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Aus: Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 1 / Titel
Friedensbewegung

Gehorsam verweigert

Ostermärsche in Deutschland: Bessere Beteiligung als im Vorjahr. Junge Menschen protestieren gegen Wehrdienst. Diesbezügliches Gesetz verlangt Meldepflicht bei Verlassen des Landes
Von Kristian Stemmler
Mehr als 2.000 Menschen demonstrieren am Sonnabend auf dem Münchner Marienplatz gegen Aufrüstung und Kriegstreiberei
Demonstranten rufen auf der zentralen Veranstaltung in Hamburg dazu auf, bei den Kriegsvorbereitungen nicht mitzumachen (6.4.2024)
Jugendliche gehen für bessere Lernbedingungen und gegen Kriegseinsätze am Berliner Mauerpark auf die Straße (4.4.2026)
Kommt an: Junge Linke auf dem Berliner Ostermarsch, ausgestattet mit Ausgaben dieser Zeitung (4.4.2026)
Prangern das Todesstrafengesetz der israelischen Regierung an: Palästinenserinnen beim Ostermarsch im Pankower Ortsteil Prenzlauer Berg (Berlin, 6.4.2026)
Auftaktdemo vor dem US-Konsulat in Frankfurt am Main (6.4.2026)
Gewerkschaftlich organisierte Kriegsgegnerinnen versammeln sich vor der alten Stadthalle in Leipzig (4.4.2026)
Einer der beiden Ostermärsche in Osnabrück zieht an einem um die Friedenstaube ergänzten Kunstwerk am Heger-Tor-Wall vorbei (4.4.2026)
Für Palästina-Solidarität und gegen Rüstungsproduktion: Ostermarschkundgebung in Kassel (4.4.2026)
Dem Ostermarsch zum Luftwaffenstützpunkt Büchel gibt ein Polizeifahrzeug das Tempo vor (6.4.2026)
Teilnehmer des Ostermarschs Rhein-Ruhr protestieren im Stadtgarten von Gelsenkirchen gegen die Stationierung neuer Mittelstrackenraketen in der BRD (5.4.2026)
Mitglieder der Föderation der Arbeiter aus der Türkei in Deutschland (ATIF) beim Ostermarsch Rhein-Ruhr in Duisburg (4.4.2026)
In Dortmund findet der Rhein-Ruhr-Ostermarsch seinen Abschluss auf dem Hansaplatz (6.4.2026)

Pünktlich zum Beginn der diesjährigen Ostermärsche, bei denen wieder Zehntausende für Frieden und Abrüstung auf die Straßen gingen, sorgte die Frankfurter Rundschau (FR) für ein friedenspolitisches Aufregerthema. Am Karfreitag berichtete die Zeitung, dass Männer im Alter zwischen 17 und 45 Jahren eine Genehmigung »des zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr« einholen müssen, wenn sie das Land länger als drei Monate verlassen wollen. So steht es im Paragraphen 3 des am 1. Januar in Kraft getretenen Wehrdienstmodernisierungsgesetzes, das sich die FR offenbar noch mal genauer angesehen hatte.

Die Meldung sorgte für viel Wirbel und scharfe Kritik. Die Linke-Bundestagsabgeordnete Desiree Becker, erklärte gegenüber Ippen Media, es zeige sich jetzt, »wie handwerklich schlecht dieses Gesetz gemacht ist«. Auch werde erneut deutlich, »wie autoritär und entmündigend die Wehrpflicht war und auch heute wieder wäre«. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht erinnerte die Meldepflicht »an DDR- und Mauerzeiten«. Mit »Demokratie und freiheitlicher Grundordnung hat das nichts zu tun«, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) solle »angesichts dieser unsäglichen Gesetzesregelung« zurücktreten. Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte gegenüber dpa den FR-Bericht. Man wolle durch Verwaltungsvorschriften bald klarstellen, »dass die Genehmigung als erteilt gilt, solange der Wehrdienst freiwillig ist«.

Für die Zehntausenden Ostermarschierer war die »neue Wehrpflicht« nur eines von vielen Themen. Von Gründonnerstag bis Ostermontag fanden Kundgebungen, Mahnwachen, Friedensgottesdienste und andere Aktionen in mehr als 120 Städten statt, wie Willi van Ooyen, Sprecher des Ostermarschbüros in Frankfurt am Main, am Montag gegenüber jW mitteilte. In Berlin etwa hätten nach Angaben der Veranstalter 6.000 Menschen demonstriert, in Stuttgart ebenso viele.

»Die Beteiligung konnte gegenüber dem Vorjahr leicht gesteigert werden«, sagte van Ooyen. Dafür hätten vor allem neue Friedensinitiativen in kleinen Städten gesorgt. Erfreulich sei auch, dass sich viele junge Menschen den Protesten angeschlossen hätten, mobilisiert von der Debatte über den »neuen Wehrdienst«. In einer Zeit, die von Krieg und Gewalt geprägt ist, habe er sich allerdings eine höhere Beteiligung gewünscht, räumte der Friedensaktivist ein. Aber heute seien viele, anders etwa als noch bei den Protesten gegen die Nachrüstung in den 1980er Jahren, davon überzeugt, dass Proteste nichts ausrichten könnten.

