Bloß keine Meldungen
Mehr und mehr Menschen lesen zumindest zeitweise bewusst keine Nachrichten. Entsprechende Studien sprechen von dem Phänomen der Nachrichtenvermeidung (»News Avoidance«). »Es ist keine kurzfristige Reaktion auf aktuelle Krisen, sondern eher eine längerfristige Entwicklung«, sagt die Journalistin Anke Gehrmann, Leiterin des Projekts »News Life Balance« der Hamburg Open Online University, der dpa. Der »Reuters Institute Digital News Report 2025« hatte festgestellt, dass immer mehr Menschen ganz bewusst Nachrichten aus dem Weg gehen. Das Leibniz-Institut für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut) in Hamburg ist hiesiger Partner der Studie.
In der Umfrage haben 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzer angegeben, dass sie gelegentlich aktiv Nachrichten vermeiden. 2024 waren es noch 69 Prozent gewesen. Das mit Abstand wichtigste Motiv der Nachrichtenvermeidung stellen dem Bericht zufolge die negativen Auswirkungen der Nachrichten auf die eigene Stimmung (48 Prozent) dar. 39 Prozent der Menschen, die Nachrichten vermeiden, geben an, dass zuviel über Kriege und Konflikte berichtet wird und sie von der Menge an Nachrichten erschöpft sind.
»Wenn Menschen sagen, sie vermeiden aktiv die Nachrichten, heißt das eben nicht, dass sie überhaupt keine Nachrichten mehr nutzen«, erläutert Medienforscherin Julia Behre als Mitverfasserin des Reports. »Im Gegenteil, es geht dabei eher um das selektive Vermeiden von bestimmten Nachrichtenthemen oder Nachrichtenquellen oder Nachrichten zu bestimmten Uhrzeiten.« Auch Gehrmann betont, dass ein großer Faktor für Nachrichtenmüdigkeit ist, dass es keine abgegrenzten Nachrichtenzeiten mehr gibt. Früher hätte man etwa morgens die Zeitung und abends die »Tagesschau« gehabt. »Heute ist das komplett anders, man hat 24/7 Nachrichten überall«, so Gehrmann.
Seit 2012 untersucht der »Reuters Institute Digital News Report« jährlich in mittlerweile 48 Ländern generelle Trends und nationale Besonderheiten der Nachrichtennutzung. Pro Land wurden 2025 rund 2.000 Personen befragt. »Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Realität in den Medien anders dargestellt wird, als sie sie selbst erleben«, erklärt Gehrmann. »Diese Diskrepanz führt zu einer Art Medienentfremdung. Nachrichten wirken dann weniger relevant für das eigene Leben.« Gehrmann betont, dass es keinen typischen Nachrichtenvermeider gebe. »Manche vermeiden Nachrichten aktiv, andere eher passiv – zum Beispiel, weil sie wenig Zeit haben«, so die Expertin. »Nachrichtenvermeidung ist immer sehr individuell und hängt stark davon ab, wie die eigene Lebensrealität aussieht.« (dpa/jW)
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