Das Lächeln der Befreiung
Von Jürgen Block
Kunst ist unverzichtbar – so ein Satz ist schnell gesagt. Aber wie soll einem zum Beispiel das Lächeln der Mona Lisa beim Begreifen der Verworrenheit der aktuellen Weltlage weiterhelfen? Antworten auf diese und weitere Fragen zur Kunstgeschichte gibt Jenny Farrell in ihrem Essayband »Kunst und Befreiung«. Wir lernen, dass das Lächeln der Mona Lisa ein Produkt der Leichensektionen ist, die Leonardo als Wissenschaftler und Künstler beobachten konnte. Die Einsicht, wie das Licht seinen Weg vom Auge zum Gehirn nimmt, führt den Universalgelehrten der Hochrenaissance zur Perfektionierung der Sfumato-Maltechnik. Mit Ölfarbe ist es möglich, durch feinste Nuancierungen in Licht- und Schattentönen weiche Umrisse und Formen zu malen, so dass das Lächeln im Auge des Betrachters leicht verschwommen erscheint, nicht zu einer Maske erstarrt, sondern lebendig bewegt. Leonardo malt sein Bild so, wie ein Mensch die lebendige Welt sieht. Diese Maltechnik ist revolutionär, sagt die Autorin, weil sie den »Eindruck unendlicher Veränderlichkeit« vermittelt. Kunst ist unverzichtbar, weil sie uns die heutige bleierne und lebensbedrohliche Welt als eine veränderliche mit der Aussicht auf ein Lächeln zeigt.
Man könnte nun im Sinne von Jenny Farrell weiterfragen, ob das Lächeln der Mona Lisa im Stadium seines Beginns oder seines Vergehens gemalt ist. Rezeption ist Wechselbeziehung: Wie wir Mona Lisa anschauen, schaut sie zu uns zurück. Genügen wir heute ihren Werten und Wünschen von damals? Ja, große Kunst ist zeit- und raumübergreifende Praxis, und es liegt an uns, dass ihr Lächeln noch vollkommen wird.
Für Jenny Farrell ist Kunst (im Anschluss an Thomas Metscher) integraler Bestandteil der Geschichte: »Um zum Kern eines Kunstwerks zu kommen, muss man es also im Kontext seiner Zeit, der gesellschaftlichen Kräfte seiner Epoche verstehen.«
Als Hauptkonflikt in Shakespeares Tragödien arbeitet sie den Gegensatz bürgerlicher Kräfte am Beginn des Kapitalismus (um 1600) heraus. In der Renaissance stehen sich in den Konflikten häufig die Kräfte, die das humanistische Ideal vertreten, denen gegenüber, die nach Macht um jeden Preis streben. In der Tragödie »Macbeth« spielt sich diese Auseinandersetzung innerhalb der Titelfigur ab. Der hin- und hergerissene Macbeth ermordet, von Lady Macbeth angestiftet, den arglosen König, um den Thron zu rauben, und ringt im weiteren Verlauf des Stücks mit den Folgen dieser ihn selbst ins Verderben ziehenden Entscheidung. Die Tyrannei richtet sich somit gegen Täter und Opfer zugleich, sie zerstört beide. »Macbeth« ist ein warnendes Sinnbild für die Gegenwart, in der eine wieder verstärkt auf Aufrüstung und Kriegsdrohung setzende »Realpolitik« blind für die Folgen ihres Handelns ist.
Viele moderne Aufführungen und Bearbeitungen der Tragödie rücken jedoch einseitig die zerstörerischen Kräfte des Menschen in den Vordergrund. Die Autorin spricht es nicht offen aus: Solche der Barbarei verhafteten Kunstwerke vor allem der Moderne taugen kaum für eine befreiungsfreudige Rezeption.
Jenny Farrell beleuchtet dagegen die Dialektik von Barbarei und Humanität. Denn Geschichte ist ein permanenter und alles erfassender Veränderungsprozess, der auch Kräfte zur Entwicklung der Humanität bereithält. Große Kunst geht aus den konkreten Kämpfen dieser Dialektik hervor.
Jenny Farrell lädt die Leser, dazu ein, anhand von etwa 70 Kunstwerken aus den Bereichen Literatur, Musik und bildender Kunst die geschichtlichen Kräfte der Befreiung kennenzulernen und womöglich auch in Gang zu setzen.
Jenny Farrell: Kunst und Befreiung. Literatur, Musik und Kunst im Kampf für die Menschheit. Ein Essayband. Neue-Impulse-Verlag, Essen 2025, 396 Seiten, 29,80 Euro
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