Nach aktuellen Anlässen mussten die Demonstranten in diesem Jahr nicht lange suchen. Ihr Protest richtete sich gegen den völkerrechtswidrigen Überfall der USA und Israels auf den Iran, den Einmarsch israelischer Truppen im Libanon und den anhaltenden Völkermord in Gaza. Gefordert wurden ein Ende der Ölblockade gegen Kuba und Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Kriegs. Breiten Raum nahmen auch die drohende Stationierung von Mittelstreckenwaffen in Europa, die Aufrüstung der Bundeswehr und die Militarisierung der BRD ein. In München stand der Ostermarsch unter dem Motto »Völkerrecht statt Faustrecht – Gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit!«, in Dresden hieß die Parole: »Kriege verweigern – Frieden schaffen«.

Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn erklärte laut Mitteilung vom Montag, die Menschen auf den Straßen hätten »unmissverständlich klargemacht: Wir brauchen eine zivile und soziale Zeitenwende, keine militärische«. In bald 40 Jahren Ostermarscharbeit habe er es noch nie erlebt, »dass es zu Ostern so eine große Fülle an Krisen auf der Welt gibt«.

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  • Leserbrief von Stanislav Sedlacik aus Weimar (8. April 2026 um 15:27 Uhr)
    Am Ostersamstag, dem 4. April, begann in Weimar ein Ostermarsch um 11 Uhr am Theaterplatz und endete um 13 Uhr am Goetheplatz. Zu Beginn sang der Frauenchor Lyra, gefolgt von verschiedenen Redebeiträgen. Anschließend gab es eine »Bauchladenparade« von unterstützenden Vereinen. Um 12 Uhr setzte sich der Ostermarsch über die Wielandstraße in Richtung Goetheplatz in Bewegung. Dort wurde der Denkmalsockel als temporäre Installation genutzt, und es gab ein Straßenkonzert mit einem Musiker.
    Es war eine gelungene Veranstaltung mit etwa 160 Teilnehmenden. Organisiert wurde sie von der Initiative »Welt ohne Waffen« und der Bewegung »Schulstreik gegen die Wehrpflicht«. Für den Ostermarsch wurde bei regelmäßigen Mahnwachen der Initiative jeden Dienstag, sowie bei Aktionen der Bewegung geworben. Auf der Website der Initiative »Welt ohne Waffen« wurde ebenfalls zu dem Ostermarsch aufgerufen. Radio LOTTE Weimar berichtete im Vorfeld darüber, und auch die örtliche Presse veröffentlichte eine Pressemitteilung.
    Leider gab es für den Ostermarsch keine Grußadresse von der Stadt oder der Kirche, wie in den Jahren zuvor. Stattdessen scheint man sich dort auf einem Pfad der »Kriegstüchtigkeit« zu befinden, anstatt auf Diplomatie zu setzen. Im vergangenen Jahr gab es innerhalb der Initiative Auseinandersetzungen: Einige wollten eine Zusammenarbeit mit den Montagsdemonstranten, die behaupten, die AfD sei eine Friedenspartei. Dabei wird ausgeblendet, dass auf der Webseite der AfD-Bundestagsfraktion im Arbeitskreis Verteidigung etwas anderes steht, etwa: »Eine tragfähige Strategie und eine robuste Ausstattung sind unabdingbar, wenn wir unsere Soldaten in Auslandseinsätze schicken.«
    Trotzdem ist es der Initiative gemeinsam mit jungen Menschen aus der Bewegung gelungen, in Weimar einen erfolgreichen Ostermarsch durchzuführen. »Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der, der ziellos umherirrt.« (G. E. Lessing)
  • Leserbrief von Joachim Becker aus Eilenburg (8. April 2026 um 12:10 Uhr)
    Sicher sind die alljährlichen Ostermärsche gegen Aufrüstung und Krieg richtig und wichtig. Wenn es den Organisatoren dieser Proteste aber heute, anders als noch in den 1980er Jahren, nicht mehr gelingt, viele Menschen zu mobilisieren, dann liegt das verständlicherweise auch daran, dass diese Proteste bisher nichts ausrichten konnten. Dass viele Menschen resigniert haben. Unabhängig davon, ob Zehn- oder Hunderttausende (500000 gegen den Irak-Krieg am 15.2.2003 in Berlin) Menschen auf die Straße gehen, bisher haben sich die Kriegstreiber nicht davon beeindrucken lassen. Deshalb kann erst dann von Erfolg gesprochen werden, wenn es gelungen ist, die Kriegstreiber zu stoppen.
  • Leserbrief von Christian Helms aus Dresden (8. April 2026 um 11:58 Uhr)
