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Aus: Ausgabe vom 20.04.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte über die RAF

Der kleine Motor

Ein Gesprächsband beleuchtet den Weg von Monika Berberich in die RAF, ihre Erfahrungen in der langen Haftzeit und in der Zeit danach
Von Felix Meyer
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Fahndung nach vier aus der Haft geflüchteten Frauen, darunter Monika Berberich, in Westberlin (9.7.1976)

Dieses Buch ist kein politisches Pamphlet. Texte der 1998 aufgelösten RAF sind zwar im Anhang dokumentiert, aber in der Hauptsache ist das Buch eine sich an der Chronologie orientierende Folge von behutsamen Interviews – im Untertitel spiegelt sich dies doppelt wider – mit einem politischen Menschen. Das Konzept ist schlüssig und demokratisch: Nicht eine redet, sondern viele. Die zumeist Fragenden vom »Colectivo Preguntando« sind junge Menschen und der Befragten bekannt. Gemeinsam haben sie das Projekt vor Jahren begonnen, um sich linke Geschichte »anzueignen«. In der Perspektive der Fragenden klingen immer wieder Überlegungen an, wie sich aus heutiger Sicht auf den bewaffneten Kampf in der BRD blicken lässt.

Ein Mensch

Die Befragte ist erheblich älter, Jahrgang 1942, hat Erfahrungen in diesem Kampf gemacht, und dennoch: Monika Berberich will nicht die RAF sein, sondern ein Mensch, ein Mitglied der »ersten Generation«. Von 1970 bis 1988, eine unvorstellbar lange Zeit, hat sie, unterbrochen durch einen Fluchtversuch im Juli 1976, »gesessen«. Viel zu lange für die Beteiligung an der Befreiung Andreas Baaders und mutmaßlich ein paar Banküberfälle. Berberich, in der 68er-Bewegung politisch sozialisiert, hat die RAF als Befreiung erlebt: »Die Gesamtweltlage war so, dass an allen Ecken und Enden Befreiungsbewegungen (…) kämpften. Wir in der RAF (…) haben uns als Partisanen im Rücken des Feindes verstanden.« Aus heutiger Sicht wirkt dieser Anspruch vielleicht überzogen, den Beteiligten erschien er damals folgerichtig. Der damit verbundene Schritt in die Illegalität war es für die Beteiligten ebenfalls: »Wir haben Illegalität als Offensivposition verstanden: Du bist illegal, um anzugreifen.« Zugleich sei Illegalität kein Selbstzweck gewesen, sondern eine Form des Widerstandes.

Mehr gelacht

Immer wieder betont Monika Berberich den menschlichen Impuls für ihr Engagement und ihren Werdegang. »Leben wollen und nicht leben können«, sagt sie – und bezieht sich dabei auf eine Aussage von Gudrun Ensslin. Schlagend wirkt diese Logik, wenn Berberich die Brücke zur Gegenwart schlägt: »Guck es dir doch heute an: Dein Leben ist vorgelebt. Das war vor 50 Jahren auch schon so.« Haben sich nicht auch heute viele damit abgefunden?

Was die politische Ebene angeht: Dass die RAF Fehler gemacht hat, sieht Berberich sehr klar. Sie verurteilt zum Beispiel die Erschießung des US-Soldaten Edward Pimental 1985 und trat in einem Film von dessen Schwester auf. Sie sieht auch keine politische Strategie hinter der Tötung von Vertretern des politischen Systems. Sie kritisiert die mutmaßliche Feststellung und Absonderung jüdischer bzw. israelischer Passagiere während der Entebbe-Entführung 1976. Trotzdem ist für sie die RAF unwiderruflich Teil ihrer politischen Lebensgeschichte.

Deutlich wird das auch und gerade in den persönlichen Seiten, die dieses Buch aufschlägt, denn das Private ist eben politisch. Ihre Eltern haben ihr aus ihrer Geburtsstadt Oberursel immer »so spezielle Pralinen« ins Gefängnis geschickt, die Tochter Monika »sehr gerne« gegessen hat – auch weil die Verbindung stets blieb, obwohl die Eltern ihre politische Entwicklung »gar nicht gut fanden«. Im Knast habe sie, sagt Berberich, mehr gelacht als vorher und später »draußen«. Ihre Beschreibungen der Bemühungen der Staatsmacht, Gewalt über die Gefangenen zu gewinnen, entbehren denn auch nicht einer gewissen Komik, so hart die Haftbedingungen auch in der Realität waren.

Zum Abschluss thematisieren die Gespräche ausführlich Berberichs »Rauskommen« – das im Mittelteil des Buches eindrücklich bebildert wird –, ihr langsames Wieder-Reinkommen in die (bürgerliche) Gesellschaft, ihre Arbeit als Fahrradkurierin, ihre lebensbedrohliche Krankheit, ihre politischen Aktivitäten seither. Wer mehr lesen möchte über Berberichs Haltung zu den frühen Versuchen, »die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen«, zum Versuch, »durch den kleinen Motor (RAF) den großen Motor (Gesellschaft) in Gang zu setzen«, zur Isolationshaft, zum Hungerstreik, zu den Stammheimer Toten, zur Solidarität unter den gefangenen Frauen und der der anderen Gefangenen mit den »Politischen« – dem sei das Buch empfohlen. Es ist eines über ein »Zoon Politikon« – also menschlich.

Monika Berberich/Colectivo Preguntando: Der Kern ist unzerstörbar. Versuch einer Annäherung. Gespräche mit Monika Berberich. Immergrün, Berlin 2025, 400 Seiten, 18 Euro

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