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Fußball

Teil der Gesellschaft

Debatte: Eine Reaktion auf »Fankultur und Klassenfrage« von Raphael Molter

Foto: Sportfoto Rudel/IMAGO
Fußball ist ihr Leben: Fans

Die Reaktion und Weiterführung meines Artikels »Was im Block funktioniert« (27. Januar 2026) warnen davor, die Kurve zum politischen Subjekt zu erklären. Das ist ein berechtigter Hinweis. Weder Fanszenen noch andere Teilbereiche der Gesellschaft bringen automatisch Klassenpolitik hervor. Problematisch wird die Einordnung jedoch dort, wo politische Regungen in den Kurven vor allem als moralische Impulse erscheinen sollen, die vom eigentlichen Klassenverhältnis abgekoppelt sind. Dahinter steht ein Verständnis von Klasse, das sie als geschlossene, historisch gewachsene Formation denkt – als Milieu mit eindeutiger Identität. Doch Klassenverhältnisse sind keine Milieufrage, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis.

Klasse existiert nicht nur dort, wo sie bereits organisiert und eindeutig erkennbar auftritt. Sie existiert als strukturelle Abhängigkeit von Lohnarbeit und als Einbindung in die kapitalistische Reproduktion – auch in fragmentierter, widersprüchlicher Form. Die soziale Zusammensetzung vieler Fanszenen verweist genau auf diese Gegenwart: prekäre Beschäftigung, unsichere Ausbildungswege, steigender Druck auf Wohnverhältnisse, verschärfte Sicherheitsgesetze. Diese Erfahrungen sind keine kulturellen Nebensächlichkeiten, sondern Ausdruck derselben gesellschaftlichen Dynamik, die den Alltag prägt. Wenn sie im Stadion aufeinandertreffen, entsteht kein klassenneutraler Raum, sondern ein verdichteter Ort sozialer Widersprüche.

Zugleich wäre es ein Fehler, die Kurve zu romantisieren. Sie ist widersprüchlich, politisch heterogen und keineswegs frei von Anpassung. Gerade deshalb entsteht politische Subjektivität nicht automatisch. Sie entwickelt sich im Prozess – durch Auseinandersetzung, durch Organisierung, durch bewusste Verbindung unterschiedlicher Erfahrungen. Klasse ist keine fertige Identität, sie wird im Kampf geprägt. Wer erst auf das vollständig ausgebildete Subjekt wartet, verkennt, dass es nur durch kollektive Praxis entstehen kann.

Hier bleibt die Reaktion unvollständig. Sie markiert Grenzen, benennt aber nicht die Aufgabe. Wenn subkulturelle Räume für sich genommen nicht ausreichen, folgt daraus nicht ihre politische Bedeutungslosigkeit, sondern die Notwendigkeit bewusster Vermittlung. Weder ersetzt die Fankultur Klassenorganisation, noch steht sie außerhalb davon. Entscheidend ist, ob vorhandene Fähigkeiten – Mobilisierungskraft, solidarische Strukturen, organisatorische Disziplin – in breitere soziale Kämpfe eingebracht werden.

Für die organisierte Linke heißt das, solche Räume nicht als Nebenwiderspruch abzutun. Sie sind keine Stellvertreter fehlender Betriebsorganisation, aber reale Orte gesellschaftlicher Erfahrung. Wer sie vorschnell als bloße Empörungsräume klassifiziert, verzichtet auf mögliche Ansatzpunkte. Umgekehrt sind Fanszenen gefordert, ihre Konflikte nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Kämpfen um Mieten, Bildung, soziale Infrastruktur oder gegen staatliche Aufrüstung zu verbinden.

Klassenpolitik entsteht nicht von selbst und nicht im idealtypischen Zustand. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen von Abhängigkeit bewusst zusammengeführt und dauerhaft organisiert werden. Das ist keine Frage rhetorischer Zuspitzung, sondern kollektiver Arbeit. Die Kurve ist weder revolutionäres Subjekt noch politisch leerer Raum. Sie ist Teil einer zersplitterten Klasse. Ob daraus organisierte Gegenmacht wird, entscheidet sich nicht in der theoretischen Diagnose ihrer Grenzen, sondern in der gemeinsamen Praxis, diese Grenzen zu verschieben.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.03.2026, Seite 16, Sport

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  • Onlineabonnent*in Joachim Seider aus Berlin 11. März 2026 um 06:40 Uhr
    Wo Raphael Molter recht hat, hat er recht: Auch das Stadion ist ein Ort, an dem es sich lohnt, um politischen Einfluss zu kämpfen. Aber wem sagt er das? Eventuell denen, die das befördern könnten, aber selbst bewusst darauf verzichten, die Betriebe für die politische Arbeit zu nutzen? Dort, wo sich die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft am härtesten austoben und die Klasse am organisiertesten ist. Was an den Rändern geschieht, ist wirklich wichtig, die alte Arbeitersportbewegung hat das tausendfach bewiesen. Viel wichtiger aber ist, dass sich die politische Bewegung der Arbeiterklasse wieder ihrem Zentrum zuwendet und sich nicht an den Rändern zerfasert.
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