die mit der bürgerlichen Kultur versprochene Mündigwerdung des Menschen als Dialektik von Aufklärung und Massenbetrug beschrieben. Kultur sei im Zuge der industriellen Produktion zur kommerziellen Ware verkommen, mit der die Massen zu ruhiggestellten Konsumenten herabgesetzt werden. Angesichts der immensen Bedeutung von Werbung und Marketing für den kapitalistischen Warenmarkt ist der Scharfsinn und die Voraussicht der frühen kritischen Theorie bemerkenswert. Die beiden Frankfurter Bildungsbürger – die weniger von der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse geleitet waren, wie ihre Polemik gegen den afroamerikanischen Jazz oder ihre Geringschätzung der antikolonialen Kämpfe zeigen – ernüchterte, dass die hohen Bildungsideale ihrer Klasse zu einer bloßen Nachfragepolitik degenerieren: »Hier bin ich Mensch, hier kauf’ ich ein.«
Der Marxismus setzt die Sache der Kultur in ein umfassenderes Bild der Lage. Neben den genannten Widersprüchen verliert er den grundlegenden gesellschaftlichen Antagonismus nicht aus dem Blick. Besonders Antonio Gramsci führte das prägnant aus: Die herrschende Klasse sichert ihre Macht nicht nur durch exekutive Gewalt (Polizei, Militär), sondern vor allem dadurch, dass ihre Werte und Weltanschauungen von der Bevölkerung als »normal« und alternativlos akzeptiert werden. An der Aufrechterhaltung dieser geistigen Ordnung sind die »traditionellen Intellektuellen« wie Geistliche, Philosophen, Künstler, Lehrer oder Juristen maßgeblich beteiligt. Aber jede aufstrebende Gesellschaftsklasse bringt aus ihren eigenen Reihen »organische Intellektuelle« hervor. Auf sie kommt es nach Gramsci in Epochen der Umwälzung besonders an. Je nachdem, wie stark sie werden, laufen zudem manche traditionelle Intellektuelle auf die Seite des Volkes und der Unterdrückten über. Auch auf dem Feld der Kultur findet ein Ringen der Klassen um Hegemonie, Bildung und Wissen statt.
Was also ist Gegenkultur? Sie bedeutet nicht, gegen die Kultur zu sein. Sie meint keine Subkultur oder kleinbürgerliche Szenen. Gegenkultur ist eine Selbstbildungsbewegung der ausgebeuteten Klasse gegen Herabwürdigung, Stigmatisierung und Unsichtbarmachung durch das Bürgertum. Gegenkultur ist ein anderes Wort für das Streben nach symbolischer Existenz, sie bewaffnet den Klassenkampf von unten. So betrachtet ist die Arbeiterbewegung immer auch eine Bildungs- und Kulturbewegung gewesen. Arbeiterinnen und Arbeiter haben sich beispielsweise selbst das Lesen und Schreiben beigebracht. Nichts wurde ihnen geschenkt, und noch immer wird ihnen nichts geschenkt. Das Selbstbewusstsein der Unterdrückten auch auf dem kulturellem Gebiet gestärkt zu haben, das ist ein welthistorisches Verdienst des Kommunismus. Und es bleibt seine Aufgabe.
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