    Den meisten Medien waren die Ostermärsche nur eine Randnotiz wert. Einen Einfluss auf die aktuelle Politik haben sie offensichtlich nicht mehr. Denn die systemischen Ursachen für die gegenwärtigen Kriege, Krisen und Konflikte blieben weitgehend ausgespart. Ebenso der Klimawandel. Obwohl gerade er die Existenz der Menschheit bedroht. Dagegen wurden angesichts der Not und des Elends nach dem Zweiten Weltkrieges noch die grundsätzlichen, die Systemfragen gestellt. Die Mehrheit der Menschen forderte nicht nur die Bestrafung der Schuldigen an der Katastrophe. Darüber hinaus stellte sie die Systemfrage: Verstaatlichung der Bodenschätze, der Schlüsselindustrien und der Großbanken. Den Verantwortlichen für das Naziregime und den Krieg sollte damit ihre Machtbasis entzogen werden. Forderungen, die noch im Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl im August 1949 erhoben wurden. Selbst die CDU konnte sich den von einer breiten Mehrheit getragenen Forderungen nicht entziehen. In ihrem Ahlener Programm vom 3. Februar 1947 heißt es: »Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund auf erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.« Mehr noch als vor 80 Jahren ist es heute eine existentielle Notwendigkeit, den weitgehend enthemmten und skrupellos profitfixierten Kapitalismus einzuhegen. Nicht mehr wirtschaftliche Macht, sondern »das Wohlergehen unseres Volkes« sollen die Politik bestimmen.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred P. aus Hamburg (8. April 2026 um 12:19 Uhr)
      »Den weitgehend enthemmten und skrupellos profitfixierten Kapitalismus einzuhegen«? »Etwas mit einem Zaun oder einer Begrenzung umgeben, einfassen, limitieren, eingrenzen, kontingentieren, einzäunen« (www) – oder gar friedensfähig machen? Den »weitgehend enthemmten und skrupellosen profitorientierten Kapitalismus« etwas hemmen, ein paar Skrupel abziehen von der Profitorientierung, und schon scheint die Sonn’ ohn Unterlass, da lachen ja die Hühner!
  • Leserbrief von Roland Weinert (6. April 2026 um 22:16 Uhr)
    Diese Meldepflicht des neuen Wehrpflichtgesetzes (WPflG) ist ein Anschlag auf das Grundgesetz der BRD, die Demokratie, den Souverän sowie die Bürgerrechte insgesamt. Diese Meldepflicht belegt einmal mehr, wie obrigkeitsstaatlich-totalitär der Regierungsapparat in Bullshit-Berlin ist. Der muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Wie sagte doch eine Politikerin: »Auf die Barrikaden!« – Frage: Wieso sind Frauen eigentlich von der Wehrpflicht ausgenommen?
  • Leserbrief von Bernd Jacoby aus Wiesbaden (6. April 2026 um 17:22 Uhr)
    Ganz schlecht, Frau Wagenknecht! An was Sie das erinnert. Dass sich Männer Auslandsaufenthalte bei der Bundeswehr genehmigen lassen müssen, erinnert an »DDR- und Mauerzeiten«, mit »Demokratie und freiheitlicher Grundordnung hat das nichts zu tun«, sagte die BSW-Politikerin am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Die neue Wehrdienstregel zu Auslandsreisen hat sehr viel zu tun mit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland nach Geltung des Grundgesetzes, mit der Notstandsgesetzgebung der Sechziger Jahre, mit dem Führungsanspruch Deutschlands aktuell, mit der nie gekannten Hochrüstung und allen anderen militärischen Maßnahmen nach innen und außen – mit der Militarisierung des Deutschlands hier und heute. Im Übrigen zieht die Regierung mit einer solchen Regelung bestimmt die Konsequenz aus Erfahrungen der Ukraine mit der Ziehung kriegstüchtiger junger Männer (oder jener jungen Ukrainer, die sich nach Deutschland abgesetzt haben) und ist nun mal maßgeblich in diesen Krieg involviert. Vielleicht war ja der Herr General Freuding einer der Experten bei der Einführung der Regelung. Dass es zunehmend zu Grundmustern der Vorsitzenden der Grundwertekommission des BSW gehört, Schablonen der DDR-Bildbearbeitung in die Argumentation einzufügen, um vielleicht (!) bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin Stimmen einzufangen, wird nicht gelingen. Maßgebliche AfD-Politiker posten schon längst in der gleichen Sache Mustervorlagen aus der DDR und sahnen so was ab. Die ganze Bearbeitung des DDR-Bildes über Jahrzehnte darf man durchaus als eine der historisch-ideologischen Grundlagen heutiger Militarisierung unseres Landes betrachten und der wiederbelebten Feindschaft zu Russland. Die falsche Argumentation rührt insofern an den Grundfesten des BSW. Stimmt, Pistorius sollte zurücktreten! Aber nicht wegen irgendeinem Scheiß, den die DDR verzapft hat, sondern wegen der neuen deutschen Katastrophe der Zeitenwende, die solche Regeln macht.