In den Händen des IS
Von Voltor Schwarz
Etwa ab 2014 etablierte die Miliz »Islamischer Staat« (IS) in großen Teilen Syriens und des Iraks eine brutale Terrorherrschaft. Neben wenig besiedelten Gebieten kontrollierte das Regime zeitweise auch Großstädte wie Rakka und Deir Al-Sor in Syrien sowie Mossul, Tikrit und Falludscha im Irak. Die Organisation, die im arabischen Raum abschätzig DAESH (das arabische Akronym für »Islamischer Staat im Irak und Großsyrien«) genannt wird, verübte zahlreiche Massaker. Betroffen von den Gewaltexzessen der sunnitischen Fanatiker waren Schiiten, Aleviten und Christen. An der jesidischen Bevölkerung in der Sindschar-Region im Irak verübte der IS einen Völkermord, dem nach UN-Angaben zwischen 5.000 und 10.000 Bewohner zum Opfer fielen. Weitere rund 7.000 jesidische Mädchen und junge Frauen wurden versklavt. Etwa 400.000 Jesiden flüchteten vor den Verbrechen.
Die Graphic Novel »Freiheit im Blut« erzählt die Realität des radikalen Islamismus, nicht nur dem von DAESH. Protagonistin des 160 Seiten starken Buchs ist Rojîn, eine junge Kurdin aus Paris. Schon das erste Kapitel über Zwangsverheiratung in der französischen Hauptstadt zeigt die patriarchale Brutalität. Würde Rojîn nicht nach Nordkurdistan (Türkei) fliehen, würden ihr »Ehemann« und dessen Familie die junge Frau so lange jagen, bis sie entweder die Zwangsehe eingeht oder ermordet wird.
Autorin der im Frühjahr erschienenen Graphic Novel ist Kudret Güneş. Sie erhielt nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 ein Stipendium in Paris, um sich als Nachwuchsregisseurin weiterzubilden. Güneş ist Autorin, Filmemacherin und kurdische Feministin. Der Zeichner Christophe Girard hat die Geschichte illustriert.
Ruhe findet Rojîn in Amed (türkisch: Diyarbakır) allerdings nicht. Sie kommt bei einer Tante unter, deren Sohn sich der Arbeiterpartei Kurdistans PKK angeschlossen haben soll. Deshalb steht die Polizei eines Tages vor der Tür und nimmt beide Frauen mit. Schwer gezeichnet überlebt Rojîn Verhöre, Folter und sexualisierte Gewalt. Ihre Odyssee führt sie nach Kobani im Norden Syriens. Dort schließt sie sich den Frauenverteidigungseinheiten der syrisch-kurdischen Miliz YPG an. Die Stadt an der türkischen Grenze war 2014/2015 Angriffen des »Islamischen Staates« ausgesetzt. Später wird Rojîn ins umkämpfte Afrin im Westen Syriens abkommandiert und gerät in die Hände von DAESH. Dort trifft sie andere Mädchen und junge Frauen. Herausgeputzt werden sie auf einem Markt höchstbietend verkauft.
Ein bisher wenig beachteter Aspekt durchzieht »Freiheit im Blut«: die Rolle von Frauen bei der Aufrechterhaltung der islamistischen Herrschaft. Sei es bei den »Vorbereitungen« auf die Zwangsheirat in Paris, dem Transport versklavter Mädchen und Frauen oder beim Zurechtmachen der Sklavinnen in einem »Schönheitssalon«, damit sie beim Verkauf einen möglichst hohen Preis erzielen – Islamistinnen waren aktiver Teil der Herrschaft des IS. Nach dem Sieg über den »Islamischen Staat« ab 2019 wurden Zehntausende Islamistinnen gefangenengenommen. Im Lager Al-Hol im Norden Syriens waren zeitweise bis zu 90.000 Personen untergebracht, vor allem Frauen und Kinder. Die meisten blieben dem IS treu. Im Lager sollen Frauen ihre Töchter zwangsverheiratet und Abweichlerinnen getötet haben.
In »Freiheit im Blut« gelingt Rojîn die Flucht, und sie kehrt nach Paris zurück. Dort muss sie sich weiter verstecken, sowohl vor der Familie des enttäuschten »Ehemannes« als auch vor Anhängern eines »Kalifen«, den Rojîn in Syrien getötet hatte. Die junge Protagonistin ist zudem schwanger, nachdem sie in Haft vergewaltigt worden war. Es fließt noch viel Blut.
Die realen Bezugspunkte machen das Werk zu einem eindrucksvollen Zeugnis der brutalen Herrschaft der Islamisten. Unterdrückung, exzessive Gewalt, Folter, Hinrichtungen und Verachtung für (junge) Frauen durchziehen die Graphic Novel. Das Cover zeigt Rojîn als kurdische Soldatin mit erhobener Faust. Doch es ist keine verklärte Erzählung einer Freiheitskämpferin. Es ist eine harte Geschichte, die nach Verlagsangaben von Güneş’ Schwester inspiriert ist.
Für die Autorin hatte die Graphic Novel, die 2024 auf französisch erschien, weitreichende Folgen. Am 27. Mai 2025 wurde sie bei der Einreise in die Türkei festgenommen und steht seither unter Hausarrest. Der Verlag hat nach eigenen Angaben keinen Kontakt zu der inzwischen 70jährigen Künstlerin.
Kudret Güneş und Christopher Girard: Freiheit im Blut. Bahoe Books 2026, 160 Seiten, 28 Euro
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